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31. Dezember 2014, 19:38 Uhr

Mysteriöses Geräusch in Berlin

Was wurde eigentlich aus dem Knall vom Wedding?

Immer wieder reißt ein Knall viele Berliner aus dem Schlaf. Zuletzt löste das Phänomen Mitte Dezember einen Großeinsatz der Feuerwehr aus. Die Ursache? Gute Frage!

Am 18. Dezember ist es wieder passiert. Gegen 1 Uhr meldeten mehrere Anwohner der Schlossstraße in Berlin-Steglitz eine heftige Explosion. Der mächtige Knall ließ offenbar sogar die Scheiben wackeln. Die Feuerwehr rückte an, konnte aber keinen Grund für das laute Geräusch ausmachen. Niemand wurde verletzt, ein Sachschaden entstand nicht.

Schon länger geht das nun schon so in der Hauptstadt: Immer wieder nachts, zwischen 23 Uhr und 1 Uhr morgens, schreckt ein extrem lauter Knall die Anwohner aus dem Schlaf.

Ob im Wedding, Steglitz oder Pankow: Die Menschen rätseln über den Grund für den Lärm. Behörden wurden befragt, die Berliner Verkehrsbetriebe prüften ihre Strecken, selbst ernannte Lärmjäger machten sich an die Arbeit. Verärgerte Anwohner hängten Plakate an Bäume und Laternenpfähle rund um den Andreas-Hofer-Platz: "Wir bitten um Mithilfe." Man vermute einen Einzeltäter hinter dem nächtlichen Lärm, wahrscheinlich zündle dieser mit Feuerwerkskörpern. Hinweise seien bei der nächsten Polizeidienststelle abzugeben.

Knalljagd vom Weddinger Balkon

Anfang April wurde der Knall im Wedding richtig berühmt. "Unsere Gäste berichteten von einem sehr lauten Knall", beschrieb eine Hotel-Mitarbeiterin das Phänomen. Er sei laut wie ein riesiger Feuerwerkskörper - fast so, "als sprenge jemand eine Telefonzelle in die Luft". Der Knall tauche unregelmäßig auf, das aber seit Jahren.

Nachfragen bei Berliner Behörden blieben ergebnislos. Zuständig seien die Umweltämter, denn das Geräusch ist eine Lärmbelästigung. "Wir wissen nicht, woher der Knall kommt", teilte das Bezirksamt Mitte mit. Auch die Mitarbeiter im Nachbarbezirk Pankow konnten sich den Krach nicht erklären. "Lärmanzeigen zu dieser Thematik gibt es nicht", teilte Umweltstadtrat Torsten Kühne mit. Es lägen außerdem keine Erkenntnisse vor, dass die Lärmquelle in Pankow liege.

Als sich dann die "Bild"-Zeitung einschaltete, hoffte so mancher auf eine Lösung des Rätsels. Ein Reporter postierte eine sogenannte akustische Kamera samt Ingenieur auf einem Weddinger Balkon. Tatsächlich zeichnete die Kamera ein Geräusch auf. Doch außer der Aufnahme, auf der ein sattes "Plopp" zu hören ist, brachte die Aktion keine neuen Erkenntnisse. Währenddessen meldeten sich auch Wissenschaftler zu Wort.

"Um eine Schallquelle zu orten, sind mehrere im Raum verteilte Mikrofone nötig", sagte Johannes Wendeberg vom Institut für Informatik an der Universität Freiburg SPIEGEL ONLINE. "Aus dem Zeitunterschied, mit dem das Signal jeweils bei ihnen ankommt, lässt sich dann die Richtung und gegebenenfalls auch die Position berechnen." Time Differences of Arrival, kurz TDoA, heißt das Prinzip, das bei der sogenannten Multilateration angewendet wird.

Schon auf Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs wurde das Verfahren eingesetzt, dabei ging es um große Geschütze. Das US-Militär verwendet weiterentwickelte Systeme heute gegen Heckenschützen.

Was ist das richtige Signal?

Schallwellen sind in der Luft vergleichsweise langsam unterwegs. Abhängig von der Temperatur liegt die Schallgeschwindigkeit bei etwa 343 Metern pro Sekunde. Um einen Meter zurückzulegen, braucht der Schall rund drei Millisekunden. Wenn zwei Mikrofone also einen Meter auseinanderstehen, dann registrieren sie ein und dasselbe Signal - je nach Herkunft - mit bis zu drei Millisekunden Verzögerung.

"Diese Zeitunterschiede kann man gut messen", sagt Wendeberg. "Manche Musiker können sie sogar hören." Wer also ungefähr weiß, woher ein Signal - in diesem Fall der Knall - kommen könnte, muss in der Nähe drei Mikrofone aufstellen. Außerdem ist eine genaue Uhr nötig, mit der die Aufnahmen synchronisiert werden. Dann lässt sich der Unterschied in der Signallaufzeit berechnen.

Auf diese Weise ließe sich der rätselhafte Lärm im Wedding aufzeichnen, erklärte Wendeberg. Theoretisch jedenfalls: Störquellen machen die Messungen ungenau. Besonders tückisch in bebauter Umgebung sind Echos. "Da muss man erst herausfinden, welches das richtige Signal ist."

Und so bleibt der Knall vom Wedding weiter rätselhaft. Unzählige Theorien sind im Umlauf, mal mehr, mal weniger plausibel. Hier die schönsten Vorschläge:

Womöglich kommt das Geräusch doch aus dem Untergrund. Benjamin Vonrhein vom Berliner Unternehmen Gfai Tech, der im Wedding mit der Akustischen Kamera Tests gemacht hat, war sich nach der Lektüre von Zeugenaussagen ohnehin nicht mehr sicher, ob es den einen Knall tatsächlich gibt. "Womöglich hören unterschiedliche Leute auch unterschiedliche Sachen."

Am 18. Dezember ist es wieder passiert. Gegen 1 Uhr meldeten mehrere Anwohner der Schlossstraße in Berlin-Steglitz eine heftige Explosion. Der mächtige Knall ließ offenbar sogar Scheiben wackeln. Die Feuerwehr rückte an, konnte aber keinen Grund für das laute Geräusch ausmachen. Ein Sachschaden entstand nicht, verletzt wurde niemand.

nik

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