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08. April 2019, 15:04 Uhr

Emissionen

Als das letzte Mal so viel CO2 in der Luft war, wuchsen Pflanzen in der Antarktis

Derzeit befindet sich so viel Kohlendioxid in der Atmosphäre wie zuletzt vor drei Millionen Jahren, berichten Potsdamer Forscher. Damals war es deutlich wärmer als heute, der Meeresspiegel lag mindestens 15 Meter höher.

Das Pliozän klingt nach Urlaub: In der Epoche der Erdgeschichte vor gut 5,3 bis 2,5 Millionen Jahren lagen die weltweiten Temperaturen drei bis vier Grad höher als heute. In Europa lebten Giraffen, in der Antarktis wuchsen Pflanzen und Grönland war komplett eisfrei. Allerdings lag der Meeresspiegel 15 bis 20 Meter höher als heute. Forscher interessieren sich seit Langem für diese Zeitspanne. Das Pliozän wird auch als Blaupause für das künftige Klima gehandelt, weil damals ähnlich viel Kohlendioxid in der Atmosphäre vorhanden war wie heute.

Nun deuten Analysen des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) darauf hin, dass der aktuelle CO2-Anteil in der Erdatmosphäre tatsächlich derzeit so hoch ist wie nie zuvor in den vergangenen drei Millionen Jahren. Die Forschungsergebnisse beruhen auf Computersimulationen, die auf geologischen und astronomischen Daten basieren.

Die Wissenschaftler spielten mit Hilfe der Simulationen verschiedene Szenarien durch, die sie mit Daten aus Meeresbodensedimenten verglichen, die Aufschluss über die vorherrschenden klimatischen Bedingungen geben, schreiben sie im Fachblatt "Science Advances". "Dass das Modell die Hauptmerkmale der beobachteten Klimageschichte reproduzieren kann, macht uns zuversichtlich, dass wir die grundsätzlichen Funktionsweisen des Klimasystems verstanden haben", sagte Pik-Forscher Andrey Ganopolski.

"So faszinierend das ist, es ist auch besorgniserregend"

Laut den Simulationen haben vor allem leichte Veränderungen der Erdbahn und der Erdachse sowie ein sinkender Gehalt von Kohlendioxid in der Atmosphäre dazu geführt, dass das Pliozän zu Ende ging und das Pleistozän mit einem Wechsel zwischen Warm- und Kaltzeiten folgte.

"Unsere Ergebnisse deuten auf eine hohe Empfindlichkeit des Erdsystems gegenüber relativ geringen Schwankungen des atmosphärischen CO2 hin", sagte Matteo Willeit, Hauptautor der Studie. "So faszinierend das ist, es ist auch besorgniserregend."

Laut den Forschern ist die globale Temperatur in den vergangenen drei Millionen Jahren nie um mehr als zwei Grad Celsius gestiegen, im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter. Im Moment liegen die Temperaturen etwa ein Grad Celsius darüber. Ohne umfassende Klimaschutzmaßnahmen könnten die Temperatur jedoch schon innerhalb der kommenden 50 Jahre um zwei Grad steigen, warnen die Forscher.

Das Ziel von höchstens zwei Grad durchschnittlicher Erwärmung der Erdtemperatur gilt als Grenze, um schwerwiegende Folgen für Menschen und Umwelt zu verhindern. Wenn möglich, sollte die Erderwärmung dem Pariser Abkommen zufolge aber schon bei 1,5 Grad begrenzt werden.

Dieses Ziel ist laut Forschern aber nur zu erreichen, wenn die Emissionen im Vergleich zum Jahr 2010 um 45 Prozent fallen - und spätestens bis zum Jahr 2050 müsse der Kohlendioxidausstoß in der Summe auf null gebracht werden. (Mehr dazu lesen Sie hier).

Bleibt es dagegen bei den aktuellen Zusagen der Staaten für den Pariser Klimavertrag, könnten die globalen Temperaturen in den kommenden Jahrzehnten im Schnitt um 2,6 Grad Celsius bis 4 Grad Celsius steigen. Was die Temperaturen angeht, wäre die Welt dann wieder im Pliozän angekommen.

koe

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