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20. April 2009, 16:49 Uhr

Kommunikation mit Außerirdischen

Die nackte Wahrheit

Wasserstoffatome, Sonnensysteme und züchtige Nackedeis: Die Nachrichten an Außerirdische auf den Raumsonden der siebziger Jahre zeichneten ein geschöntes Bild der Menschheit, kritisiert ein US-Forscher. Er fordert mehr Ehrlichkeit im Dialog mit Außerirdischen.

Es war eine ungewöhnliche Nachricht an einen ungewöhnlichen Empfänger: Am 2. März 1972 startete die US-Raumsonde "Pioneer 10" ins All. Mit an Bord: eine vergoldete Aluminiumtafel mit seltsamen Zeichnungen. Adressat waren außerirdische intelligente Lebewesen. Die Tafel sollten ihnen etwas über die Erde und die Menschheit mitteilen.

Sie war in etwa so groß wie eine DIN-A5-Seite. Darauf zu sehen überwiegend dröge Kost: die schematische Zeichnung von Wasserstoffatomen, die relative Lage unserer Sonne, eine Skizze unseres Sonnensystems, inklusive der Bahn der Raumsonde selbst. Und: ein nackter Mann und eine nackte Frau - mit Siebziger-Jahre-Frisuren. Wie es sich gehört, US-amerikanisch züchtig dargestellt: Die Genitalien wurden nur angedeutet.

Doch manchen ging auch das zu weit. Außerdem: Sei es wirklich angebracht, sich bei einer ersten Kontaktaufnahme gleich nackt zu zeigen? Noch weitere Kritik erntete die Nachricht: Zu schwer verständlich sei sie und außerdem zu anthropozentrisch. Im Jahr 1977 dann gab die Nasa zwei neue Briefe an E.T. in die Post, diesmal auch mit Sound untermalt. Die vergoldeten Schallplatten an Bord der "Voyager"-Sonden enthielten außer Zeichnungen Grußworte in 55 Sprachen, Musikstücke und Naturgeräusche. Nackte Menschen waren nicht mehr zu sehen.

Nicht jede Post wurde mit Sonden losgeschickt: 1974 strahlte das Arecibo-Teleskop in Puerto Rico eine binär codierte Radiowellennachricht ab, in der Bilder der Biologie des Menschen enthalten waren. Grafisch erinnerten sie jedoch eher an Videospiele aus den frühen achtziger Jahren.

"Ehrlichkeit ist ein guter Start"

Für zukünftige Nachrichten an Außerirdische wünscht sich Douglas Vakoch vom Seti-Projekt nun mehr Ehrlichkeit und Offenheit: "Diese Nachrichten haben nie die Menschheit wirklich repräsentiert", schreibt er in einem Beitrag für das Magazin "New Scientist". "Die 'Voyager'-Platten klammerten Krieg, Armut und Krankheit aus." Eine Nachricht an Außerirdische sollte in solcher Hinsicht nicht verkürzt sein, meint Vakoch. Zudem sollte man deren Intelligenz nicht unterschätzen: "Würde eine fortgeschrittene außerirdische Spezies nicht ohnehin merken, dass in unserer Selbstbeschreibung etwas fehlen würde?"

Jüngste Versuche der Kontaktaufnahme mit Aliens gerieten eher banal: Vergangenes Jahr bestrahlte ein Chipsfabrikant einen 42 Lichtjahre entfernten Stern mit einer sechsstündigen Dauerreklame. So gesehen war diese Botschaft ehrlicher - wenn schon Menschen dem Dauerfeuer der Werbung ausgesetzt sind, warum dann nicht auch Aliens damit nerven?

Vakoch möchte eine ernsthafte, selbstkritische Anerkennung eigener Fehler und Schwächen in den Nachrichten an die Aliens. "Ehrlichkeit ist ein guter Start für eine Konversation, die Generationen dauern könnte", sagt er.

Zwar ist derzeit kein weiteres Schreiben an die Aliens geplant, aber Seti will schon mal anfangen zu sammeln: Ab dem 15. Mai kann weltweit jeder über die Seti-Web-Seite Nachrichten einsenden, die er gern an mögliche außerirdische Adressaten loswerden möchte.

Doch womöglich stoßen die Aliens ohnehin zuerst auf die Post aus den siebziger Jahren. Denn alle vier Raumsonden haben unser Sonnensystem mittlerweile verlassen und sind in den interstellaren Raum vorgedrungen.

Doch wird E.T. wirklich glauben, dass bei uns auf Erden nur Friede, Freude, Eierkuchen herrscht?

Und dass wir noch Schallplatten hören?

lub

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