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Ölsuche vor Grönland: Bohren in der Arktis

Foto: BOB STRONG/ REUTERS

Kontroverses Bohrprojekt Ölsuche vor Grönland empört Umweltschützer

Arktisches Abenteuer mit ungewissem Ausgang: Während die Welt über die Gefahr der Offshore-Ölförderung diskutiert, sucht eine britische Firma vor der Küste Grönlands nach neuen Lagerstätten. Die Bohrungen in der tauenden Arktis empören Ökoaktivisten.

Wenn man von Ilulissat auf die eisbergbedeckte Disko-Bucht hinausschaut, wird man nichts davon mitbekommen. Natürlich nicht. Man wird nicht sehen, dass irgendwo dort draußen vor der grönländischen Küste die Bohrplattform "Stena Don" und das riesige Spezialschiff "Stena Forth" vor Anker liegen. Man wird nur die riesigen Eisberge bestaunen, die majestätisch und beinah geräuschlos vorbeiziehen - und sich in einer unberührten Landschaft am Ende der Welt wähnen.

Doch noch nicht einmal 200 Kilometer von hier entfernt fräsen sich gerade Bohrer in den Meeresboden. In der hohen Arktis sollen sie Öl finden, inmitten einer Eisbergroute. Der schottische Ölkonzern Cairn Energy hat vor wenigen Tagen begonnen, Explorationsbohrungen ins Gestein vor der westgrönländischen Küste zu treiben - zu einer Zeit, in der Offshore-Ölförderung bei vielen Menschen so viel Ansehen genießt wie George Bush in Afghanistan.

Doch die Welt ist durstig nach Energie - und die Ölkonzerne sind natürlicherweise daran interessiert, diesen Durst zu stillen. Überall auf der Welt werde gebohrt, sagt Firmensprecher David Nisbet im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Für problematisch hält der frühere BBC-Journalist die Treibstoffsuche im sogenannten Sigguk-Block vor Grönlands Küste deswegen nicht: "Wir sind uns sehr sicher bei dem, was wir tun." Das Unternehmen sei sich seiner Verantwortung in der arktischen Umgebung sehr bewusst. "Jetzt ist die beste und die sicherste Zeit des Jahres, um dort zu bohren", sagt Nisbet.

Nach Schätzungen des Geologischen Dienstes der USA sollen rund 90 Milliarden Barrel unentdecktes Öl rund um den Nordpol lagern, mehr als sieben Milliarden davon zwischen der Westküste Grönlands und den kanadischen Arktis-Inseln. Zwischen 300 und 500 Meter ist das Wasser in dem Gebiet tief, in dem Cairn von der schottischen Spezialfirma Stena Drilling bohren lässt. Vom Meeresboden aus geht es noch einmal rund vier Kilometer tief ins Gestein. Bis zu vier Bohrungen sollen es einstweilen werden - nach Angaben der "Financial Times" zu einem Stückpreis von 100 Millionen Dollar.

"Es wird wieder wenig Eis werden"

Für die Ausbeutung von Öl und Gas in der Arktis ist es ungemein praktisch, dass der weiße Panzer des arktischen Meereises langfristig gesehen immer kleiner wird. Derzeit liegen noch rund acht Millionen Quadratkilometer Eis auf dem Arktischen Ozean, wie Satellitenbilder des Nasa-Satelliten "Aqua" belegen, die an der Universität Bremen erstellt werden. Und jeden Tag schrumpft die Fläche um Zehntausende Quadratkilometer. Bereits jetzt steht fest, dass auch in diesem Jahr die Ausdehnung des Eises weit unter den langjährigen Mittelwerten bleiben wird.

"Es wird wieder wenig Eis werden, aber vermutlich nicht so wenig wie 2007", fasst Rüdiger Gerdes vom Alfred Wegener Institut für Polar- und Meeresforschung die Lage zusammen. Es gebe eine 50-50-Chance, dass die Eisfläche in diesem Jahr unter die Werte des vergangenen Sommer falle. Georg Heygster von der Universität Bremen hält sogar einen Negativrekord für durchaus realistisch - weil die Großwetterlage in der Arktis der des Krisenjahres 2007 ähnele: starke Winde vom Pol weg und wenig Wolken. Damals war die Eiskappe im Minimum gerade noch 4,1 Millionen Quadratkilometer groß.

Auch ein Blick auf den Sea Ice Outlook, das ist ein internationaler Prognosewettbewerb zur Ausdehnung des Arktis-Eises, wirkt beunruhigend: Nur eine von 16 Forschergruppen glaubt, dass es in diesem September mehr Eis geben könnte als im vergangenen Jahr zur selben Zeit.

Und so strömen die Ölfirmen zuhauf in die tauende Arktis. Neben Cairn haben sich unter anderem auch Exxon und Chevron Explorationslizenzen vor Grönlands Westküste besorgt. Weitere Genehmigungen wollen die Behörden in der Hauptstadt Nuuk im August verkaufen - noch weiter im Norden als die bisher zugeteilten Gebiete. Für Grönland sind Einnahmen aus dem Ölgeschäft wichtig, weil sie eines Tages für eine vollständige Unabhängigkeit von Dänemark sorgen können. Zusammengerechnet dürften 59 Prozent der Gewinne bei der grönländischen Regierung bleiben, erklärt Jörn Skov Nielsen vom Grönländischen Rohstoff- und Ölministerium im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Doch bis das Geld tatsächlich fließt, dürfte noch viel Zeit vergehen: "Grönland kann keine signifikanten Einnahmen in den ersten zehn Jahren nach Start der Bohrungen erwarten."

"Dann gäbe es eine Katastrophe"

Doch das Risiko von Umweltverschmutzungen steht quasi vom ersten Tag an im Raum. Was passiert, wenn eine Ölbohrung in der Arktis ähnlich schiefläuft wie die der "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko? Klar ist, dass ein solcher Unfall im hohen Norden noch dramatischere Folgen haben dürfte. Während es im warmen Wasser des Golfs von Mexiko immerhin Bakterien gibt, die Öl früher oder später vertilgen, fehlen die nützlichen Winzlinge in der Arktis. Auch die niedrigen Wassertemperaturen verhindern, dass sich das Öl zersetzen kann. "Man muss sich bewusst sein, dass man einen Unfall nicht ausschließen kann", sagt Iris Menn von Greenpeace im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Und dann gäbe es eine Katastrophe."

Cairn Energy sieht sich freilich auf alle Eventualitäten vorbereitet. Man habe extra zwei Bohrschiffe gleichzeitig in der Region - um notfalls eine Entlastungsbohrung zu starten, wie sie derzeit vor der US-Küste läuft. Sogar die Koordinaten für solch ein Rettungsloch zum Verschließen einer leckenden Quelle habe man sicherheitshalber schon festgelegt, erklären die schottischen Ölmanager. Und auch beim Einsammeln von Öl gäbe es keine Probleme: Man habe 14 Schiffe vor Ort, die sich an Rettungsaktionen beteiligen könnten.

"Man hat diese Sätze alle gehört", entgegnet Greenpeace-Mitarbeiterin Menn. Seit mehr als zwei Monaten wisse man, was davon zu halten sei - seitdem der britische Konzern BP und die US-Golfküste mit dem "Deepwater Horizon"-Drama zu kämpfen haben. Dabei waren im Golf von Mexiko bis zu 600 Schiffe zum Absaugen des Öls gleichzeitig im Einsatz - und nicht nur ein gutes Dutzend, wie sie vor Grönland verfügbar wären. Grönlands Behörden verweisen indes darauf, dass es auch an Land weitere Ölbekämpfungsressourcen gebe. Und notfalls würde man sogar aus Südengland Notfallmaterial einfliegen lassen, wo man ein Spezialunternehmen unter Vertrag genommen habe.

"Wir glauben, wir sind viel besser vorbereitet"

"Die Ressourcen zur Antwort auf Ölunfälle reichen nicht aus", widerspricht Patrick Lewis vom Arktis-Büro des WWF in Oslo. Außerdem seien viele Technologien zum Kampf gegen Ölverschmutzungen unter den arktischen Bedingungen nicht effektiv, vom Kampf gegen eine Ölpest in den dunklen und eisigen Wintermonaten ganz zu schweigen. Deswegen fordert die Umweltschutzorganisation einen Stopp aller Ölbohrungen in der Arktis - und zwar so lange, bis sich die Staaten rund um den Pol auf verbindliche gemeinsame Regeln geeinigt hätten.

Die grönländische Regierung hält das freilich nicht für nötig. "Wir haben umfassende und strikte Sicherheitsstandards", sagt Jörn Skov Nielsen. Die Regeln orientierten sich an denen Norwegens - und seien damit weit strenger als jene im Golf von Mexiko: "Wir glauben, wir sind viel besser vorbereitet."

Deswegen drehen sich in der Disko-Bucht die Bohrgestänge einstweilen weiter. Im August soll das erste Loch in der vorgesehenen Tiefe ankommen - und nach dem Willen der Ölmanager von einem reichen Öllager künden. Und was, wenn in der Zwischenzeit Eisberge Kurs auf die Bohrschiffe nehmen? Dann sollen vier Schlepper der kanadischen Spezialfirma C-Core diese einfach an die Leine nehmen, sagt Cairn-Sprecher Nisbet. In den Ölfördergebieten vor Neufundland sei das gängige Praxis. Auch dort sollen übrigens nach Willen der kanadischen Regierung weitere Bohrlöcher niedergebracht werden.

Von einem Bohrstopp ist die Arktis also weit entfernt.

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