Kampf gegen Korallenbleiche in der Südsee Die Riffretter von Moorea

Wegen der steigenden Wassertemperaturen werden in den nächsten Jahren weltweit Riffe sterben. Auf der Südseeinsel Moorea will ein Projekt diesen Trend aufhalten – mit sogenannten Superkorallen.
Die Coral Gardeners hängen vor Moorea kleine Korallen an Leinen, bis sie groß genug sind, um im Riff angesiedelt zu werden

Die Coral Gardeners hängen vor Moorea kleine Korallen an Leinen, bis sie groß genug sind, um im Riff angesiedelt zu werden

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Ryan Borne/Coral Gardeners

Jeden Tag besucht Taiano Teiho die Gärtnerei und untersucht seine Schützlinge. Sein Arbeitsplatz ist auf den ersten Blick nicht sichtbar – denn er befindet sich unter Wasser. Der 23-Jährige pflegt kleine Korallenfragmente, die an Metallgebilden ähnlich wie Wäscheständer hängen. An jeder Leine sind mehrere Stücke befestigt, manche sind so groß wie eine Fingerkuppe, andere wie eine ganze Hand. Sie sind Teil eines Projekts, durch das eines der größten Ökosysteme der Erde erhalten bleiben soll: tropische Korallenriffe.

Korallenriffe sind Lebensraum für ein Viertel aller Meerestierarten. Weltweit sind laut Schätzung des Global Coral Reef Monitoring Network etwa 500 Millionen Menschen von den Riffen abhängig. So auch die Bewohner von Teihos Wohnort, der Südseeinsel Moorea in Französisch-Polynesien. Das französische Überseegebiet besteht aus 118 Inseln und liegt mitten im Pazifik – etwa fünf Flugstunden von Neuseeland und acht von Los Angeles entfernt. Teihos Korallenfragmente liegen in der Lagune um Moorea, die Insel ist auch als Tahitis kleine Schwester bekannt.

Lagune vor Moorea

Lagune vor Moorea

Foto: Ryan Borne / Coral Gardeners

Der Klimawandel bedroht die Korallen auf Moorea – und die auf der ganzen Welt. Der Weltklimarat (IPCC) geht davon aus, dass bereits bei einer Erwärmung um 1,5 Grad Celsius 70 bis 90 Prozent der Riffe verschwinden werden. Neben der Verschmutzung der Meere sind vor allem marine Hitzewellen der Feind der Korallen. Sie können steigende Temperaturen nicht gut aushalten. Wird das Wasser zu warm, bleichen sie aus. »Manche Korallenstöcke im Riff wachsen nur einen Zentimeter pro Jahr«, sagt Teiho. »Wenn du sie dann tot im Wasser vorfindest, das macht etwas mit dir.«

Teiho arbeitet bei den Coral Gardeners – einer Organisation, die sich um die Aufzucht von Korallen kümmert. Die kleinen Fragmente sollen einmal das Riff der Insel vervollständigen. Teiho und sein Team entnehmen dazu etwa zehn Prozent einer gesunden Koralle. Jedes Fragment soll einmal ein eigener Korallenstock werden, 12 bis 18 Monate dauert es im Durchschnitt bis zur Ansiedelung.

Je nach Jahreszeit beträgt die Wassertemperatur vor Moorea 27 bis 29 Grad Celsius. Mit Tauchermaske und Gewichtsgurt ausgestattet begibt sich Teiho auf etwa zwei Meter Tiefe und putzt die Metallkonstruktion. Er befreit sie von Ablagerungen, die den Bruchstücken Licht nehmen. Teiho tänzelt wie schwerelos auf den Metallstangen hin und her, zurrt die Leinen fest, wenn sie sich durch das zunehmende Gewicht der Korallenfragmente gelockert haben.

Zeugen einer der schwersten Korallenbleichen

Die Erkenntnis, dass das Riff seiner Insel im Südpazifik sich verändert, traf ihn unerwartet: Vor fünf Jahren, wollte der damals 18-Jährige mit seinem gleichaltrigen Freund Titouan Bernicot surfen gehen. Sie sind beide auf Moorea aufgewachsen. An dem Tag »sahen wir große Pocillopora verrucosa unter unseren Füßen, aber sie waren weiß«, so Bernicot. Dort, wo zuvor noch Doktor-, Papageien- und Drückerfische lebten, fanden sie nun nur noch eine Ansammlung von Kalkskeletten vor. Teiho und Bernicot wurden Zeugen einer der schwersten Korallenbleichen, die bisher beobachtet wurden. Sie ereignete sich auch an anderen Orten der Erde, etwa am Great Barrier Reef in Australien, wo mehr als 90 Prozent der Korallen betroffen waren.

Korallen sind weder Steine noch Pflanzen. Sie bestehen aus Kolonien von Polypen, also kleinen Nesseltieren, die eine Symbiose mit sogenannten Zooxanthellen eingehen. Das sind Algen, die sich in der Außenwand der Koralle ansiedeln und Fotosynthese betreiben. Sie geben Nährstoffe an die Polypen weiter. Bei zu hohen Wassertemperaturen wird die Fotosynthese der Algen gehemmt. Stattdessen produziert die Alge dann Giftstoffe. Die Koralle versucht daraufhin, diese loszuwerden, stößt sie ab und verliert ihre Farbe. Aber ohne die Zweckgemeinschaft mit den Algen können die Polypen nicht dauerhaft überleben: Kühlt das Wasser innerhalb kurzer Zeit nicht wieder ab, stirbt die Koralle.

Teiho und Bernicot wissen: Es ist normal, dass Teile eines Riffs in regelmäßigen Abständen zerstört werden. Wie nach einem Waldbrand wird so wieder Platz für neues Leben geschaffen. Doch durch die Klimakrise kommt es in immer kürzeren Abständen zu extremen marinen Hitzewellen. Das Riff hat deshalb keine Zeit, sich zu regenerieren.

Bisher mehr als 15.000 Superkorallen gepflanzt

Für Bernicot ist nach ihrer Entdeckung klar: Teiho und er müssen etwas tun. Bernicot startete eine kleine Korallenfarm. Doch das Projekt wird über die Jahre größer, mittlerweile hat die Organisation mehr als 20 Mitarbeiter. Die Coral Gardeners haben bisher mehr als 15.000 Korallen in der Lagune von Moorea gepflanzt. Sie wählen dafür Fragmente von Korallen in großen widerstandsfähigen Kolonien aus. Denn einzelne Arten sind resilienter gegen verschiedene Stressfaktoren. Diese sogenannten Superkorallen sollen den zukünftigen Temperaturschwankungen und anderen schädlichen Einflüssen standhalten können.

Doch dass nicht alle Korallenarten als Superkoralle infrage kommen, wird sich in Zukunft auf die Diversität auswirken. Die Coral Gardeners pflanzen 30 verschiedene an – es gibt jedoch insgesamt mehr als 800 Arten.

Finanziert wird die Arbeit der Coral Gardeners durch Spenden und ein Korallen-Adoptionsprogramm. Das Team ist Teil einer größeren Bewegung: Auf der ganzen Welt gibt es ähnliche Projekte, die sich um die Wiederherstellung von Riffen kümmern – zum Beispiel Corals for Conservation (C4C) auf den Fidschi-Inseln und Plant a Million Corals im US-Bundesstaat Florida. Das Team steht mit ihnen und vielen anderen in Kontakt. Sie profitieren voneinander, tauschen sich aus und teilen Erkenntnisse über ihre Arbeit mit.

Ein weiteres Ziel der Coral Gardeners ist es, mehr Bewusstsein für die Bedrohung der Riffe zu schaffen. Denn schließlich soll nicht nur das Riff der kleinen Südseeinsel Moorea gerettet werden, sondern auch die Korallenkolonien an anderen Orten der Erde. Bis 2025 wollen die Coral Gardeners mithilfe von zukünftigen Zweigstellen eine Million Korallen pflanzen. Über soziale Medien wollen sie auch Menschen erreichen, die nicht direkt an einem Riff leben – denn auch deren Verhalten wirkt sich auf deren Zustand aus. Bernicot sagt: »Um das Riff zu retten, müssen wir alle die Art, wie wir leben, überdenken.«

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