Krabbenjagd in der Beringsee Fisch oder stirb!

Die Beringsee wird geschätzt für ihren Reichtum und gefürchtet für ihr Wetter. Wer hier nach "snow crabs", den Schneekrabben, fischt, kann über Nacht reich werden - oder sterben. Haushohe Wellen, arktische Stürme und das Rennen um die besten Fänge machen den Job zu einem der gefährlichsten der Welt.
Von Donatien Garnier

Seattle, Mai 2008. Ein eleganter Mann mit akkurat gestutztem Bart betritt den gedämpft beleuchteten Speisesaal im "Nell's", einem schicken Restaurant im Norden der Stadt. Er hat eigenen Wein mitgebracht, einen Burgunder, das ist hier erlaubt. Zielstrebig setzt er sich an den ihm zugewiesenen Tisch. Gleich werden seine Freunde eintreffen.

Bill Widing, 51 Jahre alt, ist ein distinguierter Geschäftsmann, Eigentümer eines hitchcockwürdigen Landhauses in den Bergen Seattles. Ein Bonvivant, der heute von seiner Frau Clair begleitet wird. Ihren 50. Geburtstag will er in diesem Drei-Sterne-Lokal feiern.

Es ist ein besonderer Abend. Besonders deshalb, weil Bill da ist. Denn eigentlich ist Bill nie da, sagen seine Freunde. Jedes Jahr zieht es ihn für mehrere Monate in die Gewässer der Beringsee, um dort Schwarzbarsche zu fangen. Für die Männer der "Aleutian Beauty", eines seiner zwei Fangschiffe, ist Bill ein Typ wie sie: großes Mundwerk, vom Salz gesträhnte Haare, einer, der in T-Shirt und Unterhose herumläuft, sobald er sein Ölzeug ausgezogen hat. Und er ist ein erfahrener Kommandant, dem man ohne Zögern in die unwirtlichsten Ecken Alaskas folgt.

Das Geschäft mit den Schwarzbarschen ist lukrativ, und die Bedingungen sind schwierig – doch kein Vergleich zum Sturm und zur Eiseskälte, denen Bill ausgesetzt war, als er noch Schneekrabben jagte. 20 Jahre riskierte er dafür sein Leben. Den Krustentieren verdankt er seinen Reichtum. Auch heute noch kassiert er kräftig ab, obwohl er nicht mehr selbst nach ihnen fischt.

Die Nacht ist rabenschwarz. Himmel und Ozean fließen ineinander und verbünden sich gegen das Schiff.

Beringsee, Januar 2003. Die "Amatuli" ist ein Kutter von 38 Meter Länge, mit fünf Mann Besatzung, Bill hat das Kommando. Die Nacht ist rabenschwarz. Himmel und Ozean verbünden sich gegen das Schiff, das es wagt, mitten im Winter in sie einzudringen. Die orangefarbenen und roten Umrisse der Seeleute bewegen sich in einem flutlichtbeschienenen, wirbelnden Lichthof aus Schnee und eisiger Gischt. Das Tosen der Elemente wird nur noch übertönt von der auf volle Lautstärke gedrehten Musik an Deck.

Auch drinnen auf der Kommandobrücke hämmert ein Lautsprecher den immer gleichen Rhythmus von Rapper Eminem aus. Bill, der am Funkgerät steht, um mit seiner Crew zu reden, scheint die Beschallung nicht zu stören. "Ich mag Rock oder Blues lieber, aber für die Mannschaft ist es gut. Mit der Musik arbeiten sie besser und länger", sagt er, ohne die fünf Burschen dabei aus den Augen zu verlieren, die sich gerade darauf vorbereiten, ihre erste Reuse in dieser Saison hochzuholen. Insgesamt hundert Reusen müssen geleert werden.

Bill lässt es sich überhaupt nicht anmerken, dass jetzt, vier Tage nach dem Auslaufen in Dutch Harbor auf Unalaska, für ihn ein entscheidender Moment gekommen ist. Denn er hat hoch gepokert. Statt in dem Gebiet zu fischen, das er in- und auswendig kennt, hat er sich entschieden, viel höher in den Norden zu fahren, bis in die Nähe des 60. Breitengrads, in eine Gegend, die normalerweise vereist ist. In diesem Jahr aber ist es möglich, dorthin zu gelangen. Angeblich wimmelt es da nur so von Schneekrabben.

Nun die Stunde der Wahrheit. Endlich wird er wissen, ob seine Strategie aufgegangen ist, ob die mächtigen Eisenkäfige, die sie in der Nacht zuvor hinabgelassen haben, tatsächlich prall gefüllt sind mit den wertvollen Arktischen Seespinnen, Chinoecetes, die die Fischer "opies" oder eben Schneekrabben nennen und deren Beine die Japaner so lieben. 70 Prozent der Fangs gehen nach Japan; dort wird viel Geld für das Krustentier ausgegeben.

Nicht nur in Fernost, überall in der Welt gilt das süßlich schmeckende Schneekrabbenfleisch als eine Delikatesse. Serviert wird es mit Wasabi oder Früchten, mit Salsa oder Mango-Curry-Sauce, warm oder kalt. Die rohe Schneekrabbe ist zudem bei Sushi-Liebhabern besonders begehrt. Das zarte Fleisch sei vielseitig einsetzbar, schwärmen Köche, und so sind Schneekrabben immer häufiger auf den Speisekarten der Spitzenrestaurants zu finden.

Ein Trend, der Bills Männern gefallen dürfte. Läuft die Fangsaison gut, können die Seeleute darauf hoffen, dass jeder von ihnen 25.000 Euro bekommt. Ein Vermögen, das sie alle längst ausgegeben haben – in ihren Träumen.

Bill drückt auf einen Knopf, eine Glocke an Deck scheppert. Signal an die Besatzung. Schon sind zwei mit einem Tau verbundene Bojen auf Backbord zu sehen. Unten, 60 Meter tief, wartet die erste Reuse. Sofort greift Freddie Mangatai, 29, ein kräftiger Samoaner, der eigentlich Bordmechaniker ist, zu einem Haken, legt das Stahlseil ein und macht sich daran, den Fang an Bord zu hieven. Tim MacWilliams, 24 Jahre und von irisch-japanischer Herkunft, steht an der Winde bereit. Auf den gischtenden Brecher, der ihn vollkommen durchnässt, achtet er nicht. Jeder Handgriff sitzt. Alles geht sehr schnell. Muss es auch. Die Devise ist: möglichst viele Krabben in möglichst kurzer Zeit.

Es ist ein gnadenloser Wettlauf gegen die anderen 192 Boote, die gerade in der Beringsee unterwegs sind. Schuld ist das System, das "derby style" genannt wird. Das Prinzip: Die konkurrierenden Boote haben ein enges Zeitfenster, in dem sie die Schneekrabben fischen dürfen. Die Saison beginnt am 15. Januar und endet, sobald 12.000 Tonnen gefangen sind. Das kann vier Wochen dauern. Es kann auch schneller gehen. Wer weiß das schon?

Maximaler Einsatz wird der Mannschaft abverlangt. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit und gegen die Konkurrenz.

Nur eins ist klar: Die Seeleute müssen pausenlos arbeiten und alle Risiken in Kauf nehmen. Zwölf Meter hohe Wellen, arktische Winde und 300 Kilogramm schwere Fangkörbe, die gegen das Schiffsdeck donnern, machen den Job zu einem der gefährlichsten der Welt. Wer hier einen ordentlichen Lohn herausholen will, muss maximalen Einsatz bringen, auch wenn er tödlich enden kann.

Percy Mangatai, 19, zeigt zu wenig Einsatz – findet jedenfalls sein älterer Bruder Freddie. Auf Samoanisch treibt er ihn an: Er soll einen Haken an der großen Reuse befestigen, die sich gerade an der Breitseite des Schiffes befindet. Diesmal muckt Percy nicht und macht seinen Job, damit Mike Mayberry, 29, der Schiffskoch, die Falle mit der Winde aus dem Wasser ziehen kann. Geschafft.

Einen kurzen Moment schwankt die stählerne Reuse, als versuche sie, Percy ins dunkle, eisige Wasser stoßen oder ihn auf Deck zu zerquetschen. Mit einem Satz ist Turi Mangatai, mit 18 Jahren der jüngste der drei samoanischen Brüder, bei ihm. Gemeinsam bringen die beiden Männer den Fangkorb zum Stillstand und kippen ihn auf die Seite. Der Inhalt wird sofort auf einen großen Sortiertisch an Deck ausgeleert.

"Shit!" Normalerweise flucht Bill nicht. Dass er es jetzt tut, hat seinen Grund: Er muss feststellen, dass sein Instinkt ihn verlassen hat. Die Crew hat nur wenige Schneekrabben gefangen; sie verschwinden durch ein Luk im Inneren des Kutters. Viele aber sind zu klein, nicht zu gebrauchen. Von dem Fang kann Bill nicht mehr als 30 Prozent verkaufen. Eine Katastrophe. "Wenn ich in Hochform bin, kann ich fühlen, was die Krabben vorhaben, ich kann denken wie sie", erklärt Bill. Aber Bill ist nicht in Hochform.

Enttäuscht und verärgert fällt er einen Entschluss: "Wir versuchen es woanders." Turi Mangatai wollte gerade in die Reuse schlüpfen und neue Köder anbringen. Doch so lässt er es bleiben, jetzt, da sein Chef es sich anders überlegt hat. Stattdessen wirft Freddie das zentnerschwere Tauwerk und die beiden Bojen hinein. Mit den Schultern bugsieren die beiden den Fangkorb in eine Ecke, wo Percy ihn vertäut. Kaum sind die Männer damit fertig, scheppert erneut die Signalglocke. Die nächste Reuse ist in Sicht, es geht sofort weiter.

Von der Kommandobrücke aus erkennt man die Positionslichter von drei oder vier anderen Schiffen. Rivalen. Offenbar wollen sie in dieser Gegend bleiben. "Ich könnte es genauso wie sie machen", kommentiert Bill, "dann wäre zumindest ein durchschnittlich guter Fang gesichert." Aber dieser Mann tickt anders. "Wer wenig riskiert, gewinnt auch wenig", tönt er. Längst hat er entschieden, alles auf eine Karte zu setzen. Er will etwa 20 Grad weiter nach Süden fahren, in Gewässer, von denen man hört, es gelängen dort traumhafte Fänge.

Das wird Zeit kosten. Zeit, die Bill nicht hat. Die Konkurrenz, die gerade Hunderte Meilen entfernt unterwegs ist, holt tonnenweise Schneekrabben aus dem Meer heraus. So viele und so schnell, dass die Fangsaison diesmal nach nur elf Tagen zu Ende sein wird.

Elender als der improvisierte Schlafplatz ist das Erwachen

Es ist jetzt zehn Uhr vormittags, aber es will nicht so recht hell werden. Die Seeleute, die seit mehr als 24 Stunden nicht mehr geschlafen haben, sind noch immer alle an Deck. Alle außer Mike. Er soll etwas zu Essen machen. Das tut er zweimal am Tag, egal bei welchem Seegang. Wie ferngesteuert bewegt er sich zum Kühlraum, um Fleisch zu holen.

"Normalerweise nehme ich das erstbeste Stück vom Stapel und improvisiere irgendein Gericht, aber heute hat Freddie mich gebeten, Steaks zu machen. Nach denen musste ich lange suchen", sagt er. Bratkartoffeln brutzeln, im Schnellkochtopf gart Reis, und eine Sauce köchelt vor sich hin. Die Kombüse schaukelt bedrohlich. Das Schiff liegt schräg. "Ich bin fix und fertig", sagt Mike.

Auf dem Tisch, neben dem Ketchup, liegen zwei große Schachteln Tabletten für die Fischer bereit, Vitamine und Schmerzmittel. In ein paar Minuten werden sie sich auf die Bänke der Messe fallen lassen, ihr Essen verschlingen, dabei ihr Lieblingsvideo, einen alten Kung-Fu-Schinken, anschauen und dann für zwei Stunden Schlaf in ihre Kojen kriechen.

Ein wahrer Luxus, verglichen mit den Minuten, in denen sie sich in voller Montur ein Nickerchen gönnen. Auf dem Arbeitstisch, auf dem Boden, neben schmutziger Wäsche, wo gerade Platz ist. Noch elender als der improvisierte Schlafplatz ist nur das Erwachen. "Das ist das Schwierigste an diesem Job", sagt Percy. "Du hast überall Schmerzen und musst trotzdem aufstehen, obwohl du sieben Tage am Stück schlafen könntest." Der Schlaf ist nur kurz, aber er verschont die Männer trotzdem nicht vor Alpträumen. "Manchmal träume ich von Unfällen auf Deck, von über Bord gegangenen Männern oder von Schiffbrüchen", erzählt Freddie.

Der Schlaf ist nur kurz. Er verschont die Männer nicht vor Alpträumen. Das Erwachen ist das Schwierigste an diesem Job.

Viele Freunde von Freddie haben sich bei der Arbeit verletzt oder ihr Leben gelassen. Die Küstenwachen registrierten in den vergangenen zehn Jahren allein bei der Schneekrabbenfischerei 21 Havarien und 37 Todesfälle. Das Nationale Institut für Arbeitssicherheit und Gesundheit in Washington hat ausgerechnet, dass Alaskas Fischer 26-mal häufiger bei der Arbeit sterben als im Landesdurchschnitt. Ähnlich unsicher leben nur noch Holzarbeiter.

Die unberechenbare Beringsee machte bereits den Seefahrern früherer Jahrhunderte zu schaffen. Vitus Bering, Arktisforscher und dänischer Entdecker im Dienst des russischen Zaren, war im 18. Jahrhundert als erster Europäer unterwegs in diesen Gewässern. Er wollte wissen, ob es eine Verbindung von Asien nach Amerika gibt, und entdeckte dabei mehrere Aleuteninseln. Auf seiner letzten Expedition 1741 geriet er mit seinem Schiff in einen schweren Sturm und strandete an der Küste der Insel Awatscha, die später in Beringinsel umbenannt wurde. Es schaffte es nicht, rechtzeitig vor Einbruch des Winters nach Kamtschatka zurückzukehren. Und so starben Bering und die meisten seiner Leute an Skorbut.

Aber was sind schon Zahlen, Statistiken und alte Geschichten? Mike hat die Härte des Jobs am eigenen Leib erfahren müssen. "Vor zwölf Jahren habe ich mit dem Schneekrabbenfischen angefangen", erzählt er. "Seither hatte ich einen Leistenbruch, Schnittwunden, Risswunden, Verrenkungen, Brüche und Verbrennungen." Aber er ist am Leben. Glück habe er gehabt, verdammt viel Glück.

Die Siesta ist zu Ende. Freddie ruft "easy money!" und weckt die anderen. Er lässt keine Gelegenheit aus, seine Kollegen daran zu erinnern, worum es hier geht. Schnelles Geld! Noch schläfrig, versucht Tim, seine Wachshose hochzuziehen. "Ich frage mich jedes Mal, was für eine Scheiße ich hier überhaupt mache", grummelt er.

Er macht es für seine Mutter. Für sie nimmt er diesen eisigen Wind in Kauf, der ihm ins Gesicht schneidet. Für sie stemmt er sich gegen die riesigen Brecher, die unaufhörlich über Deck stürzen und ihm fast die Beine wegreißen. "Meine Mutter ist 65 und arbeitet für zehn Dollar in der Stunde in einer Fabrik", sagt Tim. "Ich tue das auch, um mich dafür zu bestrafen, dass ich die Schule nicht geschafft und meine erste Anstellung als Zimmermann nicht angenommen habe." Aber jetzt soll alles anders werden. Tim hat große Pläne. "Mit dem, was ich anspare, würde ich gern zur Universität gehen und Biologie studieren."

Auch Mike hat als 18-Jähriger mit dem Fischen angefangen, weil er damit sein Studium finanzieren wollte. Am Ende seiner ersten drei Monate schwor er sich, nie mehr einen Fuß auf einen Kutter zu setzen. Aber dann kam die erste Lohnabrechnung: 100.000 Dollar. "Als ich das gesehen habe, habe ich mir gesagt: Studieren? Wofür eigentlich?" Heute ist er Eigentümer von zwei Häusern und einem großen Grundstück auf dem Land. "Und dann habe ich noch ein paar Spielzeuge: einen Pick-up, einen Wohnwagen, ein Motorrad, Wasserski, einen Motorschlitten, na ja, lauter solche Sachen eben."

Das viele Geld steigt Mike manchmal zu Kopf, zu gerne gibt er sich dem Rausch hin, Bier, Whisky, Haschisch und Kokain, und übertreibt dabei. Er hat Schulden – und deshalb einen Grund mehr, mit dem Fischen weiterzumachen. Wenn er auf See ist, kann er Geld verdienen und gleichzeitig keins in Bars ausgeben. "Wir nennen das Krabbenfischen auch 'seahab'", erzählt er und lacht. "Seahab", ein Wortspiel aus "rehab", Entziehungskur, und "sea", Meer.

So hat jeder seine eigenen Gründe. Oder Vorwände. Für die drei Brüder aus Samoa ist der Fall klar: Sie wollen ihrer Familie etwas Gutes tun, ihnen ein besseres Leben ermöglichen. "Beerdigungen und Hochzeiten kosten bei uns eine Menge Geld", lautet ihre Erklärung. In ein paar Jahren würde Freddie gern ein Geschäft oder ein Restaurant auf Samoa eröffnen. Er hätte aber auch Lust, Kapitän auf einem Kutter zu sein. Nach drei Wochen Nichtstun an Land wird er jedes Mal unruhig – und will wieder hinaus aufs Meer, Krabben fangen.

Was ist es also? Geldgier, Abhängigkeit, Passion? Bills Frau Clair hatte viel Zeit, über diese Frage nachzudenken. "Ich habe zehn Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass die Fischerei für Bill eine Leidenschaft ist." Immer wieder versuchte sie, ihren Mann zu überreden, sich einen anderen Job zu suchen, in Seattle, wo sie leben. Einen Job, der zwar irgendetwas mit dem Meer zu tun hat, aber weniger riskant und kräfteraubend ist. Vergebens.

Irgendwann hatte sie es dann akzeptiert, irgendwann verfluchte sie Bills Job nicht mehr, sondern fing an, ihn bei seiner Arbeit zu unterstützen. Heute kümmert sie sich um seine Buchhaltung und die Logistik.

Bald ist es vorbei. Die Männer freuen sich auf das erste Telefongespräch, das erste Bier und die Geschichten, die sie hören werden.

Endlich, nach sechs Tagen, läuft es gut. Die Kehrtwende der "Amatuli" hat gelohnt. Nun sind die Körbe prallvoll mit Schneekrabben. Schwerstarbeit für alle. Reuse einholen, leeren, neu beködern, Fang sortieren, unter Deck, und weiter. Die Männer arbeiten schnell, sie sind unruhig. Sie wissen: Bald ist es geschafft.

Ihr Kapitän hat ihnen vorhin mitgeteilt, dass die Saison in 48 Stunden zu Ende ist. Allen ist klar, dass der hervorragende Fang der vergangenen Tage nicht reichen wird, um den miserablen Start auszugleichen, aber das spielt keine Rolle. "Wir waren nicht gut, aber das ist mir jetzt egal. Es ist vorbei, und ich bin zufrieden", sagt Tim und hilft Turi, die Köder – frische Dorschstücke und gefrorene Kalmare – zu zerkleinern. Die letzten Reusen müssen jetzt noch bestückt werden. Jeder arbeitet unter Hochdruck, Schlaf gibt es immer noch zu wenig, aber die Männer denken schon an das erste Telefongespräch, das erste Bier und die Geschichten der anderen Crews, die sie in den Kneipen hören werden.

Per Mausklick positioniert Bill die verbliebenen Fangkörbe auf der elektronischen Seekarte. Er muss ganz genau kalkulieren, wann seine Männer den letzten Korb aus dem Meer heben. Fest steht: Um sechs Uhr früh ist die Saison definitiv abgeschlossen. Um diese Zeit sollte sich die "Amatuli" auch schon in der Nähe der Entladestation befinden.

Der Schlusssprint beginnt. Bill Widing und die 192 anderen Kapitäne haben alle nur noch eins im Kopf: als Erste ankommen, um schnell die Ladung löschen und weiterfahren zu können. Wer hier zu spät ankommt, der muss lange Liegezeiten in Kauf nehmen.

Die letzten Cowboys von Amerika

Das Fabrikschiff, das die wertvolle Fracht der "Amatuli" aufnehmen soll, heißt "Indépendence" und liegt in der Bucht von Akutan, einer der Fox-Inseln in den östlichen Aleuten, vor Anker, dort, wo das Wasser anthrazitfarben ist und schneebedeckte Berge in den Himmel ragen. Bill hat aufs Tempo gedrückt und ist ganz zufrieden. Nur vier Tage muss sein Schiff warten, bis es an der Reihe ist. Gelegenheit für die Seeleute, jeden Quadratzentimeter der "Amatuli" zu schrubben, sie für die nächste Ausfahrt, in der Kabeljau und Dorsch gefischt werden, vorzubereiten. Und natürlich machen sie einen nächtlichen Abstecher in die einzige Bar der Insel, ins "Roadhouse".

"Wir haben 60 Tonnen gemacht. Und ihr?" So begrüßt man sich in dem nur schwach beleuchteten Lokal. Die Seeleute treibt nicht nur das Bier hierher, sondern die Neugier. Wie viel die Kollegen wohl verdient haben? Das lässt sich leicht ausrechnen. Jeder weiß, dass ein Fischer fünf bis sechs Prozent vom Gesamterlös der Ladung bekommt, und der Preis für Schneekrabben steht bereits vor Beginn der Fangperiode fest. Turi, Tim und Percy haben in elf Tagen Plackerei umgerechnet rund 7000 Euro eingefahren, eine magere Ausbeute. Die Kollegen haben ein besseres Geschäft gemacht. Vom Alkohol beflügelt, stehen sie am Tresen und prahlen: 20.000 Euro, 30.000 Euro. Im "Roadhouse" ist es schon öfter zu Schlägereien gekommen. Aber heute Abend bleibt es ruhig. Die Männer wollen entspannen, Billard spielen und sich betrinken.

Etwas später, und in dem qualmverhangenen Raum mit seinen vergilbten Kutterfotos an den Wänden schwillt das Stimmengewirr an. Das Klacken der Billardkugeln ist jetzt kaum noch zu hören. An den Tischen wird laut diskutiert. Ein Gerücht sorgt für Unruhe.

Spekulationen machen die Runde. Im Jahr 2006 könnte Schluss sein mit dem mörderischen Wettlauf in der Beringsee. Die Gesamtfangquote soll aufgeschlüsselt und auf die einzelnen Schiffe verteilt werden. Nach dem Prinzip: Wer in den Vorjahren viel gefangen hat, darf es auch in Zukunft. Es ist ein Eigentumsrecht an der jährlichen Gesamtfangmenge. Einen Wettlauf gegen die Konkurrenz wird es dann nicht mehr geben, da ja bereits vorher festgelegt ist, wie viel Schneekrabben jedes einzelne Schiff fangen darf. Zudem soll die Saison um mehrere Monate verlängert werden, damit die Crews weniger Zeitdruck haben.

Es wäre eine Revolution, die nicht jedem gefällt. Die Rechnung sei ungerecht, beklagen einige Seeleute. Wieso soll das eine Schiff mehr fangen dürfen als das andere? Manche freuen sich auf die neue Regelung. Das Wetter sei im Januar zwar noch genauso rau, aber man könne endlich vorsichtiger zu Werke gehen und die schlimmsten Stürme vorüberziehen lassen, ehe man zur Fangfahrt aufbricht.

Was wird die Zukunft also bringen? Niemand weiß eine Antwort. Doch jeder tut so, als ob. Sie sitzen da, die Seeleute, gestikulieren, trinken, warnen sich gegenseitig mit drastischen Worten. Aber das heißt nichts. Es ist ihre Art, zusammenzusein, bis man endlich wieder in See sticht. Krabbenfänger sind freiheitsliebende Menschen, die "letzten Cowboys von Amerika", wie sie sich selbst nennen, Männer, die süchtig sind nach Meer und Abenteuer. Und daran wird die neue Quote auch nichts ändern.

Fünf Jahre sind seither vergangen. Das Gerede im "Roadhouse" von den Veränderungen in der Schneekrabbenfischerei ist Wirklichkeit geworden. Für manche ist die Quote ein Fluch, für Bill Widing ist sie ein Segen.

Schnell hatte er begriffen, dass man als Einzelner nur schwer überleben kann. Also suchte er sich fünf andere Kapitäne, um mit ihnen gemeinsame Sache zu machen. Sein Plan ging auf: Durch die Zusammenlegung der individuellen Fangkontingente konnten Bill und seine Partner mit geringerem Aufwand einen höheren Gewinn einfahren. Doch der Clou kam erst später: Das Geschäft war so rentabel geworden, dass die sechs Kapitäne ihr gemeinsames Kontingent mit gutem Gewinn verpachten konnten – ein lohnendes Geschäft, bis heute. Die sechs Kapitäne, deren Kontingente zusammen drei Prozent der weltweiten Fangquote ausmachen, haben es nicht einmal mehr nötig rauszufahren. Aus den Abenteurern sind Geschäftsleute geworden.

Es gibt auch Verlierer. Viele Besitzer kleinerer Boote mussten das Fischen aufgeben. Sie konnten nicht mehr rentabel arbeiten, die zugewiesenen Quoten waren zu klein. Reihenweise verloren Schiffsköche und Bordmechaniker ihre Jobs.

Selbst die Eigner größerer Flotten mussten umdenken. Früher hieß es: Je mehr Schiffe auf See, desto besser. Schließlich galt ja, innerhalb kürzester Zeit so viele Schneekrabben wie möglich zu fangen. Heute gibt es keinen Zeitdruck mehr; die Saison geht von Oktober bis Mai. Ein einziges Schiff kann durch mehrmaliges Auslaufen die gleiche Tonnage fischen, für die früher zehn Boote benötigt wurden. So kam es, dass viele Eigner ihre Flotten drastisch verkleinerten und ganze Crews auf die Straße setzten. Von den knapp 200 Schiffen, die einst in der Beringsee Jagd nach Schneekrabben machten, sind nur noch 77 übrig geblieben.

Immerhin, der tödliche Wettlauf ist vorbei. Nachts können die Männer schlafen und sich von den Strapazen des Tages ein wenig erholen. Das Schneekrabbenfischen ist sicherer geworden, ja, aber nicht die Beringsee. Noch immer fahren sie im Winter hinaus, dann, wenn das Gewässer am gefährlichsten ist. Heftige Stürme, der nächste rettende Hafen Hunderte Meilen entfernt, dicke Eisschichten, die das Schiff zum Kentern bringen können – noch immer müssen die Schneekrabbenfischer um ihr Leben fürchten.

Und doch wollen sie nichts anderes machen. Freddie Mangatai etwa geht auch heute noch auf Schneekrabbenfang. Sein Stamm in Samoa hat ihm zwar einen Posten im Dorfvorstand angeboten. Aber er zögert. "Viel Arbeit, schlecht bezahlt." Freddie sagt, er brauche viel Geld, um die Schulden seiner Brüder Turi und Percy zu begleichen. "Die können es nicht lassen, ein ausschweifendes Leben zu führen." Percy hat bei einem Unfall auf See drei Finger verloren. Er ging zurück nach Samoa, scheiterte als Taxiunternehmer und kehrte zurück nach Alaska, um wieder zu fischen. "Er verlottert", sagt Freddie über seinen Bruder. Tim MacWilliams ist von der Bildfläche verschwunden. Und der Zustand von Mike Mayberry hat seinen früheren Kapitän resignieren lassen. "Der Alkohol hat ihn besiegt. Jetzt sitzt er meistens im Gefängnis."

Übersetzung aus dem Französischen von Simone Pander-Neuß

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