Angebliche Schallwaffen auf Kuba Wurden US-Diplomaten Opfer von Insekten-Lärm?

Sie klagten über Schwindel und Gedächtnisstörungen: Auf Kuba sollen US-Diplomaten Ziel mysteriöser Angriffe geworden sein. Waren dabei Hightech-Waffen im Einsatz? Biologen haben eine simplere Erklärung.

Die US-Botschaft in Havanna (r.) auf einem Archivbild
DPA

Die US-Botschaft in Havanna (r.) auf einem Archivbild


Die Berichte stammen aus der Zeit zwischen Ende Dezember 2016 und August 2017: Nächtliche Geräusche hatten Mitarbeiter der US-Botschaft in der kubanischen Hauptstadt Havanna aufgeschreckt, die im Hotel "Capri" abgestiegen waren. Auf die Krachattacke, die im Detail allerdings unterschiedlich beschrieben wurde, folgten gesundheitliche Probleme, Hörverlust zum Beispiel, ebenso Schwierigkeiten beim Sprechen oder Gedächtnisstörungen.

Über einen gezielten Angriff mit sogenannten Schallwaffen (was das ist, lesen Sie hier im Detail) oder Mikrowellen wurde anschließend diskutiert. Amerikaner und Kubaner ermittelten gemeinsam, fanden in den betreffenden Hotelzimmern allerdings keine Hinweise auf verborgene technische Gerätschaften oder Ähnliches.

Nun präsentieren die beiden Biologen Alexander Stubbs von der University of California in Berkeley und Fernando Montealegre-Zapata von der britischen University of Lincoln eine andere Theorie: Ihren Erkenntnissen zufolge dürften Grillen der Art Anurogryllus celerinictus zumindest für einen Teil der beschriebenen Geräusche verantwortlich sein.

Frequenz sieben Kilohertz

Die Wissenschaftler hatten eine Tonaufnahme ausgewertet, die von der Nachrichtenagentur AP veröffentlicht worden war. Eine Frequenzanalyse des Tons hatte besonders bei sieben Kilohertz starke Ausschläge gezeigt. Das passe zu den betreffenden karibischen Grillen, so die Wissenschaftler.

Auch die Lautstärke und das Pulsieren des Tons seien vergleichbar mit den Geräuschen der Tiere - allerdings gebe es durchaus auch Unterschiede im Detail. Das könne aber auch damit zu tun haben, dass Forscher die Töne von Insekten normalerweise im Freiland aufnähmen. Der Mitschnitt aus Havanna stamme dagegen aus einem Innenraum, in dem die Schallwellen womöglich an Wänden und Möbeln reflektiert würden.

Montealegre-Zapata erklärte dem "Guardian", als Kind habe er in Südamerika selbst Grillen gezüchtet und sie in Käfigen in seinem Zimmer gehalten. Eines Nachts sei er wegen eines durchdringenden Tons aufgewacht. verantwortlich dafür sei ein bestimmtes männliches Tier gewesen - und selbst nachdem dieses aus dem Zimmer verbannt worden sei, habe man ihn noch immer deutlich nach Weibchen rufen hören.

"Es wundert mich nicht, dass dieses Geräusch Menschen stören kann, die sich nicht mit den Klängen von Insekten auskennen", so der Forscher.

Manuskript noch nicht von Kollegen begutachtet

Mit der nun präsentierten Grillen-Theorie lässt sich die Möglichkeit eines gezielten Angriffs freilich nicht komplett ausschließen. Zumal es bisher keine bekannten Berichte darüber gibt, dass der Klang der Grillen jemals zu Verletzungen bei Menschen geführt hat.

Eine wichtige Einschränkung ist außerdem, dass die beiden Forscher ihre Idee bisher noch nicht in einem von Kollegen begutachteten Fachartikel präsentieren. Stattdessen haben sie zunächst nur den Vorabdruck eines möglichen Manuskripts zur wissenschaftlichen Diskussion ins Netz gestellt. Das heißt, dass man die Ergebnisse mit Vorsicht behandeln sollte - weil sie möglicherweise näherer fachlicher Begutachtung nicht standhalten.


Wenn Sie es selbst einmal probieren wollen: Probehören kann man das Geräusch der betreffenden Grille hier.

chs

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