Kryptozoologie Auf großem Fuß im Regenwald

Es ist mal wieder so weit: Im malaysischen Regenwald wollen Arbeiter riesenhafte Affenmenschen gesichtet haben, sogar das Foto eines Fußabdruckes gibt es. Behördenvertreter sprechen von "Bigfoots" und wollen Kameras im Dschungel installieren. SPIEGEL ONLINE ist elektrisiert.

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Eins vorweg: Natürlich gibt es unentdeckte Tierarten auf der Erde, und zwar Unmengen davon. Im tropischen Regenwald zum Beispiel lauert vermutlich hinter jedem Busch eine noch nicht katalogisierte Spezies - aber wenn davon dann mal eine entdeckt wird, lockt das keinen Journalisten hinter dem Schreibtisch hervor: Die meisten dieser neuentdeckten Viecher sind einfach auf den ersten Blick ziemlich langweilig.

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Kryptozoologie: Obskure Kreaturen, spät erspäht

Dabei können sie oft spektakuläre Dinge: Über Jahrmilliarden unter extrem hohem Druck tief unter dem Ozean überleben zum Beispiel, oder Jahrtausende eingefroren im ewigen Eis. Weil die Arten, die das hinkriegen, aber üblicherweise Bakterien sind, mithin wenig fotogen, kommen sie nicht ins Fernsehen.

Auch bislang unbekannte Insekten oder Spinnentiere werden ständig entdeckt - aber auch die interessieren im Grunde nur Experten. Außer sie tun besonders brutale Dinge oder sind für ihr familiäres Umfeld unverhältnismäßig groß. "Riesen-…" und "Killer-…" sind Wörter, die sich nach allgemeiner Lehrmeinung besonders gut in Überschriften machen.

Am allerliebsten ist uns, gerade in nachrichtenarmen Zeiten, wenn die hohen Tiere alle Urlaub machen, ein neuentecktes, richtig großes Tier. Dabei ist es auch nicht gar so wichtig, ob es die jetzt wirklich gibt oder nur vielleicht - aber auch Nessie und der Yeti haben sich im Lauf der Zeit ein bisschen abgenutzt.

Echte Groß-Funde sind selten

Echte, wirklich frisch gefundene große Tiere gibt es nur alle Jubeljahre mal: Zum Beispiel wurde der Gorilla im Jahr 1847 entdeckt, der Berggorilla sogar erst 1902. Den Riesenpanda erblickte 1869 der erste Forscher, das Okapi (eine Art Mini-Giraffe mit kurzem Hals) wurde 1901 entdeckt, der Komodo-Waran 1912 und der Riesenmaulhai - der noch dazu spektakulär aussieht - sogar erst 1976. 1984 wurde dann noch eine Geckoart gefunden - und seitdem ist Funkstille.

Kryptozoologen - so heißen die unerschrockenen Forscher, die auf der Suche nach dem Unbekannten mit Kescher und Kamera durch Wälder uns Wüsten streifen - mühen sich redlich, uns mal wieder ein originelles Vieh zu präsentieren - aber immer finden sie nur Bazillen und Gewürm von geringem Unterhaltungswert.

"Bigfoot"-Fußabdruck: Kameras im Dschungel?
AFP

"Bigfoot"-Fußabdruck: Kameras im Dschungel?

Umso höher ist der Einsatz malaysischer Waldarbeiter zu bewerten, die jetzt - vermutlich atemlos, aber wir waren nicht dabei - von gewaltigen, pelzigen Kreaturen berichten, die auf zwei Beinen durch den Dschungel geturnt sein sollen. Von "riesengroßen Affenmenschen" mit "fast einen halben Meter langen Fußstapfen" ist die Rede. Endlich!

Sogar ein Beweisfoto gibt es: Einen Fußabdruck im Waldboden, der, zugegeben, eher ein bisschen aussieht wie eine Dreckpfütze. Aber egal! Die zuständige Abteilungsleiterin der malaysischen Umweltbehörde kündigte jedenfalls schon mal an, dass man im Dschungel sogar Kameras aufstellen könne, falls sich das Ganze erhärten lässt. "Wenn die Möglichkeit besteht, dass es wirklich Bigfoot ist, dann sollten wir das tun", sagte Siti Hawa Yatim der Nachrichtenagentur AFP.

"Bigfoots" Erfinder lebt nicht mehr

Diese Aussage wiederum ist erstaunlich, denn "Bigfoot" wurde nachweislich von dem 2002 verstorbenen US-Amerikaner Ray L. Wallace erfunden. Der Mann hatte Humor und schnitzte deshalb aus Holz zwei Riesenfüße, mit denen er 1958 einen in seiner Baufirma angestellten Bulldozerfahrer verblüffte: Der fand eines Morgens kreisförmig angeordnete Fußstapfen um sein Arbeitsgerät herum. Eine Legende war geboren - wir ziehen posthum den Hut vor Herrn Wallace.

Vielleicht handelt es sich bei den malaysischen Waldbewohnern aber in Wahrheit um wetterfühlige Verwandte des Yeti - immerhin, vom Himalaya bis Malaysia könnte man durchaus zu Fuß gehen, mit genügend Zeit. Die verfrorene Yetis durchaus gehabt hätten - der zottelige Berg-Dämon kommt schon in einem tibetanischen Gedicht aus dem vierten Jahrhundert vor Christus vor. Und bei der Masse von Yeti-Fußabdrücken, die im Laufe der Jahre gefunden wurden, scheinen die Biester ja in jedem Fall große Spaziergänger zu sein - sogar Edmund Hillary hat einst Yetistapfen im Schnee entdeckt, als er den Everest bezwang.

Einen echten Riesenaffen gab es in Asien auf jeden Fall: Der etwa drei Meter große und 500 Kilogramm schwere Gigantopithecus Blackii lebte in Bambuswäldern in Südchina und womöglich auch anderswo - er ist aber vermutlich vor 100.000 Jahren ausgestorben. Aber wer weiß? Zugegeben, es ist auffällig, dass es sogar Fossilienfunde von 20 Millionen Jahre alten, katzengroßen Menschenaffen gibt, aber kein Mensch je einen Riesenaffenknochen entdeckt hat. Aber bewiesen ist damit nichts.

Die malaysischen Waldarbeiter berichten sogar von zwei haarigen Gestalten, die sie bei einem Tête-à-Tête im Regenwald beobachtet haben wollen. Vielleicht handelte es sich also um eine Art Verwandtentreffen - Yeti und Gigantopithecus Blackii, der eine aus Nepal, der andere aus Südchina, treffen sich in der Mitte und plauschen ein bisschen über dies und das, über ihre jüngsten Menschensichtungen zum Beispiel, und gehen dann wieder ihrer Wege. Wer weiß? Wir jedenfalls warten gespannt auf die Fotos, die Siti Hawas Dschungelkameras schießen sollen. Weil wir Bakterien einfach nicht spektakulär genug finden.

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