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07. April 2019, 15:31 Uhr

Künstliches Licht

Warum Chicago für Zugvögel gefährlich ist

Verspiegelte Wolkenkratzer, leuchtende Fenster: Von Lichtern in die Irre geleitet sterben viele Zugvögel an Hausfassaden. Forscher haben ermittelt, welche US-Städte für die Tiere besonders gefährlich sind.

Die Zahl der Vögel, die jedes Jahr auf ihrer Reise in den Norden oder Süden beim Aufprall gegen Häuser sterben, können Wissenschaftler nur schätzen - aber eines ist klar: Sie ist hoch und liegt allein in den USA vermutlich bei mehr als 100 Millionen pro Jahr. Ein wichtiger Grund für die Kollisionen ist künstliches Licht, das die Tiere insbesondere in großen Städten in die Irre führt. Ornithologen von der Cornell University in Ithaca, im US-Bundesstaat New York, haben jetzt ermittelt, wo es in den USA für Vögel am gefährlichsten ist.

Den Untersuchungen der Wissenschaftler liegen zum einen Satellitendaten von Lichtmessungen in der Nacht zugrunde, zum anderen die Vogelzüge in den USA im Frühling und im Herbst. Die Forscher unterschieden dabei zwischen dünn besiedelten, ländlichen Gebieten und den 125 größten Städten des Landes.

Für Vögel besonders gefährlich: Chicago

Auswertung der Lichtmessungen ergaben, dass nur fünf Prozent der Landfläche der USA knapp 70 Prozent des Lichtes emittierten. Außerdem fiel auf, dass ein Großteil der Vögel in nur wenigen Nächten an den Messstationen vorbeiflog: Mehr als die Hälfte der Vögel passierte diese innerhalb von sechs Nächten im Frühjahr und in sieben Nächten im Herbst.

An der Spitze der für Vögel gefährlichen Städte steht demnach Chicago. Die Metropole mit den vielen verglasten und verspiegelten Wolkenkratzern steht mitten in der geschäftigsten Flugroute von Zugvögeln in den USA. Hier fliegen die Tiere einmal im Jahr von Kanada nach Zentral- und Südamerika und einmal wieder zurück. Auf derselben Route Richtung Süden liegen Houston und Dallas, die Nummern zwei und drei auf der Rangliste.

Aber auch das Licht aus anderen Großstädten wie New York, Los Angeles, St. Louis und Atlanta gefährdet die Vögel massiv. Das Problem ist: Viele Zugvögel fliegen vor allem in der Nacht, wenn es ruhig ist und kühl. Das Licht der Städte zieht sie dann an, Kollisionen mit den Fenstern der Wohnungen und Häuser sind programmiert. Allerdings spielen bei der Fehlleitung auch eine gestörte Orientierung und sich verändernde Habitate der Vögel eine wichtige Rolle.

Eine weitere aktuelle Studie hat Hinweise darauf gefunden, dass vor allem jene Vogelarten in den USA gefährdet sind, die mit Flugrufen untereinander kommunizieren. Dazu zählen etwa Drosseln, Waldsänger und Neuweltammern.

Die Wissenschaftler wollen mit ihren Datensammlungen vor allem eines: auf das Problem aufmerksam machen. Denn möglicherweise lassen sich mit einfachen Mitteln zahlreiche Vögel retten. So engagiert sich etwa die Umweltorganisation National Audubon Society mit ihrem Projekt "Lights Out" dafür, dass die Lichter in großen Gebäuden während des Vogelzugs nachts ausgeschaltet bleiben. Die aktuellen Zahlen der Cornell-University, denen zufolge in nur wenigen Tagen mehr als die Hälfte aller Vögel an einzelnen Messstationen vorbeifliegen, dürften dafür weitere Argumente liefern.

hei

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