Kunststoffe im Meer Schwimmender Plastikmüll sinkt in die Tiefsee

Wohin verschwindet der Plastikmüll, der in immer größeren Mengen in die Meere gelangt? Eine Studie liefert jetzt Hinweise, dass der weitaus größte Teil in der Tiefsee landet. Bei ihren Berechnungen kommen die Forscher auf unvorstellbare Mengen.
Plastikmüll im Roten Meer: Tausende Tonnen Kunststoff schwimmen in Ozeanen

Plastikmüll im Roten Meer: Tausende Tonnen Kunststoff schwimmen in Ozeanen

Foto: Mike_Nelson/ dpa

London - Ein Großteil des Plastikmülls in den Meeren verschwindet offenbar in der Tiefsee. In Sedimenten auf dem Grund verschiedener Meere fanden Wissenschaftler bei Stichproben große Mengen winziger Mikroplastik-Teile. Die Zahl der meist faserförmigen Partikel lag um das Zehntausendfache über der jener Teile, die in stark verschmutzten Wasserwirbeln treibe, berichten die Forscher im Fachblatt "Open Science"  der britischen Royal Society. Auf einen Quadratkilometer Meeresboden könnten demnach Billiarden von Plastikfasern kommen.

Die Studie könnte die Frage beantworten, wo der Kunststoff bleibt, der in zunehmender Menge in die Meere gelangt. Plastik ist extrem beständig und kann über Jahrzehnte, teils über Jahrhunderte in der Umwelt verbleiben. Von Nord- bis zum Südpol finden sich Rückstände in mittlerweile allen Meeren und an vielen Küsten und Stränden, schreiben die Wissenschaftler um Lucy Woodall vom Natural History Museum in London.

Rätselhaft war bisher allerdings, warum trotz steigender Produktionsmengen nicht eindeutig nachgewiesen werden konnte, dass die Menge an Plastikmüll in den Meeren in ähnlicher Weise steigt. In einigen Studien fanden Forscher gar erheblich weniger Rückstände als angenommen. So kam erst kürzlich eine Untersuchung zu dem Resultat, dass in den Meeren fast 269.000 Tonnen Plastikmüll schwimmen - obwohl laut einem Bericht des Uno-Umweltprogramms Unep jedes Jahr rund 6,4 Millionen Tonnen solcher Abfälle in die Ozeane gelangen.

Die Diskrepanz könnte unter anderem daran liegen, dass nur ein Teil des Plastiks in Form sichtbarer Teilchen an der Wasseroberfläche schwimmt. Größere Teile werden mit der Zeit im Wasser zerkleinert - unter anderem durch UV-Licht. Diese Mikropartikel sind schwerer aufzuspüren. Lagern sich Algen oder andere Mikroorganismen an ihnen an, sinken sie zudem abwärts und können sich am Meeresboden ablagern.

10.000-mal mehr Plastik als in Meereswirbeln

Woodall und ihre Mitarbeiter analysierten zwölf Sedimentproben, die während mehrerer Forschungsfahrten im Mittelmeer, im südwestlichen Indischen Ozean und im Nordostatlantik zwischen 2001 und 2012 genommen worden waren. Zudem untersuchten sie vier Korallenproben. Nach der Aufarbeitung analysierten die Wissenschaftler die Proben unter dem Mikroskop und im Infrarot-Spektrometer.

In allen Sedimentproben wiesen sie Mikroplastik-Partikel nach. Sie waren meist faserförmig und hatten gewöhnlich eine Länge von zwei bis drei Millimetern, bei einer Breite von unter einem Zehntelmillimeter. Die Proben enthielten im Schnitt 13,4 Teilchen pro 50 Milliliter Flüssigkeit.

Mehr als die Hälfte der Partikel waren aus Viskose. Dies ist kein Plastik, sondern eine Kunstfaser auf Zellulosebasis, die zum Beispiel in Zigarettenfiltern und Kleidung verwendet wird. Da das Material in großen Mengen in die Meere gelange und sich in Fischen und Eiskernen nachweisen lassen, schlossen die Forscher diese Partikel in ihre Auswertung mit ein. Das zweithäufigste Material war Polyester.

Aufgrund der relativ geringen Probenzahl sei ein Vergleich von Häufigkeit und Zusammensetzung in den einzelnen Sedimenten nicht möglich. Faserförmige Mikropartikel seien aber anscheinend flächendeckend in der Tiefsee verbreitet, schreiben die Wissenschaftler.

Sie vermuten, dass die Häufigkeit in den Sedimenten um vier Größenordnungen - also um den Faktor 10.000 - über der in kontaminierten Meereswirbeln liege. Konservativen Hochrechnungen zufolge enthält ein Quadratkilometer Sediment der Tiefseeberge im Indischen Ozean etwa vier Billiarden Plastikfasern, berichten die Wissenschaftler weiter. Ihre Untersuchung lege nahe, dass die Tiefsee als Senke für den Plastikmüll fungiere.

hda/dpa