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02. Dezember 2014, 14:06 Uhr

Jahrhundertbilanz

Europa ergrünt

Ein Interview von

Mehr Wald, weniger Landwirtschaft: Ein Atlas zeigt, dass sich die Hälfte der Landschaft Europas seit 1900 verändert hat. Der Umweltforscher Richard Fuchs erklärt im Interview den Wandel der Natur.

SPIEGEL ONLINE: Herr Fuchs, Sie haben erforscht, wie sich die europäische Landschaft seit 1900 verändert hat. Was haben Sie festgestellt?

Fuchs: Der Kontinent ist deutlich grüner geworden. Über das 20. und 21. Jahrhundert hat sich der Wald um ein Drittel vergrößert.

SPIEGEL ONLINE: Was ist geschehen?

Fuchs: Früher war Holz ein elementares Wirtschaftsprodukt. Es wurde für beinahe alles gebraucht, als Brennstoff, zur Metallherstellung, für Möbel, im Hausbau, für Strommasten, in Bergwerken als Stützpfeiler, im Schienenbau, im Krieg für den Schützengraben, im Schiffsbau und für vieles mehr. Bereits seit dem Mittelalter hat man Wälder in Europa kontinuierlich abgeholzt, um an Holz zu kommen und neue Siedlungsfläche zu erschließen. Das hat dazu geführt, das um 1900 und auch schon einige Zeit zuvor kaum Wälder in Europa übrig geblieben sind.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat sich der Trend umgekehrt?

Fuchs: Viele Länder haben erkannt, dass die Ressource Holz geschont werden muss. Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg kam es deswegen zu massiven Wiederaufforstungsprogrammen, die bis heute andauern. Viele Ackerlandgebiete, etwa in den Mittelgebirgen, sind aufgeforstet worden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Länder ergrünten besonders?

Fuchs: Großbritannien und die Niederlande, frühere Seefahrernationen, die Holz in rauen Mengen für den Schiffsbau benötigten, haben seit 1900 ihren Waldanteil von rund zwei Prozent auf heute rund elf Prozent erhöht. Auch in der Provinz Vaucluse in Frankreich, in der Nähe von Avignon, sind ganze Gebirgsketten, die vor 110 Jahren kahl waren, mittlerweile wieder aufgeforstet worden.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich die Landschaft auch sonst geändert?

Fuchs: Allerdings, mehr als die Hälfte der Fläche Europas hat sich seit 1900 gewandelt.

SPIEGEL ONLINE: Ist das der natürliche Gang der Dinge?

Fuchs: Nein, die natürliche Landbedeckung ist sehr konstant, sie ändert sich großflächig nur durch gravierende Umweltveränderungen, etwa durch Sturmfluten oder Waldbrände. Mittlerweile aber lassen sich die allermeisten Wandlungen auf das Wirken des Menschen zurückführen. Es gibt in Europa so gut wie keine Fläche mehr, die im Laufe der Jahrhunderte nicht durch menschliche Aktivitäten verändert wurde, meist mehrfach. Entweder in direkter Weise, zum Beispiel durch Abholzen. Oder indirekt, indem etwa unwirtschaftliches Land wieder aufgegeben wurde.

SPIEGEL ONLINE: Welche Landschaftsveränderungen in Europa seit 1900 fallen denn besonders auf?

Fuchs: Das urbane Ruhrgebiet hat sich seit der Industrialisierung erheblich ausgebreitet. Seit der Kohlekrise in den Fünfzigerjahren aber bilden sich die Städte an vielen Stellen wieder zurück. In Almeria und El Ejido in Südspanien sind riesige Anbaugebiete für den Obst und Gemüseanbau entstanden - mitten in wüstenähnlichen Gebieten. Und die Niederlande haben große Teile Land hinzugewonnen durch Trockenlegung von Feuchtgebieten und Deichbau.

SPIEGEL ONLINE: Was ändert sich derzeit besonders?

Fuchs: Immer noch wird stark aufgeforstet. Und durch den Zusammenbruch der Sowjetunion und die neue EU-Agrarpolitik sehen wir seit den Neunzigerjahren eine sehr dynamische Neuordnung von Agrar- und Grasland. In Rumänien und Polen etwa sind viele ehemalige staatliche Agrargebiete nach 1990 nicht mehr wettbewerbsfähig gewesen und aufgeben worden. Aber nicht nur im Osten des Kontinents ist die Landwirtschaft auf dem Rückzug. Im Gegensatz zu den meisten anderen Weltregionen werden in nahezu ganz Europa nur noch hochproduktive Flächen für die Landwirtschaft ausgebaut, während weniger wirtschaftliche und schwer zugängliche Gebiete meist aufgegeben werden, sie ergrünen quasi aufs Neue.

SPIEGEL ONLINE: Seine produktivere Landwirtschaft lässt Europa erblühen?

Fuchs: Durchaus. Auf den aufgegebenen Feldern entsteht häufig Buschland und später wieder Wald. Fortschritte in der Landwirtschaft sind die Ursache: Künstlicher Dünger, neue Maschinen und Bewässerungsmethoden haben die Ernte in den vergangenen Jahrzehnten erheblich verbessert, so dass weniger Fläche benötigt wird. Außerdem kauft Europa mehr Ernteprodukte von anderen Kontinenten. Die verbleibenden Felder allerdings werden immer größer, um sie effizienter mit Maschinen bewirtschaften zu können.

SPIEGEL ONLINE: Die Natur ist also auf dem Vormarsch, Tiere und Pflanzen erholen sich?

Fuchs: Das wäre ein Missverständnis. Die Landwirtschaft hat Lebensräume von Flora und Fauna verdrängt; die neue Umwelt ist verarmt. Auch unsere Wälder sind heutzutage oft nur Plantagen, also Monokulturen, der Verlust von Arten ist die Folge. Die Verstädterung zerschneidet die Landschaft, natürliche Lebensräume werden getrennt. Die Asphaltierung versiegelt den Boden, Wasser läuft konzentriert in die Flüsse, es verstärkt Hochwasser. In Südspanien verschlingt die Landwirtschaft extreme Mengen Grundwasser, die Pegel fallen bedenklich. Und mehr noch als die Wälder haben die Städte zugelegt: Seit 1900 hat sich der Siedlungsraum in Europa mehr als verdoppelt.


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