Landwirtschaft trotz Klimawandel "Hitze und Dürre haben den Weizen besonders stark getroffen"

Dürre und Hitze gefährden Ernten. Forscher versuchen nun, Getreide so zu züchten, dass sie dem veränderten Klima standhalten. Der Agrarwissenschaftler Frank Ordon erklärt, worauf es dabei ankommt.
Weizen-Sprössling: "Man muss mit sieben bis zehn Jahren rechnen, bis eine neue Sorte in den Handel kommt"

Weizen-Sprössling: "Man muss mit sieben bis zehn Jahren rechnen, bis eine neue Sorte in den Handel kommt"

Foto: Tahreer Photography/ Getty Images

SPIEGEL: Fachleute gehen davon aus, dass Dürre- und Hitzesommer mit dem Klimawandel auch in Deutschland häufiger und vor allem extremer werden. Was bedeutet das für die Landwirtschaft?

Frank Ordon: In den Sommern 2018 und 2019 haben wir gelernt, dass Hitze- und Trockenheit auch bei uns zu erheblichen Ernteausfällen führen können. Daneben gewinnen durch den Klimawandel andere und neue Pflanzenkrankheiten an Bedeutung.

SPIEGEL: Woran liegt das?

Ordon: Nicht nur die Sommermonate, sondern auch die Herbst- und Wintermonate werden im Durchschnitt wärmer. Dadurch sind Insekten wie Blattläuse länger aktiv und übertragen über einen längeren Zeitraum schädliche Viren auf Nutzpflanzen wie Getreide oder Raps.

Zur Person
Foto: n'Rico Kreim

Frank Ordon ist Spezialist für Pflanzenzüchtung. Er lehrt als Honorarprofessor an der Martin-Luther-Universität Halle und ist seit 2019 Präsident des Julius Kühn-Instituts, des Bundesforschungsinstituts für Kulturpflanzen (JKI). Seit 2014 sitzt er dem Forschungskomitee der Internationalen Weizeninitiative vor, die unter anderem das Ziel hat, den Weizen an wärmere und trockenere Sommer anzupassen.

SPIEGEL: Gibt es auch Nutzpflanzen in Deutschland, die gut mit Hitze und Dürre klarkommen?

Ordon: Es gibt Kulturarten, die Hitze und Trockenheit besser vertragen als andere - beispielsweise ist Roggen widerstandsfähiger als Weizen. Am besten sind die Sorten der bei uns angebauten Arten aber an das Durchschnittsklima der vergangenen Jahre angepasst, keine wurde gezielt auf Hitze- und Trockentoleranz gezüchtet. Die Züchter beschäftigen sich nun aber zunehmend mit diesem Thema.

SPIEGEL: Mit welchen Pflanzen fangen Sie an?

Ordon: Ein Fokus liegt auf Weizen. Er ist die weltweit am häufigsten angebaute Kulturpflanze und für viele Menschen ein lebenswichtiger Kalorien- und Proteinlieferant. Bis 2050 müssen wir die Weizenerträge jährlich um 1,6 Prozent steigern, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Die G20-Staaten haben deshalb vor acht Jahren die Internationale Weizeninitiative ins Leben gerufen. In ihr arbeiten Forscher weltweit zusammen, um unter anderem den Weizen an extremere Trockenheit und höhere Temperaturen anzupassen. Auch das Julius Kühn-Institut ist beteiligt.

SPIEGEL: Wie steht es um den Weizen in Deutschland?

Ordon: Hitze und Dürre haben ihn zuletzt besonders stark getroffen. Die Extreme sind ausgerechnet in die Blüte und in die wichtige Phase der Kornentwicklung gefallen. Dadurch haben sich deutlich weniger und kleinere Körner gebildet. Aber auch beim Raps gab es große Ernteausfälle. Das lag vor allem an der Trockenheit im August und September. Durch den Wassermangel sind die Pflanzen ungleichmäßig ausgekeimt und es konnten sich teils keine ertragreichen Bestände entwickeln.

SPIEGEL: In Südeuropa wächst auch Getreide. Was ist so schwer daran, unsere Sorten hitze- und dürrefest zu machen?

Ordon: Wir werden durch den Klimawandel nicht plötzlich ein mediterranes Klima bekommen. Der Winterweizen, die bei uns häufigste Kulturart, muss zur kalten Jahreszeit nach wie vor tiefen Temperaturen standhalten. Jetzt müssen wir seine bisherigen positiven Eigenschaften erhalten und diese um Hitze- und Trockenstresstoleranz ergänzen. Diese Fähigkeit wird jedoch von vielen Genen bestimmt. Das erschwert und verlangsamt die Arbeit der Züchter.

SPIEGEL: Getreide, das Hitze, Dürre, Kälte und Angriffe von Insekten übersteht und trotzdem hohe Erträge bringt. Geht das überhaupt?

Ordon: Das ist eine Herausforderung. Von vielen Kulturarten kennen wir inzwischen die vollständige Genomsequenz. Im vergangenen Jahr wurde das Erbgut des Weizens entschlüsselt. Die Züchtungsforschung kann dadurch heute schneller genetische Netzwerke identifizieren, die für Hitze- und Dürretoleranz entscheidend sind.

SPIEGEL: Wenn man die Gene kennt, wie integrieren Züchter sie dann in unsere Sorten?

Ordon: Neue Sorten entstehen in der Regel durch gezielte Kreuzung und anschließende Auslese der Pflanzen mit den besten Eigenschaften. Dabei werden keine einzelnen Gene übertragen. Trotzdem kann es Züchtern helfen, zu wissen, welche Gene in einer Pflanze für welche Eigenschaften verantwortlich sind. In Genbanken können sie dann gezielt nach leistungsfähigeren Genvarianten suchen und diese in die gewünschte Sorte einkreuzen. Dabei werden allerdings häufig auch unerwünschte Eigenschaften übertragen, die dann durch weitere Züchtung wieder entfernt werden müssen.

SPIEGEL: Das klingt sehr aufwendig.

Ordon: Schneller könnte es gehen, indem man Gene in Hochleistungssorten gezielt verändert, beispielsweise mit der Genschere Crispr/Cas. Dieses Verfahren wird jedoch vom Europäischen Gerichtshof als Gentechnik eingestuft und findet daher in der europäischen Sortenzüchtung keine Anwendung.

SPIEGEL: Wie lange dauert es mit herkömmlichen Methoden, eine neue Pflanzensorte zu züchten?

Ordon: Man muss mit sieben bis zehn Jahren rechnen, bis eine neue Sorte in den Handel kommt. Das ist durch den technischen Fortschritt zwar schon deutlich schneller als noch vor einigen Jahrzehnten, es wird trotzdem noch eine Zeit dauern, bis Pflanzen auf dem Markt sind, die an extreme Hitze und Trockenheit angepasst sind.

SPIEGEL: Was können Landwirte tun, um sich vor Ernteausfällen durch Wetterextreme zu schützen?

Ordon: Eine Möglichkeit ist, das Spektrum der angebauten Arten zu erweitern. Durch den Klimawandel gewinnt in Deutschland beispielsweise die Sojabohne an Bedeutung, ihre Anbaufläche wächst.

SPIEGEL: Was nutzt ein breites Pflanzenspektrum?

Ordon: Durch den Anbau verschiedener Kulturarten streuen Landwirte ihr Risiko. Extremwetter treffen nicht alle Arten in gleicher Weise. Nebenbei halten weite Fruchtfolgen den Boden gesund. Auch Schädlinge werden zurückgedrängt, wenn über die Jahre verschiedene Kulturarten auf einem Feld wachsen.

SPIEGEL: Wird sich durch den Klimawandel das Angebot im Supermarkt verändern?

Ordon: Davon gehe ich nicht aus. Die Verbraucher haben auch den Ernterückgang beim Weizen im vergangenen Jahr nicht bemerkt. In Deutschland gibt es nach wie vor gut drei Millionen Hektar Weizenanbaufläche. Der Klimawandel führt also nicht dazu, dass bei uns kein Weizen mehr wächst. Es kommen aber neue Kulturarten wie Sojabohnen, Sonnenblumen, Sorghumhirse und Lupinen hinzu.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.