Chronik eines ausbleibenden Spektakels Gleich bricht das Eis - seit zwei Jahren

Seit zwei Jahren sagen Wissenschaftler und Medien den Kollaps einer Eisplatte und die Geburt eines gigantischen Eisbergs vorher. Die Berichte werden immer aufgeregter - doch die Natur spielt nicht mit.
Nasa-Foto vom November 2016: Riss im Eis

Nasa-Foto vom November 2016: Riss im Eis

Foto: NASA

Das Magazin "The Cryosphere" hat sich darauf spezialisiert, wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema Eis und Schnee zu veröffentlichen. Am 11. Februar 2015 stellte "The Cryosphere" online eine Studie zur Diskussion , die von einem Riss berichtete, der sich im Larsen-C-Eisschelf in der Antarktis aufgetan habe, einer ins Meer ragenden Eiszunge.

Der Bruch schreite "rasant" fort, berichteten die Autoren um Daniela Jansen vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI).

Dass neue Spalten klaffen, ist normal in der Region - doch die Dimension ist besonders: "In naher Zukunft" würde sich der größte Eisberg seit den Achtzigerjahren ablösen vom Antarktiseis, prophezeiten die Wissenschaftler.

Außer einer kleinen Meldung im "Hamburger Abendblatt" fand der Befund kein Echo.

Auch die endgültige Veröffentlichung der Studie  am 15. Juni 2015 bekam keine Resonanz. "The Cryosphere" betreibt keine aktive Pressearbeit, und auch die Institute der Forscher blieben stumm. Ein Blogbeitrag  über den Eisriss war untergegangen.

Erst Anfang 2016 griff die Zeitschrift "Discovery" das Thema auf - mit einem Satz:

Ein Jahr nach Veröffentlichung der Studie dann brachte die "Washington Post" einen großen Artikel  über neue, besorgniserregende Entdeckungen in der Antarktis. Der drohende Abbruch der riesigen Eiszunge wurde auch erwähnt, allerdings auch dort mit nur einem Satz.

Fünf Monate später legte die Zeitung nach und brachte der Eisspalte im August 2016 ihre erste große Schlagzeile:

Die Nachricht fand wenige Nachahmer. Die erste größere Geschichte in Deutschland veröffentlichte die "Frankfurter Rundschau" am 3. September 2016:

Für den medialen Durchbruch des Eisschelfs sorgte wie so oft bei Naturthemen die Nasa. Ihre eindrucksvolle Luftaufnahme, veröffentlicht am 1. Dezember 2016, überzeugte Medien weltweit; Hunderte berichteten in den folgenden Wochen, auch SPIEGEL ONLINE.

Auch die "Washington Post" legte nach, indem sie in ihrem neuen Bericht die "ominöse Schönheit" des Eisrisses thematisierte:

"Die Welt" verzichtete auf das Nasa-Foto, hob das Thema aber am 16. Dezember auf ihre Titelseite:

Fortan verfolgten Medien den Eisriss sorgsam, sein Fortschreiten wurde dokumentiert. Im Januar war die Spalte bereits 175 Kilometer lang.

Ein Glaziologe richtete Ende Januar ein Twitter-Konto ein, um die Öffentlichkeit auf dem Laufenden zu halten. Sein erster Tweet zeigte, wie sich der Bruch im Eis in zwei Jahren geweitet hatte:

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Am 1. Februar meldete der "Tagesspiegel", dass der Riss nur noch 20 Kilometer von der Küste entfernt sei und ein Eisberg von der doppelten Größe des Saarlands bei Sturm jederzeit abbrechen könnte.

Die "New York Times" blickte am 9. Februar zurück; 17 Meilen, also gut 27 Kilometer sei der Bruch im Eis in den vorherigen zwei Monaten vorangekommen:

Dann tat sich wochenlang wenig. Die "Neue Zürcher Zeitung" konzentrierte sich am 12. März wohl deshalb aufs Wesentliche und griff auf die bis dahin beliebteste Überschrift zurück:

Anfang Mai nahm der Riss wieder Fahrt auf. Im Laufe weniger Tage schnellte er um 17 Kilometer voran. Und er gabelte sich:

Es waren also nun zwei Risse zu sehen:

Anfang Juni wurden die Schlagzeilen dringlicher. "Gigantischer Eisblock wird bald abbrechen", titelte die "SZ" , er werde die sechsfache Fläche der Insel Rügen haben und zehnmal so groß wie der Bodensee sein. Der Deutschlandfunk zog einen Tag später nach:

Nachdem die Deutsche Presseagentur am 8. Juni dieselbe Schlagzeile über ihren Verteiler schickte, gab es die bislang letzte große Welle der Berichterstattung. Dutzende Medien griffen die Nachricht auf.

In den Tagen zuvor hatte sich die Spalte um weitere 16 Kilometer geöffnet, und dabei ihre Stoßrichtung verändert - ihre Spitze zeigt jetzt Richtung Meer.

Der Riss ist nun nur noch 13 Kilometer von der Küste entfernt, wie auch SPIEGEL ONLINE seinen Lesern nicht vorenthielt. Die "Bild-Zeitung" brachte es mit Deutlichkeit auf den Punkt:

"Die Welt" verkürzte die Prognose der Experten für ihre Schlagzeile, sodass sie bereits von der Wirklichkeit überholt wurde:

Noch ist es nicht passiert. Doch sobald sich der Eisklotz gelöst habe, werde er zu den fünf größten Eisbergen der vergangenen 30 Jahre zählen, prophezeit AWI-Forscherin Daniela Jansen, die vor mehr als zwei Jahren jene Studie über den Eisriss veröffentlicht hatte.

"Wenn der Eisberg sich gelöst hat", sagt Jansen, "wird es keine zwei Jahre dauern, bis er vollständig geschmolzen ist." Wir, die Medien, halten Sie auf dem Laufenden.

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