Leckende Ölquelle im Golf von Mexiko Experten bezweifeln BP-Angaben

Neuer Streit um die leckende Ölquelle im Golf von Mexiko: Nach Angaben von BP wird inzwischen ein Gutteil des Öls am Meeresgrund aufgefangen. Experten jedoch glauben, dass sogar mehr Öl austritt als bisher vermutet. Präsident Barack Obama plant einen weiteren Besuch in der Krisenregion.

Austretendes Öl im Golf von Mexiko: "Das wird sich in kurzer Zeit als falsch herausstellen."
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Austretendes Öl im Golf von Mexiko: "Das wird sich in kurzer Zeit als falsch herausstellen."


New Orleans - Manche Dinge über den Untergang der "Deepwater Horizon" sind einigermaßen geklärt. Zum Beispiel, dass die Strände am Golf von Mexiko inzwischen auf einer Länge von insgesamt 190 Kilometern verschmutzt sind. Oder, dass große Schwaden des Öls weiter unter Wasser treiben, wie die US-Umweltbehörde Epa nun auch offiziell bestätigt hat.

Andere Dinge wiederum sind umstritten. So zum Beispiel, wie viel Öl eigentlich aus dem Bohrloch austritt. "Das ist die große Unbekannte", sagt Admiral Thad Allen von der US-Küstenwache. Die ursprünglichen Schätzungen von BP gelten mittlerweile als deutlich zu niedrig angesetzt. Aktuell geht die US-Regierung von einem Ölaustritt von 2,2 bis 4,5 Millionen Liter pro Tag aus.

Der Wissenschaftler Steve Wereley von der Purdue University macht aber eine noch dramatischere Rechnung auf: Nach seiner Ansicht liegt der tägliche Ausfluss irgendwo zwischen drei und knapp sieben Millionen Litern. Wereley gehört zu einem von der US-Küstenwache berufenen Expertenteam, das die ausströmende Ölmenge schätzen soll und seine Erkenntnisse in den kommenden Tagen veröffentlichen wird. "BP behauptet, dass sie den größten Teil des Öls auffangen. Ich denke, das wird sich in kurzer Zeit als falsch herausstellen", sagte Wereley schon einmal vorab.

BP geht dagegen nach Angaben eines ranghohen Managers davon aus, das austretende Öl in Kürze fast komplett auffangen zu können. Am Montag habe man 2,3 Millionen Liter Öl auffangen können, in der ersten Hälfte des Dienstags seien es 1,2 Millionen Liter gewesen. Bis Montag oder Dienstag kommender Woche solle nur noch ein "relatives Rinnsal" austreten, sagte BP-Chefingenieur Doug Suttles. Wenig später musste er jedoch nachschieben, es werde wohl länger dauern, bis man den Ölstrom tatsächlich als Rinnsal bezeichnen könne.

Das Unternehmen sei jedoch optimistisch, dass im Laufe der Woche messbare Fortschritte erzielt werden könnten. Suttles sagte weiter, in den kommenden Tagen werde ein zweites Schiff im Katastrophengebiet erwartet, um die Abpumparbeiten zu beschleunigen. "Warum zeigen sie der amerikanischen Öffentlichkeit keine Vorher-Nachher-Bilder?", zweifelt dagegen Forscher Wereley die vermeintlichen Erfolgsmeldungen an.

Um der Menge des abgepumpten Öls Herr zu werden, bereitet BP auch den Einsatz einer speziellen Plattform vor, auf der die Masse abgefackelt werden soll. Hintergrund ist, dass der Konzern bei der Verarbeitung des abgesaugten Öls allmählich an seine Grenzen stößt. Allerdings gibt es Bedenken gegen das Verbrennen, weil dabei giftige Abgase in die Atmosphäre gelangen könnten.

Obama kündigt neuen Besuch in der Krisenregion an

US-Präsident Barack Obama bemüht sich unterdessen um eine bewusst harte Haltung gegenüber BP. Er will erneut in die von der Ölpest betroffenen Gebiete reisen. Der Präsident werde Anfang kommender Woche vor Ort überprüfen, inwieweit die vom britischen BP-Konzern ergriffenen Maßnahmen wirken, kündigte das Weiße Haus in Washington an. Damit reagiert Obama offensichtlich auf die anhaltende Kritik an seinem Krisenmanagement.

Einer Umfrage von ABC News und der "Washington Post" zufolge sind 69 Prozent der US-Bürger mit dem Krisenmanagement Obamas nicht einverstanden. Damit steht der Präsident noch schlechter da als sein Vorgänger George W. Bush bei der Bewältigung der Folgen von Hurrikan "Katrina" im August 2005. Damals beurteilten 62 Prozent der US-Bürger den Umgang als negativ.

Obama will den Angaben zufolge am Montag und Dienstag kommender Woche in die betroffenen Gebiete in den Bundesstaaten Mississippi, Alabama und Florida reisen. Es wird sein vierter Besuch im Katastrophengebiet. Um sich gegen Vorwürfe eines zu gelassenen Umgangs mit der Katastrophe zu wehren, hatte er am Dienstag scharfe Töne angeschlagen: Er spreche mit allen Betroffenen, um herauszufinden, "wem wir in den Hintern treten müssen", sagte er dem Fernsehsender NBC. Obama kritisierte zudem offen BP-Chef Tony Hayward und dessen Krisenmanagement.

Die Wut auf BP in den USA steigt weiter. Schuld daran sind auch die vielen schmutzigen Details, die nach und nach bekannt werden. So berichtet die Nachrichtenagentur AP, in Unfall-Plänen des Ölkonzerns aus dem Jahr 2009 tauchten Experten auf, die längst nicht mehr lebten. So sei der Biologe Peter Lutz von der Atlantic University in Boca Raton bereits im Jahr 2005 verstorben. Außerdem habe BP offenbar nicht mitbekommen, dass der Forscher schon seit den Neunzigern nicht mehr unter der angegebenen Adresse an der University of Miami erreichbar war.

Auch zahlreiche andere angegebene Telefonnummern seien falsch. Außerdem liste das BP-Dokument Walrosse, Seeotter, Seelöwen und Robben als potenziell gefährdete Arten auf - obwohl diese nicht im Golf von Mexiko zu Hause sind.

chs/afp/apn/ap

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