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Helle Nächte: Lichtkuppeln über Metropolen

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Lichtsmog über Großstädten Rot glüht die Nacht

Der Himmel über nächtlichen Metropolen wandelt sich: Er glimmt rot, riesige Lichtglocken erstrahlen über den Städten - durch die zunehmende Verbreitung von LED-Lampen wird die Nacht sogar noch heller. Experten warnen vor Folgen für Tiere und Menschen.

Hamburg - In den kommenden Tagen fliegen sie wieder: Abertausende Sternschnuppen sausen übers Firmament. Und die Chancen stehen gut, dass Nachtschwärmer ihre Wünsche gen Himmel richten können: Meteorologen sagen gute Sicht voraus. Großstädter jedoch werden von dem Spektakel kaum etwas mitbekommen: In Metropolen überstrahlt die Helligkeit der Häuser, Laternen und Autos die meisten Sterne - und das Licht am Nachthimmel verändert sich.

Eine neue Studie zeigt, wie sich die Nächte in Großstädten wandeln. Der Himmel glimme mittlerweile rot über Metropolen, berichten Forscher um Christopher Kyba von der Universität Berlin im Fachmagazin "Monthly Notices of the Royal Astronomical Society" . Neue Beleuchtungen werden den Nachthimmel künftig weiter aufhellen, berichten die Experten. Sie fürchten schmerzliche Folgen für Tiere und Menschen.

In klaren Nächten sei es in Großstädten wie Berlin schon jetzt zehnmal heller als vor 150 Jahren, schreiben Kyba und seine Kollegen. Staubpartikel brechen das Licht, über den Orten leuchten riesige Lichtglocken. Die größte Veränderung aber zeigt sich bei Bewölkung: Die Sonne geht unter, doch es bleibt hell. Die Lichter strahlen weit ins Umland, wie jüngst eine Studie  der Berliner Forscher zeigte.

Tausend Mal heller als früher

"Früher", sagt Kyba, "waren klare Nächte heller als bewölkte." Heute sei es umgekehrt: "Wolkige Nächte sind in Berlin in manchen Nächten tausend Mal heller als früher." In den großen Metropolen der Welt hat die Helligkeit noch weitaus stärker zugenommen als in Berlin. Hunderte Millionen Menschen kennen keine Dunkelheit. Sie leben unter Lichtglocken, die von hellem Orange am Tag zu Orange-Rot in der Nacht wechseln.

Alles begann am 4. September 1882, als der Physiker Thomas Edison einen Schalter umlegte, der gleichzeitig Hunderte Glühbirnen in New York erleuchten ließ. 20 Jahre später funkelten Hunderte Metropolen in gleißendem Licht. Bald sorgten Leuchtstofflampen für kühleren Glanz. Metropolen gerieten in einen Wettstreit um die glitzerndste Skyline.

Ungeplante Folgen stellten sich ein: Tiere irren umher, oder sie sterben an Laternen und Hochhausfenstern. Manche vermehren sich ungebremst, während andere vor der Helligkeit flüchten, sie zeugen weniger Nachwuchs. Biologen warnen seit Jahren vor der Lichtverschmutzung.

Neue Lampen, neues Licht

Mit einem eigens entwickelten Messgerät haben die Berliner Forscher nun festgestellt, wie Wolken den Nachthimmel über Berlin verändern. Seit April 2011 stehe der Detektor auf dem Dach ihres Forschungsinstituts. Er erfasse das Licht in all seinen Farben.

Es habe sich gezeigt, dass Wolken vor allem rotes Licht reflektieren - es vermehre sich dadurch um das 18fache, schreiben Kyba und seine Kollegen. Verantwortlich für den Effekt sei die ausgedehnte Wellenlänge von Rot. Alle anderen Farben schwingen schneller, sie entgehen damit leichter der Reflexion der Wolken. "Rot ist das neue Schwarz" haben die Forscher ihre Studie genannt.

Mittlerweile aber installieren Städte vor allem LED-Lampen. "Der derzeitige Trend, Gasentladungsröhren durch LED-Lampen zu ersetzen, wird die Helligkeit und das Licht des Nachthimmels erneut verändern", sagt Kyba. LED-Licht brächte einen entscheidenden Unterschied: Es strahle meist in Weiß, herkömmliche Stadtbeleuchtung hingegen eher gelblich. Folglich würden die Nächte künftig noch heller, vor allem bei klarem Himmel, sagt Kyba. Bei Bewölkung bleibe die rötliche Leuchtglocke aufgrund der Streuung der roten Lichtwellen erhalten.

Die schleichende Veränderung des Nachthimmels müsse besser dokumentiert werden, fordert Kyba. Auswirkungen auf die Natur seien oftmals unbekannt. Doch immer wieder gibt es erstaunliche Befunde.

Schildkröten irren umher

Erst kürzlich beobachteten Biologen, dass sich das Leben in Seen verändert, die im Glanz der Städte leben: Plankton sinkt in dunkle Gefilde, wo es den Sauerstoff verbraucht, den dort lebende Fische benötigen. Am Strand geschlüpfte Meeresschildkröten kriechen in Richtung leuchtender Siedlungen statt ins glitzernde Wasser - sie erreichten nie den Ozean und verendeten.

Auch Menschen scheinen zu leiden, manche verlieren das Gespür für Tag und Nacht. Künstliches Licht gaukelt dem Körper eine falsche Tageszeit vor und kann den Hormonhaushalt durcheinander bringen. Die Auswirkungen auf die Gesundheit sind kaum erforscht.

Längst haben sich Forscher dem Kampf gegen den Leuchtsmog verschrieben. Erste Erfolge gibt es: Belgien schaltet seine grelle Autobahnbeleuchtung nach Mitternacht ab. Slowenien hat ein Gesetz gegen die Lichtverschmutzung erlassen: Beleuchtung darf nicht mehr sinnlos in den Himmel strahlen. Städte wie Zürich oder Rotterdam wollen Lampen besser fokussieren.

Jährlich wird ein besonders finsterer Naturpark mit dem Titel "International Dark Sky Park" ausgezeichnet. In diesen Paradiesen der Dunkelheit treffen sich Sternengucker. Der Schweif von Kometen etwa erscheint dort zehnmal größer, es sind hundert Mal mehr Sterne als über Städten zu sehen, und die Milchstraße glitzert in voller Pracht.

Auch Sternschnuppen lassen sich dort leicht entdecken. An diesem Wochenende erwarten Astronomen abseits der Metropolen mehr als hundert feurige Perseiden pro Stunde.