Online-Atlas der Lichtpunkte Warum ist Lichtverschmutzung so gefährlich?

Zahllose LEDs machen überall auf der Welt die Dunkelheit zunichte. Forschende aus Potsdam haben nun eine interaktive Weltkarte der Lichtverschmutzung veröffentlicht. Der Initiator des Projekts erklärt, was man dabei sehen kann.
Hell beleuchtete Hochhäuser in Hongkong (im Februar 2019)

Hell beleuchtete Hochhäuser in Hongkong (im Februar 2019)

Foto: ANTHONY WALLACE/ AFP

Jahrtausendelang ging der Blick der Menschen ehrfürchtig nach oben, Nacht für Nacht. Mehrere Tausend Sterne zogen über ihren Köpfen am Himmel entlang, dazwischen das beeindruckende Band der Milchstraße. So wurden schon Steinzeitbewohner zu Sternenguckern. Und schon vor rund 4000 Jahren entstanden spektakuläre Kunstwerke wie die Himmelsscheibe von Nebra, die älteste bekannte konkrete Darstellung des Nachthimmels.

Mit imaginären Linien verbanden die antiken Himmelsgucker die Leuchtpunkte am Firmament - und fabulierten sich geheimnisvolle Sternzeichen zusammen. Bauern orientierten sich am Lauf der Gestirne, Seefahrer ebenso. Doch wer heute in einer Stadt irgendwo auf der Welt in den Himmel blickt, sieht dort selbst in eigentlich klaren Nächten oft nur noch eine Hand voll Sterne. Die Nacht verschwindet.

Schuld daran ist das Licht, das unsere Häuser und Fabriken, unsere Autobahnen und Gewächshäuser abgeben - auch weit in die Umgebung hinein. Ein neuer interaktiver Atlas  macht das Phänomen nun für die gesamte Welt erfahrbar. Wer die Webseite öffnet, sieht die Metropolen und Fernstraßen Europas und Asiens ebenso leuchten wie die Nordamerikas. Dunkelheit herrscht dagegen in Wüstenregionen wie der Sahara oder dem australischen Outback und in riesigen Waldgebieten wie dem Amazonas.

In diese Ansicht können Nutzer immer weiter hineinzoomen - und so zum Beispiel das Leuchten der zahllosen Öl- und Gasplattformen in der Nordsee bestaunen. Das Besondere an dem neuen Tool: Für jeden Ort des Planeten lassen sich die Trends bei der Beleuchtung einfach ablesen. So lässt sich erkennen, wo die Welt heller wird - und wo nicht. Hier spricht einer der Initiatoren über den Hintergrund des Projekts.

Zur Person
Foto: Phil Dera

Christopher Kyba, 40, arbeitet am Fachbereich Fernerkundung und Geoinformatik des Deutschen GeoForschungsZentrums (GFZ) in Potsdam. Der gebürtige Kanadier kommt eigentlich aus dem Bereich der Teilchenphysik, beschäftigt sich aber seit Jahren mit dem Phänomen der Lichtverschmutzung.

SPIEGEL ONLINE: Sie halten künstliche Beleuchtung für "Lichtverschmutzung." Warum eigentlich?

Christopher Kyba: Oft benutzen wir einfach viel mehr Licht als nötig. Das kostet sinnlos Geld und verbraucht Strom. Vor allem aber kann das Licht für Tiere und Pflanzen sehr schädlich sein.

SPIEGEL ONLINE: Was genau sind die Auswirkungen?

Kyba: Bäume können beispielsweise bei den Jahreszeiten durcheinandergeraten. Dann sprießen die Blätter im Frühjahr viel zu früh oder bleiben bis in den tiefen Winter hinein hängen. Das kann den Baum schwächen. Für Zugvögel steigt durch beleuchtete Fassaden die Gefahr einer Kollision. Besonders negativ sind die Folgen allerdings für Insekten. Anstatt nach Nahrung zu suchen oder sich zu paaren, kreisen sie einfach nur um die künstlichen Lichtquellen.

SPIEGEL ONLINE: Trägt die Lichtverschmutzung zum Insektensterben bei?

Eintagsfliegen unter einer Straßenlaterne (Archivbild)

Eintagsfliegen unter einer Straßenlaterne (Archivbild)

Foto: Armin Weigel/ dpa

Kyba: Das ist bisher nur eine Vermutung. Für den Rückgang der Insektenpopulationen spielen viele Aspekte eine Rolle. Aber weil wir sehen, wie stark die Tiere durch Beleuchtung angezogen werden, wird das sicher einen Effekt haben - auch wenn dieser noch konkreter belegt werden muss.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben online eine interaktive Weltkarte der Lichtverschmutzung  veröffentlicht. Wie funktioniert sie?

Kyba: Die Nutzer können sich für jeden beliebigen Ort auf der Welt die Entwicklung der Lichtverschmutzung errechnen lassen. Nehmen Sie sich zum Beispiel einen Bereich rund um Berlin, starten die Analyse und Sie sehen dann, wie viel heller es in den vergangenen Jahren dort geworden ist. Das Besondere: Neue Satellitendaten werden automatisch in die Datenbank eingepflegt und bei der Berechnung berücksichtigt. Damit können interessierte Bürger und Umweltschützer etwas anfangen, aber auch Stadtverwaltungen und Unternehmen, die Beleuchtungsmaßnahmen planen.

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LED-Boom: Alles ist erleuchtet

Foto: Lam Yik Fei/ Getty Images

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie Ihre weltweiten Daten zusammenführen - lässt sich ein Trend erkennen?

Kyba: Ja, die Satellitendaten zeigen, dass die Lichtmenge jedes Jahr weltweit um zwei Prozent zunimmt. Der Anstieg ist in Entwicklungsländern stärker, aber auch reiche Länder werden noch immer heller und heller. Dabei hatten wir gehofft, dass der Trend langsam stoppen würde.

SPIEGEL ONLINE: Und die Bundesrepublik?

Kyba: Ist ziemlich durchschnittlich. Auch Deutschland wird jedes Jahr um gut zwei Prozent heller. Es gibt allerdings regionale Unterschiede. Stellenweise wird das Land sogar dunkler.

SPIEGEL ONLINE: Wo denn?

Kyba: In Thüringen. Aber woran das liegt, wissen wir nicht genau. Wir vermuten, dass in dieser Region nachts manche Straßenlaternen ausgeschaltet werden, um Strom und Geld zu sparen.

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Lichtverschmutzung: Strahlende Schönheit

Foto: REUTERS/ NASA

SPIEGEL ONLINE: Ist das Ihr Rezept gegen Lichtverschmutzung?

Kyba: In einem kleineren Ort könnte man sich zumindest jede einzelne Lampe einmal ansehen. Manche müsste man vielleicht bloß ein bisschen kippen, sodass sie gezielt nur den Weg beleuchten. Bei anderen könnte man Schutzschilde bauen, um störendes Streulicht zu blockieren. In größeren Orten wird die Sache komplizierter. Werden etwa Fassaden angestrahlt, kann man darauf achten, nicht die ganze Umgebung mit zu beleuchten. Werbetafeln sollte man besser von oben anstrahlen als von unten. Insgesamt gilt: Einfach weniger Licht einsetzen. Bei LED-Lampen reichen oft schon ein paar Watt Leistung für eine zweckmäßige Beleuchtung.

SPIEGEL ONLINE: LEDs wurden eingeführt, weil sie viel energiesparender und damit klimafreundlicher sind als die alten Lampen.

Kyba: Und das führt manchmal zu absurden Ergebnissen. Weil an einer Stelle Geld durch geringeren Stromverbrauch eingespart wird, werden dafür zum Teil Stellen beleuchtet, die vorher im Dunklen lagen. Dann strahlt man vielleicht auch noch die Dorfkirche an oder das Schloss. Satellitendaten zeigen, dass immer mehr Orte der Welt immer heller leuchten.

SPIEGEL ONLINE: Don Quijote hat gegen Windmühlen gekämpft, ohne Erfolg. Kämpfen Sie gegen Straßenlaternen?

Kyba: Die treiben mich gar nicht so sehr um. Als größte Herausforderung sehe ich, dass Millionen Einzelentscheidungen von Privatpersonen, Stadtverwaltern und der Wirtschaft sich zu einer großen Gesamtlage auftürmen. Es wird nicht allein ausreichen, die Menschen aufzuklären. Nützlich könnte eine zentrale Lichtplanung auf der Ebene der Stadt oder Gemeinde sein. Auch spezielle Abgaben könnten helfen. Wenn künstliche Beleuchtung teurer wäre, kämen die Menschen vielleicht von selbst darauf, sie effizienter einzusetzen.

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