Lissabon Die Rückkehr des Monsterbebens

Rund 60.000 Menschen starben, als im November 1755 ein gewaltiges Erdbeben die portugiesische Hafenstadt Lissabon erschütterte. Mittlerweile sind sich Forscher sicher: Die Bedingungen, die vor 230 Jahren die Katastrophe ausgelöst haben, existieren noch immer - ein ähnlich starkes Beben ist jederzeit möglich.


Lissabon, Torre de Belem: Erdplatten immer noch aktiv
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Lissabon, Torre de Belem: Erdplatten immer noch aktiv

Es war die schlimmste Naturkatastrophe in der Geschichte Europas: Ein Erdbeben mit der unglaublichen Stärke von 8,7 erschütterte am 1. November 1755 die Gegend um Lissabon. Urplötzlich taten sich fünf Meter breite Erdspalten auf, 18.000 Häuser stürzten ein, Feuer breiteten sich aus. Innerhalb von zwei Minuten starben 25.000 Menschen.

Dann der zweite Schock: Über den Atlantik rollte eine fünf bis zehn Meter hohe Riesenwelle an. Der Tsunami, ausgelöst durch die bebende Erde, forderte 20.000 Opfer. Insgesamt riss das Beben mehr als 60.000 Menschen in Europa sowie im Norden Marokkos in den Tod.

Und die Bruchzone zwischen den beiden Erdplatten im Süden der Iberischen Halbinsel, die vermutlich das Monster-Beben ausgelöst haben, ist noch immer aktiv, wie der Geologe Marc-André Gutscher nun im Fachmagazin "Science" berichtet. Demnach schiebt sich unter der Straße von Gibraltar eine Platte unter die andere, bevor sie in Tiefen von knapp 700 Kilometer abtaucht.

Junge Steine, schlammige Vulkane

Auch zahlreiche aktive Schlammvulkane im Golf von Cadiz deuten, so der Forscher vom französischen Institut Universitaire Européen de la Mer, auf fortwährende seismische Aktivitäten in der Region hin - genauso wie junge, erst vor weniger als 1000 Jahren aufgefaltete Gesteinsschichten.

Lissabon: 1755 starben 25.000 Menschen bei Erdbeben
DDP

Lissabon: 1755 starben 25.000 Menschen bei Erdbeben

Zwar scheint die Störungszone derzeit unbeweglich, doch das ist für den Geologen nur ein weiteres Indiz dafür, dass schwere Erdbeben mit einer gewissen Regelmäßigkeit wiederkommen werden: Untersuchungen des Meeresgrunds vor der Iberischen Halbinsel haben gezeigt, dass sich dort zuletzt alle 1000 bis 2000 Jahre ein großes Beben ereignet hat.

Seit dem Erdbeben von Lissabon sind zwar erst 230 Jahre vergangen, dennoch nehmen Geologen die Bedrohung ernst. Bis zum Jahr 2005 soll auf fünf Tauchfahrten der Meeresboden genauer untersucht werden. Zudem sind drei Bohrungen tief in die Erdkruste unterhalb des Ozeans geplant, damit Forscher die bewegte Vergangenheit, vor allem aber auch die Zukunft dieser Erdbebenregion endlich verstehen.



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