Syrien Forscher widersprechen These vom Klimawandel als Kriegsursache

Die Mahnung sorgt für Aufregung: Wissenschaftler und Politiker behaupten, der Klimawandel habe Dürre und Bürgerkrieg in Syrien wesentlich mitverursacht. Deutsche Forscher widersprechen.
IS-Kämpfer in Syrien: "Kausalität zwischen Dürre, Migration und Konfliktausbruch lässt sich nicht halten"

IS-Kämpfer in Syrien: "Kausalität zwischen Dürre, Migration und Konfliktausbruch lässt sich nicht halten"

Foto: AP/dpa

Die These liefert Schlagzeilen rund um die Welt: Der Krieg in Syrien wurde wesentlich vom menschengemachten Klimawandel verursacht, behaupten Medien  und Politiker. Sie berufen sich auf Klimaforscher, die entsprechende Studien  publiziert hatten.

Deutsche Forscher haben nun eine gemeinsame Stellungnahme  veröffentlicht, in der sie der These widersprechen.

"Die vielfach propagierte einfache Kausalität zwischen Dürre, Migration und Konfliktausbruch in Syrien lässt sich so nicht halten", erklärt das Deutsche Klima-Konsortium, ein Zusammenschluss zahlreicher Forschungsinstitute.

Klimadaten aus Syrien beunruhigen. Im vergangenen Jahrhundert erwärmte sich die Region lückenhaften Daten zufolge um gut ein Grad. Die schwere Dürre von 2006 bis 2010 war den Daten zufolge die schlimmste seit Beginn der Messungen zu Anfang des 20. Jahrhunderts.

Politische Maßnahmen wesentlich

Computerprognosen zufolge könnte ein stärkerer Treibhauseffekt die subtropische Trockenzone nach Norden schieben, sodass auch in Syrien weniger Regen fallen würde. Manche Forscher glauben, das sei geschehen - und der Klimawandel habe deshalb die Dürre in Syrien ausgelöst.

Die Folge seien Hunger, Flucht und wirtschaftliche Not gewesen. Diese wiederum hätten Aufstände provoziert und 2011 den Krieg ausgelöst, in dem bis jetzt ungefähr 200.000 Menschen starben.

Das Deutsche Klima-Konsortium hält die Argumentation für zu simpel: Zwar seien während der Dürre zahlreiche Menschen geflüchtet, meist innerhalb des Landes, bestätigt Friedensforscherin Christiane Fröhlich von der Universität Hamburg. "Doch weder war die Dürre einziger Auslöser der Migration, noch waren es die angeblichen Klimamigranten, die die Proteste in Syrien initiierten."

Wesentlich seien politische Maßnahmen der syrischen Assad-Regierung seit 2000: Die Streichung von Subventionen etwa hätten den Druck auf die arme Bevölkerung erhöht.

Schädliche Betonung des Klimawandels

"Syrien ist ein Beispiel dafür, dass eine effektive Anpassung an die Folgen des Klimawandels nur möglich ist, wenn gleichzeitig die sozialen, politischen und ökonomischen Bedingungen einbezogen werden", sagt Fröhlich.

Bereits zuvor hatten Forscher Zweifel angemeldet. Den Klimawandel als Ursache für Syriens Probleme anzuführen, lenke von den wahren Problemen ab, die Dürre und Hungersnöte verursachten, hatte Francesca De Châtel, Syrienexpertin an der Radboud University in Nijmegen, erklärt.

Exzessive Grundwasserförderung, Übernutzung des Bodens durch grasende Tiere und landwirtschaftliche Ausbeutung seien die Hauptursachen für die Hungersnot, sagte De Châtel.

"Die Rolle des Klimawandels ist nicht nur irrelevant, ihre Betonung sogar schädlich", meinte sie. Das Klimaargument erlaube es den Politikern, Schuldige für die Hungersnöte außerhalb des Landes zu suchen, obwohl sie doch eigentlich selber für das Missmanagement verantwortlich seien.

Mehr Dürren?

Dürrephasen gehörten in der Region zur Normalität. Tatsächlich sieht der Uno-Klimabericht, der das Wissen übers Klima zusammenfasst, zwar eine Erwärmung in Syrien, aber keinen eindeutigen Trend zu weniger Niederschlag. Die Datenmenge aus der Region gilt als ungenügend.

Zwar seien Dürren in den letzten 60 Jahren in Afrika häufiger geworden, berichtet nun das Deutsche Klimakonsortium. Der Einfluss des Klimawandels bei der Dürregefahr sei jedoch "statistisch nicht signifikant nachweisbar", sagt Paul Becker, Klimaexperte des Deutschen Wetterdienstes. Die Regenmengen schwankten zu sehr, um unnatürliche Signale identifizieren zu können.

Das Syrienthema verdeutliche, dass Forscher unterschiedlicher Disziplinen ihre Erkenntnisse besser verzahnen müssten, resümiert das Deutsche Klima-Konsortium. Die wechselseitigen Beziehungen zwischen Klimawandel, Migration und Sicherheit erforderten eine intensivere Zusammenarbeit, um alle Aspekte besser berücksichtigen zu können.

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