Louisiana New Orleans rutscht südwärts weg

Das Gestein unter dem Südostzipfel Louisianas hat sich vom Rest der USA gelöst. Per GPS konnten Forscher verfolgen: Ein Küstengebiet , einschließlich New Orleans und Mississippi-Delta, bewegt sich langsam Richtung Golf von Mexiko. Das könnte wichtig für den Hochwasserschutz sein.


"Die Leute sollten jetzt nicht gleich glauben, dass wir in den Golf fallen", sagte Roy Dokka, "das wird nicht passieren." Der Geologe von der Louisiana State University in Baton Rouge hat zum Jahreswechsel einen Fachartikel veröffentlicht, der bei Laien genau diesen Eindrück erwecken könnte - und tatsächlich für das Mississippi-Delta um New Orleans herum nichts Gutes verheißt.

Südostzipfel von Louisiana: um zwei Millimeter pro Jahr gen Süden
NASA / JPL / NGA

Südostzipfel von Louisiana: um zwei Millimeter pro Jahr gen Süden

Die von den Hurrikanes "Rita" und "Katrina" gebeutelte Metropole wird zwar auf absehbare Zeit nicht in den Golf von Mexiko kippen, doch sie rutscht beständig in diese Richtung. Messungen mit Hilfe des Satellitennavigationssystems GPS aus den vergangenen zehn Jahren haben das gezeigt. Dokka und seine Kollegen von der University of Miami und der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) in Silverspring im US-Bundesstaat Maryland fanden im Vergleich der Beobachtung von 1995 bis 2006: Um rund zwei Millimeter im Jahr entfernt sich der Untergrund von New Orleans vom stabilen Rest der USA. Das berichten die Forscher in dem Fachmagazin "Geophysical Research Letters".

Dass die Region mit mehreren Millimetern pro Jahr absackt, wissen Geologen seit Jahren. Genaue Zahlen veröffentlichten erst im Juni 2006 Forscher um Falk Amelung in der Wissenschaftszeitschrift "Nature": Um acht Millimeter jährlich sinkt New Orleans in den Untergrund.

"Losgelöst vom stabilen Nordamerika"

Bereits im Januar 2000 hatten Wissenschaftler der University of New Orleans und des United States Geological Survey (USGS) in Washington die bange Frage gestellt: "New Orleans ... oder das neue Atlantis?"

Was bislang aber höchstens als Hypothese diskutiert wurde, ist nach den Daten von Dokkas Team nun Fakt: Es geht nicht bloß abwärts, sondern auch gen Süden. Die Forscher können klar jenes Gebiet eingrenzen, dass Richtung Golf rutscht. Es sei eiförmig, misst rund 400 mal 300 Kilometer und beschränke sich auf die Südspitze Louisianas. Diese Gegend sei "losgelöst vom stabilen Nordamerika", so die Forscher.

Dokka spricht von "einer Art Lawine, nur dass sie sehr langsam vonstatten geht". So lege die bewegliche Masse pro Jahr eine Strecke zurück, die etwa der Dicke zweier Kreditkarten entspreche. Anders als für das bereits bekannte absacken, ist im Falle der horizontalen Verschiebung aber nicht bloß der allzu weiche - und mittlerweile schwer bebaute - Untergrund im Mississippi-Delta verantwortlich. Das Gestein in mehreren Kilometern Tiefe sei gerissen. Die Sedimente, die der Fluss in den vergangenen 8000 Jahren darauf abgeladen habe, seien einfach zu schwer geworden, vermuten die Forscher.

In Louisianas Masterplan fehlt die Horizontalrutschung noch

Nun möchte Dokka angesichts des Tempos der Entwicklung nicht missverstanden werden. Viele US-Medien wie der Fernsehsender "CBS" und die Zeitung "Houston Chronicle" titelten einfach "Louisiana Slipping Into Gulf Of Mexico" (Louisiana rutscht in den Golf von Mexiko). Viele andere fügten das Wort "slowly" (langsam) hinzu.

Viel relevanter ist Dokkas Erkenntnis für die Planung neuer und besserer Hochwasserschutzmaßnahmen. Solange hier nicht auch die neu gemessene Rutschung eingeplant wird, könnten sich die Maßnahmen bei künftigen Überflutungen als unzureichend erweisen. Dokka fordert, dass Ingenieure die horizontale Verschiebung etwa beim Bau neuer Schleusentore berücksichtigen.

Windell Curole, ein Deichexperte von der staatlichen Kommission zur Entwicklung eines Hochwasser-Masterplans, sagte der Nachrichtenagentur AP: Noch nicht einmal das Phänomen des - vertikalen - Absackens sei bisher "im großen Rahmen" in die Pläne eingegangen. Nun kommt die horizontale Bewegung dazu. "Sobald wir das besser verstehen, werden wir es auch einbeziehen", sagte Curole. "Diese Dinge gehören in die Gleichung hinein." Seit den dreißiger Jahren gingen in Louisiana rund 5000 Quadratkilometer Land verloren.

stx/AP

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