Madagaskar Drei neue Arten der kleinsten Primaten entdeckt

In den tiefen Wäldern auf Madagaskar wollten Wissenschaftler aus Hannover die Ausbreitung von Lemuren untersuchen. Auf ihrer Forschungsreise machten sie aber noch ganz andere Entdeckungen: gleich drei neue Primatenarten.

Von Tonia Sorrentino


Unbekannte Anonyme sind die Mausmakis der Art "Microcebus bongolavensis", "Microcebus danfossi" und "Microcebus lokobensis" schon seit rund drei Jahren nicht mehr. Doch viel Zeit kann vergehen, bis eine Tierart offiziell mit einem wissenschaftlichen Namen bedacht - quasi getauft - wird: Nach der Entdeckung neuer Kandidaten müssen sie beobachtet, ihre physischen und genetischen Daten ausgewertet werden. Dann müssen Forscher einen langen Bericht an ein Fachmagazin schreiben. Den wiederum müssen Experten beurteilen, hinterfragen, korrigieren. Erst wenn die Kollegen zustimmen, den Bericht über die Neuentdeckung in der Fachzeitschrift zu veröffentlichen, ist die wissenschaftliche Taufe vollendet.

Drei Mausmaki-Arten haben diese Prozedur jetzt hinter sich - ab sofort tragen sie offiziell ihre spezifischen Namen und werden ebenso offiziell zu der Familie der Lemuren gezählt. Entdeckt und beschrieben wurden sie von Wissenschaftlern aus dem Institut für Zoologie der Stiftung Tierärztliche Hochschule (TiHo) Hannover gemeinsam mit Kollegen von der Insel Madagaskar. Jetzt wurde ihre Studie zur Veröffentlichung in einer der nächsten Ausgaben des Fachmagazins "Molecular Phylogenetics and Evolution" angenommen.

Ursprünglich wollte das Forscherteam die Ausbreitungsgeschichte von Lemuren auf der Insel nachvollziehen. Deshalb brach es im Jahr 2003 zu einer Expedition auf, die bis ins vergangene Jahr dauerte. Immer zwischen Mai und Oktober - dann herrscht Trockenzeit auf Madagaskar- beobachteten sie die Populationen. Das war nicht immer einfach: "Wir hatten Schwierigkeiten, auszumachen, wo sich überhaupt noch Mausmakis aufhalten, da die Wälder permanent schwinden", sagte Ute Radespiel von der TiHo zu SPIEGEL ONLINE.

Radespiel ist, gemeinsam mit der Hannoveraner Zoologin Elke Zimmermann, nicht nur die Leiterin des großen Forschungsprojekts, an dem auch die beiden madagassischen Wissenschaftler Blanchard Randrianambinina und Solofonirina Rasoloharijaona arbeiteten. Sie betreut auch die Dissertation der Doktorandin Gillian Olivieri. Und zu deren Projekt gehörte es, vor Ort Mausmakis zu beobachten: Sie sind die kleinsten Primaten der Welt, sozusagen die kleinwüchsigsten Verwandten aus jener Ordnung, zu der auch der Mensch gehört. Innerhalb 18 bisher schwer zugänglicher und noch wenig erforschter Waldgebiete im Norden und Nordwesten Madagaskars hatte Olivieri die Körperteile und Proportionen der dort beheimateten Tiere gemessen und ihnen Genproben entnommen.

Die kleinsten Primaten der Welt

Für Laien unterscheiden sich die neu entdeckten Mausmakis wohl kaum von Arten, die in der Wissenschaft bereits bekannt sind. Auf den ersten Blick sehen sie alle gleich aus, unter anderem, weil ihre optischen Unterscheidungsmerkmale kaum ausgeprägt sind, denn sie leben im Dunkeln in dichten Baumkronen, wie Radespiel sagt. Deshalb mussten auch die Wissenschaftler ganz genau hinschauen. Erst dann entdeckten sie zum Beispiel, dass Tiere der einen Art einen zwei Zentimeter längeren Schwanz hatten als die anderen. Ihren Artgenossen machen es die Mausmakis einfacher: Sie geben sich anhand von Duftnoten und Rufen zu erkennen - auch in Frequenzbereichen, die kein Mensch hören kann.

Die Unterschiede zu den bereits bekannten Arten hat das Forscherteam inzwischen genetisch belegt, sagte Radespiel. "Künftig wird sich die Forschung dahin entfalten, mehr über die Lebensweise der Mausmakis zu erfahren: Wo sie schlafen, wie ihr Sozialsystem beschaffen ist, wann sie sich wie reproduzieren." Eine der drei neuen Arten, "Microcebus lokobensis", sei parallel auch von einer weiteren Arbeitsgruppe beschrieben worden.

Wie alle Lemuren kommen die etwa hamstergroßen Mausmakis mit Schwänzen von zwölf bis 17 Zentimetern Länge ausschließlich auf Madagaskar vor. Tagsüber schlafen sie in Blätternestern und Baumhöhlen. Nachts sind sie aktiv, kommunizieren, wandern durch ihr Revier und ernähren sich unter anderem von Früchten, Baumharzen und Insekten. Die unterschiedliche Entwicklung der Lemuren führen die Forscher darauf zurück, dass die kleinen Verbreitungsgebiete räumlich durch breite Flüsse voneinander getrennt sind.

Forschung kontra Waldrodung

Mausmakis und andere Lemuren genauer zu untersuchen, sei ein schwieriges Unterfangen, sagte Peter Kappeler von der Abteilung für Verhaltensökonomie und Soziobiologie am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen zu SPIEGEL ONLINE. Um wissenschaftliche Befunde zu erhalten, müsse man sie fangen, messen und ihnen kleine Gewebeproben entnehmen. "Das ist eine Frage der Methodik und der technischen Möglichkeiten", sagte Kappeler.

Der Wissenschaftler gehört selbst einer Arbeitsgruppe an, die sich seit etwa drei Jahren mit der Verbreitung spezieller Lemurengattungen in den Regenwäldern an der Ostküste Madagaskars befasst. Im kommenden Jahr würden weitere neue Arten beschrieben, kündigt Kappeler an. Er schätzt, dass bislang erst etwa die Hälfte aller Arten auf der Insel entdeckt und benannt worden ist.

Die Erforschung der Lemuren ist Kappeler zufolge "mehr oder weniger ein Wettbewerb": Der Druck auf die natürlichen Ressourcen auf der viertgrößten Insel der Welt wachse, immer mehr natürliche Habitate würden durch Brandrodung zerstört. Zwar würden auch in anderen Ländern Waldgebiete durch Ackerland ersetzt, allerdings könnten Wissenschaftler bei anderen Tierarten auf alternative Forschungsgebiete zurückgreifen. Das Hannoveraner Team um Ute Radespiel will nach eigenen Angaben in naher Zukunft ein Naturschutzprojekt initiieren. Für viele Arten gebe es bislang noch kein Schutzgebiet, sagte die Wissenschaftlerin.



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