Madagaskar Forscher finden mehr als hundert neue Froscharten

Überraschung in den Wäldern von Madagaskar: Forscher haben bei einer biologischen Inventur mehr als hundert neue Froscharten entdeckt. Viele von ihnen sind so gefährdet, dass sie verschwinden könnten, noch bevor sie einen wissenschaftlichen Namen bekommen.

Braunschweig - Innerhalb der vergangenen 15 Jahre haben Forscher auf Madagaskar mehr als hundert neue Froscharten entdeckt und wissenschaftlich beschrieben. Eigentlich, so dachte man bisher, sollten die meisten bis dahin unbekannten Arten dabei entdeckt worden sein. Doch diese Annahme war falsch, wie eine neue Inventur jetzt zeigt. Im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichtet ein Team von Forschern aus Deutschland, Spanien und Italien von spektakulären neuen Funden: Sie haben weit über hundert völlig neue Froscharten auf Madagaskar entdeckt.

Die Wissenschaftler hatten in verschiedenen Regionen der Insel Frösche und deren Kaulquappen gesammelt und diese zunächst mit molekulargenetischen Methoden analysiert. "Die genetischen Ergebnisse zeigten uns sehr schnell, welche Tiere sich deutlich unterscheiden, sagt Katharina Wollenberg, die die Laboruntersuchungen an der Technischen Universität Braunschweig leitete. Deswegen habe man weiterführende Untersuchungen sehr zielgerichtet durchführen können.

Die Forscher fanden insgesamt 130 neue Arten, die bislang völlig unbekannt waren und die sowohl genetisch als auch meist in ihren äußeren Merkmalen gut erkennbar sind. Dazu kommen noch 90 weitere Formen, die wahrscheinlich auch neue Arten sind, von denen es aber außer ihrer abweichenden DNA-Sequenz bislang keine weiteren Daten gibt.

"Das Jahrhundert der Entdeckungen hat erst begonnen"

"Viele Menschen glauben, dass wir schon längst wissen, welche Tier- und Pflanzenarten auf unserer Erde leben. Dabei hat das Jahrhundert der Entdeckungen gerade erst begonnen - die meisten Arten warten noch darauf, beschrieben und wissenschaftlich benannt zu werden", sagt Miguel Vences, in dessen Arbeitsgruppe in Braunschweig die Untersuchungen durchgeführt wurden.

Madagaskar trennte sich vor etwa 150 Millionen Jahren vom Festland. Seither entwickelte sich auf einer Fläche rund anderthalb Mal so groß wie Deutschland eine einzigartige Flora und Fauna. Viele Arten sind endemisch, kommen also nur hier vor. Wie andere Umweltschützer und das Forscherteam berichtet etwa die Umweltstiftung WWF, dass von den ursprünglichen tropischen Wäldern der Insel nur noch etwa zehn Prozent übrig sind - und das Abholzen schreitet voran.

Etliche der neuen Arten sind nur aus sehr kleinen Waldgebieten bekannt, die bislang nicht unter Schutz stehen. Zugleich gelten 43 Prozent der weltweit bekannten 6450 Amphibienarten als gefährdet - Parasiten, Lebensraumzerstörung, Umweltgifte und der Klimawandel gehören zu den Ursachen - auch auf der Insel vor Ostafrika. Diese neuen Funde sind deswegen auch für den Naturschutz auf Madagaskar von hoher Bedeutung. In den vergangenen Jahren hatte der Staat, der zu den ärmsten Ländern der Welt zählt, große Anstrengungen unternommen, seine einzigartige Natur zu schützen.

Anfang des Jahres putschte aber das Militär gegen den gewählten Präsidenten Marc Ravalomanana. Dadurch entstand ein Machtvakuum, in dem der Schutz der letzten Regenwälder Madagaskars nicht mehr gewährleistet ist. Selbst aus Nationalparks werden nach Auskunft von Forschern großflächige Abholzungen gemeldet. Außerdem ist der Ökotourismus, eine wichtige Einnahmequelle für das Land, auf Grund der Unruhen weitgehend eingebrochen.

Von der Mehrzahl der neuen Arten befinden sich nun einzelne Belegexemplare bei Frank Glaw in der Zoologischen Staatssammlung München - in Alkohol. Diese gesammelten Exemplare werden später zum sogenannten Holotypus, wenn die Arten von den Forschern in den nächsten Monaten einen wissenschaftlichen Namen erhalten und detailliert beschrieben werden. Die Forscher haben allerdings Angst, dass ohne einen strikten Schutz der Lebensräume viele der gerade erst entdeckten Froscharten ausgestorben sein könnten, noch bevor sie überhaupt einen wissenschaftlichen Namen bekommen haben.

chs/dpa
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