Markierte Tiere Metallbänder bremsen Pinguine

Metallbänder an den Flügeln von Pinguinen gelten als Mittel der Wahl, um die Wanderungen der Vögel zu verfolgen. Umstritten sind die Markierungen schon lange. Jetzt stellt sich heraus, dass sie die Tiere stark beeinträchtigen - und Forschungsergebnisse verfälschen können.

V.A. Viblanc

Um die Folgen des Klimawandels auf die Ökosysteme der Meere zu studieren, erforschen Wissenschaftler intensiv die Tierwelt der südlichen Ozeane. Sie nehmen an, dass diese Regionen von der drohenden Erderwärmung besonders betroffen sind. Pinguine eignen sich bestens als Studienobjekte, da man davon ausgeht, dass sie als Fischfresser relativ schnell unter Veränderungen im Ökosystem leiden würden. Daher statten Biologen die Tiere häufig mit Markierungen aus, um herauszufinden, wann sie sich wo aufhalten und wie sich der Bestand verändert. Allerdings können bei Pinguinen keine Ringe an den Beinen befestigt werden, so dass sie meist Metallclips an die Flossen bekommen.

Die Meinungen darüber, ob diese Bänder den Pinguinen schaden oder nicht, gehen auseinander: Während manche Forscher sie für völlig harmlos halten, warnen andere davor, dass sie die Tiere verletzen oder auf andere Art beeinträchtigen könnten. Die meisten Studien dazu basieren allerdings auf Beobachtungen von höchstens einem Jahr.

Zu wenig, meinte ein Forscherteam um Yvon Le Maho von der Universität Straßburg. Die Wissenschaftler beobachteten deshalb 100 Königspinguine auf der Ile de la Possession im südlichen Indischen Ozean über einen Zeitraum von zehn Jahren. Sie hatten allen Pinguinen einen Sender unter die Haut implantiert, der nicht einmal ein Gramm wog. Außerdem statteten die Biologen die Hälfte der gefiederten Tiere mit einem Metallband an einer der Flossen aus. Über die Jahre verglichen sie dann sowohl das Brut- als auch das Jagdverhalten der Pinguine.

Brutverhalten und Futtersuche beeinträchtigt

Die Bänder hinterließen deutliche Spuren, wie die Forscher im Fachblatt "Nature" schreiben: Pinguine mit Metallclip hatten demnach eine 16 Prozent niedrigere Überlebenschance als ihre Artgenossen und durchschnittlich 36 Prozent weniger Küken als die anderen Pinguine. Der Grund: Die Tiere mit Band erreichten die Brutplätze etwa 16 Tage später als die Vergleichstiere. Je später sie eintrafen, desto geringer war die Vermehrungsrate der Pinguine.

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Pinguine: Ärger mit Metallbändern
Das liege daran, dass die Bänder die Pinguine beim Schwimmen behindern, erläutern die Forscher. Das macht sich auch bei der Futtersuche während der Brutzeit bemerkbar. In dieser Phase bebrüten Männchen und Weibchen das Ei im Wechsel, während der andere Partner auf eine ausgedehnte, mehrere Tage dauernde Futtersuche geht. Die Pinguine ohne Band waren dafür etwa 16 Tage unterwegs, die Vögel mit Clip suchten dagegen 22 Tage nach Nahrung.

Die Studie zeige, dass nur Beobachtungen über mehrere Jahre zu verlässlichen Daten führen, schreiben die Wissenschaftler. Da die Clips das Verhalten der Vögel drastisch verändern, sei es problematisch, Informationen und Schlussfolgerungen aus Beobachtungen derartig markierter Tiere zu ziehen - der Band-Effekt könnte das Ergebnis verfälschen.

In einem Kommentar in "Nature" betonte Rory Wilson von der britischen Swansea University die Bedeutung der Erkenntnisse. Für Langzeitstudien über Tierpopulationen würden Metallband-Markierungen verbreitet eingesetzt, um statistisch robuste Daten zu bekommen. "Die Folgen für bedrohte Arten können weitreichend sein", so der Forscher.

Pinguine könnten von den Bändern gleich in mehrfacher Hinsicht beeinträchtigt werden. Die Reibung an den Flossen und am Körper könne Verletzungen verursachen. Laborversuche hätten ergeben, dass Pinguine mit Metallbändern 24 Prozent mehr Kraft zum Schwimmen bräuchten als unmarkierte Tiere.

Es sei unausweichlich, dass eine Markierung ein Tier auf irgendeine Art beeinflusse. "Das Ziel ist, das natürliche Verhalten nicht zu verändern", so Wilson. "Aber das erscheint naiv angesichts der Tatsache, dass die Selektion schon auf winzige Unterschiede zwischen einzelnen Tieren reagieren kann."

mbe/dpa



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