Massenkeulung in Bayern Gefährliche H5N1-Viren nachgewiesen

Die Massentötung von 205.000 Enten im bayerischen Landkreis Schwandorf wurde heute Morgen beendet. Inzwischen steht fest, dass es auf den beiden betroffenen Höfen Infektionen mit der gefährlichen Variante des H5N1-Virus gab. Behörden haben eine Sperrzone eingerichtet.


Schwandorf - Die bisher größte Massentötung von Geflügel in Deutschland war heute Morgen gegen 4 Uhr abgeschlossen. Etwa 120 Helfer mit drei Keulungsanlagen waren im Einsatz. Weitere 150 Menschen halfen beim Absperren und Desinfizieren der Höfe und beim Abtransport der toten Tiere.

Entenmastbetrieb in Mofing (Landkreis Schwandorf): Mitarbeiter in Schutzkleidung bei der Desinfektion
AP

Entenmastbetrieb in Mofing (Landkreis Schwandorf): Mitarbeiter in Schutzkleidung bei der Desinfektion

Das Friedrich-Loeffler-Institut hat dem Landkreis zufolge inzwischen bestätigt, dass bei Enten auf den zwei Mastbetrieben die gefährliche Variante des H5N1-Virus gefunden wurde. Bereits am Freitagabend hatte das bayerische Umweltministerium mitgeteilt, dass eindeutig das hochpathogene H5N1-Virus in Proben aus den Entenbeständen gefunden worden sei.

Am gestrigen Montag hatte dagegen die Nachrichtenagentur ddp gemeldet, es gebe auf den zwei Höfen noch keinen Nachweis für den gefährlichen Vogelgrippeerreger. Um die betroffenen Betriebe nahe Bruck und Nittenau wurde ein Sperrgebiet von drei Kilometern eingerichtet.

Inzwischen seien alle toten Tiere abtransportiert und Desinfektions- und Aufräumarbeiten im Gange, sagte der Landkreissprecher. In der Sperrzone gebe es etwa 60 Geflügelhalter, darunter auch einige kleine Bestände mit 10 bis 20 Tieren. Für diese Betriebe gelte nun die Stallpflicht, sie würden beobachtet und dort müssten Proben genommen werden, erklärte der Sprecher. Ergebnisse seien aber erst in einigen Tagen zu erwarten.

Die Vogelgrippe
Virus
DDP
Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
AP
Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
AP
Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Die Behörden richteten außerdem einen Beobachtungsbereich von rund zehn Kilometern und eine Kontrollzone von rund 13 Kilometern ein. Dort unterliegen Geflügelbetriebe besonderen Überwachungen. Der Warenverkehr wurde gesperrt.

In der Sperrzone gebe es aber keine direkten Kontakte von Geflügelbetrieben zu den beiden von der Vogelgrippe betroffenen Höfen, erklärte der Sprecher. Die beiden Höfe sind Tochterunternehmen des Entenmastbetriebs in Wachenroth bei Erlangen, wo bereits Ende August der gefährliche H5N1-Erreger festgestellt wurde. Dort wurden 160.000 Tiere getötet.

Nach der Bestätigung des erneuten Auftretens der Vogelgrippe in Deutschland sieht Verbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) eine "sehr ernste Situation". In der Bundestagsdebatte über seinen Etatentwurf 2008 mahnte Seehofer am Dienstag in Berlin "mehr Aufmerksamkeit für die H5N1-Problematik" an. Sie sei "von ungleich größerer Bedeutung" für die Gesundheit der Menschen als manch andere Debatte im Lebensmittelbereich. Die Herausforderung bei dem H5N1-Virus sei "um ein gewaltiges Stück größer" als etwa bei den Gammelfleisch-Fällen, warnte der Ressortchef.

hda/AP/ddp



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