Massentod Starben Dinosaurier an Weibchenmangel?

Die Dinosaurier - zumindest die männlichen - starben womöglich einen noch schrecklicheren Tod als bisher angenommen. Der Meteorit, der vor 65 Millionen Jahren die Erde traf, sorgte einer neuen Theorie zufolge für akuten Weibchenmangel unter den Riesenechsen. Damit ist eine alte Debatte neu entbrannt.


Lebensgroßes Modell eines Velociraptors: Gingen die Dinosaurier an Weibchenmangel zugrunde?
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Lebensgroßes Modell eines Velociraptors: Gingen die Dinosaurier an Weibchenmangel zugrunde?

Es stand nicht zum Besten für die Dinosaurier, als sie vor 65 Millionen Jahren wahrscheinlich der Todesstoß traf: Forscher vermuten, dass die Riesenechsen bereits im Niedergang begriffen waren, als ein gewaltiger Meteorit auf die heutige Halbinsel Yucatan stürzte, für einen drastischen Klimawandel sorgte und die Dinosaurier auslöschte.

Strittig ist allerdings, wie genau der Temperaturwechsel sein Todeswerk vollbrachte. Jetzt hat ein britisches Forscherteam eine bereits bekannte Theorie neu belebt: Die veränderten Temperaturen könnten dazu geführt haben, dass immer weniger Dinosaurier-Weibchen geboren wurden, schreiben David Miller von der britischen University of Leeds und seine Kollegen in der Fachzeitschrift "Fertility in Sterility" (Bd. 81, S. 954). Das habe den Riesenechsen am Ende den Garaus gemacht.

Die These fußt auf der Art der Vermehrung bei heute lebenden Reptilien wie etwa Krokodilen: Das Geschlecht ihrer Jungen wird im Wesentlichen durch Temperaturunterschiede bestimmt. Bei moderaten Bedingungen schlüpfen Männchen. Wird es wärmer oder kälter, sind Weibchen das Resultat.

Um ihre Theorie zu untermauern, sagten die Briten mit einem mathematischen Modell voraus, wie schnell eine Spezies ausstirbt, wenn sie nicht mehr ungefähr ebenso viele Männchen wie Weibchen besitzt. Bei einem Verhältnis von 80 zu 20 würde demnach eine Population von 1000 Tieren innerhalb von 50 Fortpflanzungszyklen aussterben - was, je nach der Länge der Fruchtbarkeitsphase, nur 500 bis 1000 Jahren entspräche.

Andere Paläontologen aber sind ganz und gar nicht überzeugt von Millers Ansatz. Die meisten Wissenschaftler halten die Vögel für die nächsten noch lebenden Verwandten der Dinosaurier - und bei denen spielt die Temperatur bei der Geschlechtsbestimmung keine Rolle.

Ein weiteres Gegenargument ist die Tatsache, dass manche Tierarten, deren Geschlecht durch die Temperatur festgelegt wird - unter anderem Krokodile - überlebt haben, während die Dinosaurier ausstarben. Miller spekuliert, dass Krokodile ihre Eier besser vor Hitze und Kälte schützen konnten, weil sie in der Nähe fließender Gewässer lebten.

Paul Markwick von der University of Chicago dagegen argumentiert, dass die Krokodile - die kaltblütig sind und extrem empfindlich auf klimatische Veränderungen reagieren - vor 65 Millionen Jahren nicht nur das Massensterben überlebten, sondern ausgesprochen gut gediehen. Fossilienfunde hätten gezeigt, dass es in der Verbreitung und der Vielfalt der Krokodile in jener Zeit keine bedeutenden Veränderungen gegeben habe. "Ein Klimawandel, der stark genug war, alle Dinosaurier auszulöschen, hätte zweifellos einen großen Effekt auf die empfindlichen Krokodile gehabt", so Markwick. "Aber dafür sehe ich keinen Beweis."



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