Neues aus der Geoforschung Zwitschern im Weltall, Rekordeis im Süden, Film zeigt Weltwetter

Eine Tonaufnahme dokumentiert ein seltsames Zwitschern an der Grenze zum Weltall. Außerdem im Überblick zur Geoforschung: Das Meereis vor der Antarktis erreicht historische Rekord-Ausdehnung, ein Film aus dem All zeigt das Weltwetter im September - und ein Skandal um Erdbebenforscher.

Hamburg - Vögel im Weltall? Natürlich nicht: Die Geräusche, die die Nasa einige hundert Kilometer über der Erde aufgezeichnet hat, ähneln zwar dem Zwitschern in Baumkronen (hier hören Sie díe Aufzeichnung). Doch in der Ionosphäre an der Grenze zum All schreien keine Tiere, vielmehr macht sich das Magnetfeld bemerkbar.

Sonnenwind bringt es zum Singen: Die Sonne schleudert geladene Teilchen ins All, die auf die Atmosphäre der Erde prallen. Die magnetischen Feldlinien werden dabei geradezu angeschlagen wie eine Gitarrensaite. Statt Schallwellen senden sie aber Radiowellen - die als Zwitschern hörbar sind.

Der Satellit mit dem wenig musikalischen Namen "RBSP" (Radiation Belt Storm Probes) hat die Geräusche der Atmosphäre am 5. September aufgezeichnet. Doch auch Radiogeräte könnten die Klänge registrieren, sagt Craig Kletzing von der University of Iowa in den USA, dessen Team die Aufzeichnungen nun veröffentlicht hat.

Am ehesten sei das Zwitschern in den Morgenstunden zu hören, wenn sich die jeweilige Region in die Sonne dreht. Deshalb ist das Phänomen auch als "Chor der Morgendämmerung" (Dawn Chorus) bekannt. Es ist nicht das einzige Geräusch, das der Sonnenwind verursacht. Erst im Juli hatten Forscher das mysteriöse Knallen Nordlichts auf Sonnenstürme nahe des Erdbodens zurückführen können.

Meereis der Antarktis erreicht Rekordausdehnung

Antarktisches Meereis in den Wintermonaten: Die blaue Linie zeigt den Zuwachs der Eisschollen 2012; die graue Linie zeigt den Durchschnitt der Jahre 1979 bis 2000

Antarktisches Meereis in den Wintermonaten: Die blaue Linie zeigt den Zuwachs der Eisschollen 2012; die graue Linie zeigt den Durchschnitt der Jahre 1979 bis 2000

Foto: NSIDC

Während auf der Nordhalbkugel gerade der Sommer zu Ende gegangen ist, endet auf der Südhemisphäre die kalte Jahreszeit. In beiden Welten wurden nun gegenteilige Klimarekorde gemessen.

Während das Meereis am Nordpol in diesem Sommer so stark geschwunden war wie nie zuvor seit Beginn der Satellitenmessungen in den siebziger Jahren, erreichte das Meereis auf der Südhalbkugel nun den gegenteiligen Rekord: Nie zuvor seit Beginn der Satellitenmessungen Ende der siebziger Jahre bedeckten die Eisschollen vor der Antarktis um diese Zeit im Jahr ein so großes Gebiet.

Forscher maßen dort die zweitgrößte Meereisbedeckung überhaupt: Fast 20 Millionen Quadratkilometer bedeckten die Eisschollen vor der Antarktis Ende September; sie umrahmen den Südkontinent wie ein weißer Kranz. Normalerweise bedecken sie dort zur Hochphase am Ende des Südwinters aber nur 18 Millionen Quadratkilometer - also ein Neuntel weniger Fläche als jetzt im September.

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Rekord im Süden: Eisschollen breiten sich aus

Foto: NSIDC

Der Unterschied zum Normalen fiel in der Arktis zwar deutlich stärker aus: Dort hatte sich das sommerliche Meereis in diesem Jahr halbiert. Gleichwohl bleibt die Frage, warum sich das winterliche Eis im Süden trotz des Anstiegs der globalen Durchschnittstemperatur in den vergangenen Jahrzehnten seit 1979 immer mehr ausgedehnt hat. Verantwortlich seien vermutlich veränderte Winde und Ozeanströmungen, teilt das National Snow and Ice Data Center der USA mit.

Wie es mit dem Meereeis der Antarktis weitergeht, hängt auch vom Eisnachschub des Kontinents ab: Wie schnell rutschen die Gletscher ins Meer? Vorgelagerte Untermeerberge können die Eiszungen stoppen. Der deutsche Glaziologe Reinhard Drews von der Université Libre de Bruxelles erforscht diesen Bremseffekt - für seine Arbeit wurde ihm nun von Prinz Philippe von Belgien der "InBev-Baillet Latour Antarctica Fellowship" für junge Wissenschaftler verliehen.

Film aus dem All zeigt Weltwetter im September

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36.000 Kilometer über der Erde beobachtet ein "MSG"-Satellit das Wettergeschehen.Er rast mit derselben Geschwindigkeit um die Erde, wie der Planet sich dreht, so dass der Satellit immer das gleiche Gebiet im Blick hat. Der tonnenschwere Satellit der European Organisation for the Exploitation of Meteorological Satellites (EUMETSAT) macht alle paar Minuten ein Bild der Erde. "MSG" steht für "Meteosat Second Generation".

Die künstliche Trabant beobacht die Erde im sichtbaren und infraroten Licht, weshalb die Farben auf seinen Bildern etwas verfremdet sind. Seine Daten verbessern die Wettervorhersagen insbesondere für Europa und Afrika. Das Video zeigt das Wettergeschehen im September.

Gut erkennbar sind die Hauptklimazonen: Am Äquator lässt die Hitze dicke Wolkenberge aufsteigen, in den Subtropen entstehen über den Ozeanen Tiefdruckwirbel, die von der Wärme der Meere zu Hurrikanen beschleunigt werden. Über die gemäßigten Breiten ziehen Regenfronten. Und Hochdruckgebiete hielten die Sahara auch im September nahezu wolkenfrei.

Jedes größere Regengebiet lässt sich mit dem Satelliten frühzeitig erkennen. In den Nächten aber verdunkelt sich auch der Blick aus dem All.

Skandal: Erdbebenforscher sollen ins Gefängnis

L'Aquila, Mittelitalien am 7. April 2009: Staatsanwälte gegen die Wissenschaft

L'Aquila, Mittelitalien am 7. April 2009: Staatsanwälte gegen die Wissenschaft

Foto: Max Rossi/ REUTERS

Im Prozess um das verheerende Erdbeben im italienischen L'Aquila im April 2009 hat die Staatsanwaltschaft vier Jahre Haft für sieben Wissenschaftler wegen fahrlässiger Tötung gefordert. Die Analyse der angeklagten Experten kurz vor dem Beben sei "unzureichend und untauglich" gewesen, sagte Staatsanwalt Fabio Picuti in L'Aquila laut italienischen Medien.

Die Kommission renommierter Wissenschaftler war sechs Tage vor dem Beben mit mehr als 300 Toten zu dem Schluss gekommen, dass die Reihe von Erdstößen in der Region auf kein besonders erhöhtes Erdbebenrisiko hinweise. Sie handelte damit im Einklang aller wissenschaftlicher Erkenntnisse - Erdbeben lassen sich nicht vorhersagen.

Allerdings pocht die Staatsanwaltschaft darauf, die Wissenschaftler hätten die Gefahr verharmlost: Picuti verwies in seinem Plädoyer unter anderem auf den Forscher Enzo Boschi. Der ehemalige Direktor des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (INGV) soll vor dem Erdbeben gesagt haben, dass er die Gefahr eines Erdbebens "beiseite schieben" würde.

Laut Picuti hätten sich die Einwohner in und um L'Aquila bei einer deutlicheren Warnung besser vor dem Beben schützen können. "Wegen dieses Satzes sind Menschen gestorben", sagte er. Die sechs Forscher und ein Beamter des Katastrophenschutzes hatten demnach lediglich auf die üblichen Sicherheitsvorkehrungen, insbesondere beim Hausbau hingewiesen.

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Katastrophe in Italien: Das Beben von L'Aquila

Foto: A1809 epa ansa Peri Percossi/ dpa

Die Analyse der Experten sei auf kriminelle Weise fehlerhaft sowie "nutzlos" und "widersprüchlich" gewesen, sagte Picuti weiter. Die Verteidigung will am 9. und 10. Oktober ihr Plädoyer halten. Ein Urteil wird laut der Zeitung "Il Tempo" bis zum 23. Oktober erwartet.

Mehr als 5000 Wissenschaftler hatten zum Prozessauftakt vor einem Jahr in einem offenen Brief an Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano beklagt, dass den Angeklagten ein Strafprozess gemacht werde, obwohl die Vorhersage von Erdbeben bislang technisch unmöglich sei. Bei dem Beben am 6. April 2009 wurde das mittelalterliche Zentrum von L'Aquila in ein Trümmerfeld verwandelt. 309 Menschen wurden getötet, rund 80.000 wurden obdachlos.


Von Axel Bojanowski ist sein neues Buch "Nach zwei Tagen Regen folgt Montag" über 33 erstaunliche Rätsel der Erde erschienen (diese aktuellen Meldungen stammen nicht aus dem Buch).