Meeresrüpel Terror-Shrimp mit Knochenkeulen

Das Tierreich kennt vermutlich keinen zweiten Schlägertypen wie ihn: Der Bunte Fangschreckenkrebs schießt mit Gas-Torpedos Muschel, Krebs und Fisch k.o., ehe er seinen Opfern mit keulenartigen Armen Schalen, Panzer und Gräten zermalmt.

Von Volker Mrasek


Bunter Fangschreckenkrebs: Härtester Schwinger im Tierreich
Patek/ Korff/ Caldwell

Bunter Fangschreckenkrebs: Härtester Schwinger im Tierreich

Es brauchte eine Hochgeschwindigkeitskamera, um die zoologische Bewegungslehre einen spektakulären Schritt voran zu bringen. Jetzt wissen Biologen der University of California in Berkeley, was für eine Granate in der semmelgroßen Garnele steckt. Der räuberische Krebs drischt mit einer Geschwindigkeit von bis zu 23 Metern pro Sekunde auf seine Opfer ein. Das sind rund 85 Kilometer pro Stunde - unter Wasser! Odontodactylus scyllarus, so der lateinische Begriff für den Meeresboxer, teile vermutlich den schnellsten Haken im ganzen Tierreich aus, schreiben Sheila Patek, Wyatt Korff und Roy Caldwell im Wissenschaftsmagazin "Nature" (Bd. 428, S. 819).

Fangschreckenkrebse, auch Mantis-Shrimps genannt, haben einen Haufen Beine und Panzer-Anhängsel. Mit denen kann man durchaus herumexperimentieren, muss sich Mutter Natur gedacht haben - und ließ die Fangbeine zu muskulösen Keulen anschwellen. Berkeley-Biologieprofessor Caldwell spricht gar von "Hämmern", mit denen die Garnelen "Schnecken und Krabben in Stücke hauen". Optisch ähneln die furchtbaren Waffen den verschränkten Vordergliedmaßen von Gottesanbeterinnen - daher auch der Name Fangschreckenkrebs.

Gas-Torpedo betäubt die Beute

Die Killer-Shrimps können ihre Keulen wie Sprungfedern spannen. Sie haken ihre Fangbeine in einen Schnappmechanismus am Außenskelett ein und lassen ihre Muskeln förmlich bis zum Anschlag, zur maximalen Kontraktion, anschwellen. Erst im Moment der Attacke entriegeln sie die Halterung. Der Hammer bricht explosionsartig aus der Verankerung - so blitzschnell, dass die Beute im Schnitt nach 2,7 Millisekunden erledigt ist, wie die Kalifornier akribisch protokollierten.

Von dem eigentlichen Schlag aber bekommen die Opfer womöglich gar nichts mehr mit. Patek, Korff und Caldwell glauben, dass der Bunte Fangschreckenkrebs seine Beute erst noch rasch betäubt, bevor er den Hammer niedersausen lässt. Denn auch das haben die Kameraaufnahmen laut dem Bericht gezeigt: Die Fangbeine schießen derart schnell hervor, dass Gasbläschen im Meerwasser entstehen, die sofort wieder kondensieren - und zwar schlagartig. Der Prozess ist auch als "Kavitation" oder "Hohlsog" bekannt: Die Luftblasen, die durch Geschwindigkeitsänderungen in Flüssigkeiten erzeugt werden, können sogar Schiffsschrauben beschädigen.

"Terror im Aquarium"

Im Fall des Fangschreckenkrebses trifft der Gas-Blitz noch vor der Panzerfaust ins Schwarze. Wie Torpedos schießen die Luftbläschen auf das Beutetier zu und verpassen ihm den ersten Treffer. Der, mutmaßen die US-Biologen, betäubt Muschel, Krabbe und Fisch. Erst nach der Narkose komme der tödliche Knuff.

Gehörigen Respekt vor der exotischen Garnele haben im Übrigen auch Aquarienfreunde. Ein Hieb ihrer Pranken, argwöhnt Caldwell, könne sogar Glas zerschmettern. Diese Furcht mag zwar übertrieben sein. Doch dass die flinken Totschläger mitunter in Aquarien eingeschleppt werden, etwa mit Gesteinsmaterial oder Korallen, ist hinreichend belegt.

Vor Jahren gelangten gleich zwei Exemplare einer eng verwandten Art irgendwie in das Monterrey Bay Aquarium in Kalifornien. Muscheln, Schnecken und Krabben verschwanden plötzlich spurlos, selbst mancher Fisch ward nicht mehr gesehen. Es dauerte Monate, das marodierende Duo in dem Riesenbecken dingfest zu machen. Der US-Sender ABC stöhnte zwischenzeitlich über "Terror im Aquarium".

Ach ja, wenn man sie erwischt, kann man Mantis-Shrimps auch kochen. Geschmacklich schlagen sie nicht aus der Art, gelten sogar als Delikatesse - zum Beispiel in sämiger Kräuter-Kokosnuss-Sauce.



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