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Antarktis-Konferenz in Bremerhaven Staaten pokern um größte Meeresschutzzone

Entsteht vor der Antarktis die größte Meeresschutzzone der Welt? Mit allen Tricks feilschen Vertreter von 24 Staaten in Bremerhaven um Seegebiete, in denen Fischerei verboten wird. Entscheidend könnte der Vorschlag des umstrittenen Tagungsleiters sein.

Hamburg/Berlin/Bremerhaven - Sie feilschen mit bewährten Methoden internationaler Diplomatie. Beliebt ist beispielsweise die Taktik, zunächst wenig Widerstand zu leisten gegen die Positionen der anderen, kurz vor der Abstimmung sich aber querzustellen. Als wirkungsvoll erwies sich auch die Variante Abwesenheit: Soll ein Beschluss gefasst werden, bleiben Delegierte dem Treffen einfach fern.

In Bremerhaven berät die "Internationale Kommission zum Schutz lebender Ressourcen in der Antarktis" (CCAMLR), ob das Meer vor der Antarktis vor Eingriffen des Menschen teilweise bewahrt werden soll. Die Vertreter von 24 Staaten und der Europäischen Union (EU) hätten "die einmalige Chance, Geschichte zu schreiben", wenn sie am Dienstag das größte Meeresschutzgebiet der Welt beschlössen, beschwört Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner einen Erfolg. Es sind jene Länder, die in der Antarktis engagiert sind, wirtschaftlich oder wissenschaftlich.

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Eisiger Südkontinent: Naturschätze der Antarktis

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Naturschutz wird auch zur Frage geopolitischer Interessen, kein Land will Einfluss verlieren. Bislang stehen sich zwei Lager unverträglich gegenüber. Auf der einen Seite haben westliche Staaten Schutzzonen vorgeschlagen: die USA und Neuseeland im Rossmeer auf der Neuseeland zugewandten Seite der Antarktis, die EU und Australien Gebiete vor der Ostküste des Kontinents. In einigen Gebieten würde die Fischerei untersagt, in anderen unter strenge Auflagen gestellt. China, Japan, die Ukraine, Norwegen und vor allem Russland zeigen allerdings wenig Interesse an einer Einigung; sie haben große wirtschaftlichen Interessen in der Region.

Naturschätze der Antarktis

Es geht um einen einzigartigen Naturschatz: Die Ozeane vor dem Südkontinent gelten als ursprünglich wie kaum eine andere Region. Das extreme Klima vereinigt eine spezielle Gemeinschaft. Pinguine etwa leben nur dort, Robben, Wale, Delfine, Tintenfische und Albatrosse. Das nährstoffreiche Wasser lässt Myriaden Kleinkrebse gedeihen, den Krill. Er ernährt nicht nur die bunte Fischwelt, sondern wird als Nahrung für Fischfarmen oder für Gesundheitsprodukte in alle Welt exportiert.

Menschliche Begierden bedrohen das Idyll: "Flora und Fauna der Antarktis stehen unter wachsendem Druck durch Fischerei und Rohstoffförderung", sagt Onno Groß, Direktor der Meereschutzorganisation Deepwave . Auch norwegische Schiffe fangen vor der Antarktis große Mengen Krill, die daheim in riesigen Aquakulturen an Lachse verfüttert werden. Deswegen hat die Regierung in Oslo nicht viel übrig für große Schutzgebiete.

Norwegen hat besonderen Einfluss: Geleitet werden die CCAMLR-Verhandlungen in Bremerhaven von Terje Løbach, einem Beamten des norwegischen Fischereiministeriums. Beim letzten CCAMLR-Treffen in Australien war sein Land eines der Staaten, die sich am stärksten gegen die Einrichtung der Schutzzonen sperrten. Und Løbach, erinnern sich Teilnehmer, vertrat schon damals als Tagungspräsident die Position seiner Regierung - anstatt nach einem Kompromiss zu suchen. Die Konferenz in Australien scheiterte.

Russland gegen USA

Es ist erst das zweite Mal seit 1982, dass sich die Kommission nun zu einer Sondersitzung abseits des Jahresturnus trifft. In Bremerhaven soll der Druck auf die Verweigerer erhöht werden. "Die europäische Presse wird das Thema im Fokus haben. Dadurch entsteht mehr Druck auf skeptische Staaten", heißt es aus der deutschen Bundesregierung.

Viel bewegt sich nicht. Russlands Vertreter sind vor allem gegen den Vorschlag einer Schutzzone im Rossmeer, den die USA und Neuseeland vorgestellt haben. Neuseeland und die USA schlagen Fangquoten für das 2,3 Millionen Quadratkilometer große Areal vor. Bei deren Festlegung fühlen sich die Russen über den Tisch gezogen - und blockieren. "Die haben Angst, dass das Fell des Bären ohne sie verteilt werden könnte", sagt ein Teilnehmer.

Dem amerikanisch-neuseeländischen Vorschlag wird wegen dieses Streits eine schlechtere Chance eingeräumt. Wird also der alternative Vorschlag, das Schutzgebiet vor den Ostantarktis, durchkommen? "Es müsste noch eine Menge passieren, angesichts der vielen Bedenken, die hier vorgetragen werden", berichtet Tim Packeiser, Meeresökologe beim Umweltverband WWF. Gute Aussichten auf besseren Schutz hätten am ehesten die Schelfgebiete nahe der Küste.

Heikler Kompromiss

Ein Kompromissvorschlag Norwegens sorgt für Unruhe: Man könne ja eine Schutzregion schaffen, sie aber zeitlich beschränken. "Das wäre ein gefährlicher Präzedenzfall", sagt Meeresbiologe Groß. Solch ein Beschluss könnte zum Vorbild für künftige Schutzgebiete in aller Welt werden. "Wir sehen mit Sorge, dass andere Länder ihre Bereitschaft andeuten", ergänzt Packeiser.

Kann Deutschland vermitteln, als eines der wenigen in der Antarktis vertretenen Länder ohne große wirtschaftliche Interessen? Die zuständige Bundeslandwirtschaftsministerin Aigner bringt einen eigenen Vorstoß ins Spiel: Deutschland werde bald ein Schutzgebiet im westantarktischen Weddelmeer vorschlagen; dort liegt seit Jahrzehnten der Schwerpunkt heimischer Forschung. "Die Bodenflora in diesem Gebiet kommt in ihrer Schönheit und ihrem Artenreichtum den tropischen Korallenriffen gleich", schwärmt Aigner.

Gleichwohl werden weder die Ministerin, noch hochrangige Delegierte der Bundesregierung oder anderer Staaten in Bremerhaven erwartet. Die Verhandlungen bleiben, wie es heißt, "auf Arbeitsebene". Kann es dennoch einen Durchbruch geben? Ein Zusammenschluss von mehr als 30 Umweltschutzorganisationen bleibt optimistisch: Die Antarctic Ocean Alliance (AOA) schlägt unverdrossen zusätzliche 19 Meeresgebiete nahe der Antarktis vor. Sie sollen die von den Staaten verhandelten Zonen miteinander verbinden, irgendwann.

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