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Verletzliche Inseln: Halten Sie Schritt mit dem Meeresspiegel?

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Weltklimavertrag "Das Todesurteil unterschreibe ich nicht"

Der Außenminister der Marshallinseln kämpft gegen den Untergang seines Landes und droht, den Weltklimavertrag scheitern zu lassen. In der Uno bestimme nicht die Politik, sondern die Industrie, sagt er.

"Was wir Kleinen können, könnt ihr schon lange", sagt der Präsident der Marshallinseln, Christopher Loeak. Noch vor den meisten anderen Ländern hat der winzige Inselstaat jetzt seine Treibhausgasziele für die Uno-Klimakonferenz in Paris abgegeben: 2025 sollen die CO2-Emissionen der Marshallinseln ein Drittel geringer ausfallen als 2010.

Die Marshallinseln liegen flach über dem Meeresspiegel, sie drohen vom steigenden Meer überschwemmt zu werden. "Es ist eine Wette auf Leben und Tod", sagt Tony de Brum, der die kleinen Inselstaaten bei den Klimaverhandlungen vertritt.

Doch auch sein Land befindet sich in einem Klimadilemma: Es verdient an abgasreichen Schiffen und Bohrinseln. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erläutert de Brum diese Geschäfte und berichtet, dass er sogar Freunde an die Polizei ausliefern musste.

Zur Person
Foto: GREG WOOD/ AFP

Tony de Brum, (Jahrgang 1945) ist Außenminister der Marshallinseln im Pazifik. Er leitet die Uno-Klimaverhandlungen für die Interessengruppe der kleinen Inselstaaten (AOSIS). Er ist bekannt für klare Worte, die ihn immer wieder in Konflikt mit Großmächten, aber auch mit der eigenen Regierung brachten.

SPIEGEL ONLINE: Herr de Brum, Sie wollen auf der entscheidenden Uno-Klimakonferenz in Paris keinen Kompromiss unterschreiben? Erschwert diese Haltung nicht eine Einigung?

De Brum: Ich habe gesagt, dass ich kein Todesurteil für mein Land unterschreiben werde - wir werden keinem Klimavertrag zustimmen, der beschließt, dass wir untergehen. Die bisherigen Ankündigungen der Staatengemeinschaft reichen bei Weitem nicht, um den Klimawandel zu bremsen. Das bedeutet: Mein Land wird nicht mehr lange da sein.

SPIEGEL ONLINE: Welche Macht haben die 39 kleinen Inselstaaten, die Sie vertreten, überhaupt in den Verhandlungen?

De Brum: Wir können nur versuchen, andere Länder zu überzeugen, mit uns zu stimmen. Immerhin sind wir ja auch in der "Gruppe der 77", in der Entwicklungsländer mit China zusammen eine gemeinsame Position suchen. Es fehlt aber der politische Wille der abgasreichen Länder: Die einen sagen, striktere Klimaziele wären ein Schock für ihre Wirtschaft, die anderen sagen, ihre Länder müssten sich wirtschaftlich noch stärker entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Sorgen nicht begründet? Weniger fossile Energie schwächt doch zunächst mal die Wirtschaftskraft. Indien plant den Bau vieler Kohlekraftwerke, um seine Bewohner aus der Armut zu holen.

De Brum: Wir fragen Indien, warum sie das nicht verstärkt mit erneuerbaren Energien machen. Der Klimawandel birgt doch die Chance, die Energieversorgung umzustellen. Und je später die Welt auf den Klimawandel reagiert, desto teurer wird es, die Folgen zu bezahlen. Die Marshallinseln sind großenteils bereits auf Solarenergie umgestellt.

SPIEGEL ONLINE: Doch auch die Marshallinseln befinden sich in einem Klimadilemma. Sie erzielen hohe Einnahmen mit der Registrierung von Schiffen, ihr Land ist die weltweite Nummer drei in dem Geschäft. Schiffe aber produzieren drei Prozent der CO2-Emissionen, Tendenz stark steigend. Warum führen Sie keine Abgaben für abgasstarke Schiffe ein, wie es Umweltverbände fordern?

De Brum: Wir wollen ja, dass Schiffsabgase kontrolliert werden. Doch würden nur die Marshallinseln Abgasabgaben einführen, gingen die Reedereien einfach zu unseren Konkurrenten, etwa nach Panama oder Liberia. Die Marshallinseln brauchen das Geld aus der Schiffsregistrierung unbedingt für Krankenhäuser, Schulen und andere Einrichtungen. Wie bei allem in der Klimapolitik benötigen wir auch hier eine globale Strategie.

SPIEGEL ONLINE: Die International Maritime Organization (IMO) wäre dafür zuständig, in der Uno-Organisation sitzen Vertreter aller Staaten. Sie waren gerade dort. Gibt es Signale, dass die IMO Schiffsabgase regulieren wird?

De Brum: Fatalerweise nicht.

SPIEGEL ONLINE: Alle Staaten sind vertreten in der IMO, warum gibt es keine Bewegung?

De Brum: Politiker nehmen keinen Einfluss auf die IMO, die Organisation ist undurchschaubar: Die Staaten schicken nur Geschäftsleute statt Politiker zur IMO - doch die Delegierten äußern sich nur anonym, die Investoren im Schiffsgeschäft wollen unbekannt bleiben. Als Vertreter der Marshallinseln war ich der einzige politische Delegierte im Plenum.

SPIEGEL ONLINE: Umweltverbände fordern, die Marshallinseln sollten wenigsten die Registrierung von Bohrinseln stoppen. Aktivisten haben jüngst eine Plattform geentert, die in der Arktis bohren soll - sie ist in den Marshalls registriert.

De Brum: Wir wollen auch, dass fossile Energieträger im Boden bleiben. Aber dem Klima wäre nicht geholfen, wenn die Bohrinsel woanders registriert wäre. Trotzdem ist es unangenehm, mit diesem Dilemma zu leben.

SPIEGEL ONLINE: Sie mussten Norwegen erlauben, Greenpeace-Aktivisten von der Bohrinsel zu holen, die sie geentert hatten.

De Brum: Ja, das war sehr unangenehm, viele Greenpeace-Leute sind meine Freunde. Aber sie hatten das Recht gebrochen. Wir mussten die Räumung erlauben, das ist Teil unserer internationalen Verpflichtungen.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie, wenn der CO2-Ausstoß trotz aller Verhandlungen weitergeht? Passen sich die Marshallinseln an den Klimawandel an?

De Brum: Unsere Gebäude müssen mittlerweile auf Fluten eingestellt, also höher gebaut sein. Aber wie viele Vorkehrungen kann ein Land, das nur zwei Meter über dem Meeresspiegel liegt, denn überhaupt treffen gegen die steigenden Pegel? Unsere ersten Inseln sind bereits versunken. Jetzt will man uns bessere Frühwarnsysteme für Sturmfluten anbieten. Aber wo sollen wir im Ernstfall denn hinlaufen?

SPIEGEL ONLINE: Andere Inselstaaten haben Baunormen, die vorschreiben, dass Häuser starken Stürmen widerstehen können müssen. Wurde der Schutz gegen Naturgewalten zu lange ignoriert in manchen Inselreichen?

De Brum: Gegen die stärksten Taifune helfen keine Baunormen. Und Klimaforscher nähren die Sorge, dass die Stürme stärker werden könnten.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Pläne, die Inseln aufzuschütten?

Tony de Brum: Nein. Wir wollen nichts tun, das die Rechtfertigung nähren könnte, wenig gegen die Erwärmung tun zu müssen.

SPIEGEL ONLINE: Die Einwohner der Marshallinseln dürfen jederzeit in die USA übersiedeln. Die Zusage besteht, weil ihr Land lange unter der Verwaltung der USA stand.

Tony de Brum: Sollen wir unsere Heimat aufgeben, weil Leute uns sagen, geht doch nach Wyoming? Nein.


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Gehen die Inseln wirklich unter?
Foto: AFP

Bleibt den Inselstaaten die Hoffnung auf Geologie? Forscher hatten entdeckt, dass manche Atolle in den vergangenen Jahren überraschenderweise mit dem stetig steigenden Meeresspiegel mitgewachsen sind. Einige Inseln in Tuvalu seien gar größer geworden . Auch in Funafuti haben sich Atolle trotz des schwellenden Ozeans verbreitert, berichten Geologen. Ihre Resultate ließen "eine günstigere Prognose für die Bewohnbarkeit der Atollinseln" zu, schreiben die Gelehrten . Wie lange die Atolle mit dem steigenden Wasser mithalten könnten, weiß allerdings niemand - und wie andere Inseln reagieren, ist unklar. Zahlreiche Studien sagen erhebliche Landverluste aufgrund des Meeresspiegelanstiegs vorher .


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