Superbolts Das Geheimnis der Megablitze

Ein Blitz ist immer eine Naturgewalt, doch manche sind hundert oder gar tausend Mal so stark wie andere. Forscher haben sich jetzt diese Superblitze angesehen - und eine bemerkenswerte Verteilung gefunden.
Ein kräftiger Blitz erhellt den Nachthimmel über Port-au-Prince

Ein kräftiger Blitz erhellt den Nachthimmel über Port-au-Prince

Foto: CHANDAN KHANNA/ AFP

Aus mehr als 100.000 Kilometer Entfernung sollten sie Kernwaffentests beobachten: Zwischen 1963 und 1970 schossen die USA im Rahmen des "Vela"-Programms ein Dutzend Satelliten ins All. Diese sollten der Regierung in Washington Informationen darüber liefern, ob sich die Sowjetunion an das vereinbarte Verbot solcher Versuche in Atmosphäre, Weltraum und Ozeanen hielt.

Ein Teil der fliegenden Späher hatte neben Detektoren für Röntgen-, Neutronen- und Gammastrahlung auch optische Instrumente an Bord. Eines von ihnen registrierte am 22. September 1979 einen doppelten Lichtblitz über dem Südatlantik, dessen Herkunft bis heute nicht geklärt ist. Immer wieder ist spekuliert worden, ob damals Israel oder Südafrika eine Kernwaffe getestet haben könnten. Endgültig geklärt ist die Sache bis heute nicht.

Einige Jahre zuvor hatten die "Vela"-Satelliten allerdings schon riesige Leuchtereignisse in der Atmosphäre registriert, die einen weniger martialischen Hintergrund hatten: Forscher Bob Turman von den Sandia National Laboratories in Albuquerque (US-Bundesstaat New Mexico) berichtete  1977 erstmals in einer Publikation von sogenannten Superbolts. Das waren Leuchterscheinungen in Gewittern, die er in den Satellitendaten nachweisen konnte. Das Besondere daran: Die Blitze waren hundert oder gar tausend Mal heller als normal.

Abseits der Blitz-Hotspots

In einer aktuellen Veröffentlichung im Fachmagazin "Journal of Geophysical Research: Atmospheres"  präsentiert ein Team um Robert Holzworth von der University of Washington in Seattle nun neue Erkenntnisse zu den gigantischen Entladungen in der Atmosphäre. Die Forschenden hatten Daten von 80 Sensoren des World Wide Lightning Location Network aus den Jahren von 2010 bis 2018 ausgewertet.

Diese Sensoren suchen nach Störungen des Radioempfangs, die durch atmosphärische Prozesse zustande kommen. Bei der Analyse der Daten kam das Team zu dem Schluss, dass Superbolts gehäuft an Stellen auftreten, wo die Experten sie nie vermutet hätten.

Im Video: So ist es, wenn man - gut geschützt - vom Blitz getroffen wird

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Es gibt einige Stellen der Welt, die als wahre Blitz-Hotspots gelten. Das Örtchen Kifuka in der Demokratischen Republik Kongo zählt dazu: Jedes Jahr schlagen dort pro Quadratkilometer statistisch gesehen 158 Blitze ein. In der Gegend um den Maracaibo-See in Venezuela sind es sogar 233 . (Zum Vergleich: In Deutschlands Blitzhochburgen wie dem Landkreis Garmisch-Partenkirchen oder dem Berchtesgadener Land liegt der Wert bei ungefähr vier).

Zwei Milliarden Blitze untersucht

Holzworth und seine Kollegen haben bei der Analyse von rund zwei Milliarden Blitzen nun insgesamt 8171 Superbolts nachweisen können. Die Extremereignisse traten dabei interessanterweise abseits der klassischen Hotspots auf. Sie fanden vor allem über offenem Wasser auf der Nordhalbkugel statt, dem Nordatlantik und dem Mittelmeer zum Beispiel.

Die Forschenden konnten außerdem zeigen, dass vor allem die Monate zwischen November und Februar überdurchschnittlich starke Aktivität zeigten. Dann herrschen auf der Nordhalbkugel Herbst und Winter. Normale Blitze treten dagegen eher zu wärmeren Zeiten im Jahr verstärkt auf.

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Blitze in Deutschland: Krawumm

Foto: Robert Dyhringer/ dpa

Eine mögliche Erklärung für die wundersamen Megablitze und ihr Verhalten liefern die Forscher auch. Möglicherweise habe das Auftreten über Wasser mit der enormen Intensität zu tun. Weil es dort keine klassischen Orte für einen Blitzeinschlag gebe - hohe Gebäude, Bäume, Strommasten oder Ähnliches - baue sich eine immer größere Spannungsdifferenz auf, die erst in der furiosen Entladung eines Superbolts ausgeglichen werde.

Die Häufung in der kühlen Jahreszeit wiederum erklärten die Forscher damit, dass es dann einen größeren Temperaturunterschied zwischen vergleichsweise warmen Ozeanströmungen und der kühlen Atmosphäre gebe.

chs
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