Megaflut Riesenwelle machte England zur Insel

Wurde Großbritannien wirklich wegen einer Flut zur Insel? Ja, sagen britische Forscher - und liefern erstmals wissenschaftliche Daten zum Beweis. Karten des Meeresgrunds zufolge gab es sogar zwei Trennungsfluten.


London - Die 3D-Karte des Ärmelkanals zeigt es eindeutig. Sie wurde zusammengestellt aus hochauflösenden Sonar-Daten, und für Sanjeev Gupta vom Imperial College in London liefert sie den Beweis: Durch eine Riesen-Flutwelle soll Großbritannien zum größten Eiland Europas, zur achtgrößten Insel der Welt geworden sein.

Die 3D-Karte zeigt am Grund des Ärmelkanals Überreste eines riesigen Flusstals. Sogar Spuren einer starken Erosion durch Wasser sind zu erkennen. Und dafür soll nicht etwa die aushöhlende Wirkung eines abfließenden Süßwasser-Sees verantwortlich sein, auch nicht die Flutung und Erosion eines Netzwerks von großen einstigen Seen auf dem Grund des Ärmelkanals - sondern eine Flut, die den schmalen Seeweg zwischen Südengland und Nordfrankreich auswusch.

Bisher ließ sich diese These nicht beweisen. Doch nun schreibt Guptas Team im Wissenschaftsjournal "Nature" (Online-Vorabbericht), dass "hohe zwischeneiszeitliche Meeresspiegel" das heutige Großbritannien zur Insel werden ließen. Diese führten zu "Überflutungen der seichten Randgebiete des Ärmelkanals und der Nordsee". Das ist etwas harmlos ausgedrückt - denn eigentlich waren es der Beschreibung der Forscher zufolge zwei bedeutende Flutkatastrophen.

Die erste Flut vor einigen hunderttausend Jahren war wahrscheinlich von einem Dammbruch an der heutigen Straße von Dover ausgelöst worden, der Meerenge zwischen Frankreich und England. Als sich das Flusstal schließlich mit Meerwasser füllte, wurde England endgültig zur Insel.

Eine Milliarde Liter Wasser pro Sekunde gen Ozean

Von der Lage in Westeuropa vor etwa 450.000 Jahren zeichnen die Geowissenschaftler ein dramatisches Bild. Die Zungen riesiger Gletscher schoben sich von Skandinavien aus nach Süden und Südwesten und bedeckten nicht nur das heutige Dänemark, Teile Norddeutschlands, Großbritanniens und Irlands, sondern auch die gesamte Nordsee. Die Eisschilde blockierten den Abfluss des Rheins und der Themse ins Meer. Nach Süden war dem Wasser der Weg in den Atlantik durch einen breiten Bergrücken aus Kreidefelsen versperrt, der sich etwa an der Stelle der heutigen Straße von Dover befand und England mit dem europäischen Kontinent fest verband.

So staute sich das Wasser zu einem riesigen See auf, der nahezu die gesamten heutigen Niederlande und Teile der südlichen Nordsee umfasste. Vor 425.000 bis 180.000 Jahren stiegen die Wassermassen an und ließen die Felsbarriere schließlich brechen. Daraufhin bahnte sich eine gewaltige Flutwelle ihren Weg nach Südwesten in den Atlantik.

Mehrere Monate lang durchströmten so jede Sekunde eine Milliarde Liter Wasser die gebrochene Barriere, schätzen die Forscher. In kurzer Zeit entstand ein gigantisches Flusstal - 100 Kilometer lang, von Nordost nach Südwest sich verbreiternd. Die Flutwelle muss zu den gewaltigsten Fluten gehört haben, die sich auf der Erde jemals ereignet haben, schreibt Guptas Team. "Das ist keine Übertreibung", sagt Philip Gibbard von der University of Cambridge, der nicht an der Analyse beteiligt war. Dass die Flutwelle rekordverdächtig war, folgert der Paläogeologe aus einem Vergleich mit dem prähistorischen Missoula-See im Nordwesten der USA und der Landschaft, die dieser Gletschersee einst formte.

Der Megastrom, der also durch das Tal gen Ozean schoss, erhielt von südwestlich gelegenen Flüssen wie der Somme und der Seine noch weiteres Wasser. Auch Flüsse, die heute in die Nordsee fließen, ergossen sich seinerzeit in den Strom, etwa die Themse und der Rhein. In der Gegend der heutigen Bretagne mündeten die Wassermassen schließlich in den Atlantik.

Flusstal versinkt im Meer

Viele Jahrtausende lang war Guptas Team zufolge der Strom für die frühen Menschen eine unüberwindbare Barriere: Er soll größer gewesen sein als jeder heute durch Europa fließende Fluss. Das könnte auch erklären, warum die menschliche Besiedlung Großbritanniens damals für etwa 120.000 Jahre ins Stocken geriet, mutmaßen die Forscher.

Vor 20.000 Jahren, während des Höhepunkts der Vergletscherung in der letzten Eiszeit, war der Meeresspiegel etwa 100 Meter tiefer als heute. Danach stieg der Meeresspiegel - das Flusstal wurde geflutet und versank im Meer. Auf diese Weise entstand der Ärmelkanal, der seither England vom europäischen Kontinent trennt.

Für den Paläogeologen Gibbard kommt das einer zweiten Flutkatastrophe gleich: Gupta und seine Kollegen "haben nicht den besten Beweis für nur eine, sondern für zwei 'Megafluten' gefunden", schreibt er in der gleichen "Nature"-Ausgabe. Das Team habe "markante Eigenschaften" entdeckt, die darauf hinwiesen, dass das Tal eher durch Flutkatastrophen als durch normale, für Flüsse typische Erosionsprozesse geformt wurde. Gibbard schrieb denn auch in einem Wortspiel die Überschrift eines "Times"-Artikels um: Aus "Fog in Channel, Continent Cut Off" machte er "Floods in Channel, Continent Cut Off".

fba/ddp



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.