SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

09. August 2013, 14:57 Uhr

Globale Erwärmung

Forscherkrieg um Klimastudie

Von

Die globale Erwärmung führt zu mehr Gewalt - das hatten Forscher im renommierten Fachblatt "Science" behauptet. Experten reagierten mit heftiger Kritik und beißendem Spott. Jetzt keilen die Autoren der Studie öffentlich zurück.

"Science" gilt vielen als Zentralorgan der seriösen Wissenschaft. Was in dem Magazin erscheint, hat innerhalb der Fachwelt Gewicht - und wird außerhalb oft als reine Wahrheit behandelt. Das galt vergangene Woche auch für die Studie von Solomon Hsiang und seinen Kollegen. Sie hatten 60 frühere Untersuchungen neu ausgewertet und waren zu einem spektakulären Ergebnis gekommen: Die globale Erwärmung steigert die Gefahr gewalttätiger Konflikte deutlich.

"Heißeres Wetter bringt uns dazu, einander töten zu wollen", titelte daraufhin "The Atlantic". "Anstieg von Gewalt hängt mit dem Klima zusammen", schrieb die britische BBC. Ein "Klima der Gewalt" postulierten gleich mehrere deutsche Medien. An die Spitze setzte sich "Focus Online": "Aggro-Hitze macht die Menschen zu Kriegern".

Die Fachwelt hat sich für die Studie weniger stark erwärmt, dafür geht es dort jetzt umso heißer her. Experten unterschiedlicher Disziplinen haben die Untersuchung öffentlich massiv kritisiert - ein außergewöhnlicher Vorgang. Hsiang und seine Kollegen haben mit einer ausführlichen Replik auf die Vorwürfe reagiert. Doch die hat wenig zur Deeskalation beigetragen. Stattdessen scheint sich ein Streit anzubahnen, der an frühere Grabenkämpfe in der Klimawissenschaft erinnert.

Die Art, wie Hsiang und seine Kollegen Marshall Burke und Edward Miguel auf die Kritik reagieren, dürfte daran nicht ganz unbeteiligt sein. Die Vorwürfe ihrer Gegner nennen sie in ihrer Replik kokett "FHC" ("frequently heard criticism"), in Anspielung auf FAQs ("frequently asked questions"), die etwa auf Internetseiten unbedarfte Benutzer an die Hand nehmen. "Manche Kritikpunkte sind einigermaßen sinnvoll", gestehen sie zu. Andere basierten auf "Missverständnissen oder Falschdarstellungen", wieder andere seien schlichtweg falsch. Ähnlich hatte sich Burke zuvor gegenüber SPIEGEL ONLINE geäußert: Die meisten Kritiker hätten die Studie entweder nicht richtig verstanden, nicht aufmerksam oder gar nicht gelesen.

Harte Kritik und beißender Spott

Diese Behauptung erscheint durchaus gewagt angesichts der Zahl der Kritiker und ihres Renommees. Soziologen, Klimaforscher, Statistiker und Ökonomen hatten die Arbeit von Hsiang und seinen Kollegen angegriffen: Wetter und Klima, also kurz- und langfristige Temperaturveränderungen, seien in einen Topf geworfen worden. Auch ergebe es wenig Sinn, Dinge wie den Zusammenbruch des Maya-Reichs mit häuslicher Gewalt in Indien zu vergleichen.

Noch schwerer wiegt der Vorwurf mehrerer Kritiker, die Datenbasis der Studie sei so gewählt, dass ein bestimmtes Ergebnis herauskomme. Hsiang und seine Kollegen hätten "Äpfel mit Rollerblades verglichen", schrieb etwa William Briggs, Statistikprofessor an der US-Eliteuniversität Cornell, in einem vor Sarkasmus triefenden Blog-Beitrag. "Daten von vergangenem Dienstag sollen genauso aussagekräftig sein wie die von 8000 vor Christus." Am Ende seien "viele tolle Grafiken" und ein Ergebnis herausgekommen: "Heißes, regnerisches Wetter ist schlecht für uns." Deshalb, spottet Briggs, ziehe auch jeder vom kalten Michigan ins heiße South Carolina - "um dort zu sein, wo die Action ist". "Kompletter Unsinn" sei noch die freundlichste Beschreibung der Studie.

Die Autoren wehren sich in ihrer Replik nach Kräften. Wetter und Klima etwa hätten sie keineswegs miteinander verwechselt - vielmehr hätten kurz- und langfristige Temperaturveränderungen ähnliche Folgen für Gewaltkonflikte. Der Vorwurf der verzerrenden Datenauswahl treffe ebenfalls nicht zu. Man habe die untersuchten Studien nach klaren Kriterien ausgewählt. Dadurch seien übrigens auch Studien unberücksichtigt geblieben, die den Zusammenhang zwischen Erwärmung und Gewalt bestätigt hätten.

Ein weiterer zentraler Vorwurf der Kritiker: Hsiang und seine Kollegen hätten außer Acht gelassen, dass heutige Gesellschaften dank moderner Technik besser mit Klimaschwankungen umgehen könnten als vor Jahrtausenden. "Es erscheint größenwahnsinnig, einfach anzunehmen, dass dieses Mal alles anders ist", kontern Hsiang und seine Kollegen.

"Das war wahrscheinlich gut für ihre Karrieren"

Allerdings setzen sich die Forscher nicht nur rein inhaltlich mit den Argumenten ihrer Gegner auseinander. Sie bezeichnen sie als eine "Handvoll Klima-Konflikt-Skeptiker", die viel Presse bekommen hätten, "indem sie unseren Ergebnissen sehr öffentlich widersprochen haben", heißt es in der Replik. "Das war wahrscheinlich gut für ihre Karrieren."

Jürgen Scheffran, Leiter der Forschungsgruppe Klimawandel und Sicherheit an der Uni Hamburg, ist einer dieser Kritiker. Er wirft Hsiang und seinen Kollegen vor, "mit Hilfe des Ansehens von 'Science' und vieler Massenmedien, die ihre Ansichten übernommen haben, eine scharfe Trennlinie in die Debatte zu bringen". Damit würden "auch Wissenschaftler, die Zusammenhänge von Klimawandel und Konflikten ernst nehmen, aber den universellen Anspruch bezweifeln, zu Außenseitern gemacht" - obwohl sie lediglich Fragen nach der Methodik und der wissenschaftlichen Fairness stellten. Aber eine wissenschaftliche Kontroverse lasse sich "nicht einfach mit erzwungener Einigkeit beenden".

Hsiang und seine Kollegen hätten "einen Konsens, dass die Erwärmung die Gefahr gewalttätiger Konflikte steigert, lediglich suggeriert", meint auch Hans von Storch, Leiter des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum in Geesthacht. Die Debatte erinnere an die um die Hockeyschläger-Kurve. Die Grafik gilt als Ikone der Klimaforschung: Sie ist eine Rekonstruktion des Klimas der letzten tausend Jahre und soll beweisen, dass die Temperatur seit Beginn der Industrialisierung rasant gestiegen ist - was der Kurve die Gestalt eines Hockeyschlägers gibt.

Kritik an Klimadeterminismus

Obwohl zwischenzeitlich Zweifel an der Korrektheit des Hockeysticks aufgekommen seien, "wurde versucht, diese Kritik aus politischen Gründen unbedingt abzuwehren", sagt von Storch. Etwas Ähnliches geschehe nun bei der Diskussion um die Wirkung des Klimawandels auf gewalttätige Konflikte: "Die politisch motivierte Wagenburg schließt sich."

Von Storch sieht die Studie auch als Beispiel für Klimadeterminismus - die Annahme, dass das Klima die Zukunft der Menschheit unausweichlich bestimmt. "Der Klimadeterminismus hat eine lange, teils unselige Geschichte", sagt von Storch. Er habe auch zur ideologischen Basis des Kolonialismus gehört - "frei nach dem Motto: Die Völker Afrikas können ihre Probleme wegen des Klimas, in dem sie leben, nicht bewältigen. Deshalb müssen wir dort für Ordnung sorgen." Dass Hsiang und seine Kollegen diese historische Dimension außer Acht gelassen haben, "wird dem Thema überhaupt nicht gerecht".

Vorwürfe macht von Storch auch der "Science"-Redaktion: "Der Peer-Review-Prozess hat nicht funktioniert. Man sollte kritische Gutachter haben, was hier offenbar nicht der Fall war." Eine Sprecherin des Fachblatts kann an der Debatte dagegen nichts Nachteiliges finden. "Wissenschaft ist ein selbstkorrigierender Prozess", schreibt sie in einer E-Mail. Forscher veröffentlichten ihre Ergebnisse, so dass sie bestätigt, widerlegt oder korrigiert werden könnten. "Auf diese Art macht die Wissenschaft Fortschritte."

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung