Schätzung von Wissenschaftlern Im Boden der Weltmeere lagern bis zu 16 Millionen Tonnen Mikroplastik

Mikroplastik hat sich selbst in entlegenste Gebiete ausgebreitet. Nun haben australische Forscher tief im Meer bedrückende Funde gemacht - die Rückschlüsse auf das Ausmaß des Problems zulassen.
Müllsammlung im Pazifik: Im Meeresboden lagert laut Forschern inzwischen mehr Plastik als an der Meeresoberfläche

Müllsammlung im Pazifik: Im Meeresboden lagert laut Forschern inzwischen mehr Plastik als an der Meeresoberfläche

Foto: Ocean Voyages Institute / ZUMA Wire / imago images

In den Böden der Weltmeere lagern laut einer australischen Studie zwischen neun und fast 16 Millionen Tonnen Mikroplastik. Die winzigen Partikel seien eine Folge der Unmengen an Müll, die jedes Jahr ins Meer geworfen werden, erklärte die staatliche Wissenschaftsbehörde CSIRO. Es handele sich bei der Arbeit um die erste derartige globale Schätzung. Die veranschlagte Menge entspricht laut den Forschern etwa 20 Einkaufstüten voller Plastikmüll für jeden 30-Zentimeter-Küstenabschnitt der Welt mit Ausnahme der Antarktis.

Für die Untersuchung hatten die Forscher mithilfe eines Roboterarms Proben vom Meeresboden der Großen Australischen Bucht in einer Tiefe von bis zu 3000 Metern gesammelt, Hunderte Kilometer von der Küste entfernt. In einigen Sedimenten fanden sie bis zu 14 Plastikpartikel pro Gramm. Das ist bis zu 25-mal mehr als in bisherigen Untersuchungen von Mikroplastik in der Tiefsee entdeckt wurde. Anhand der Messungen rechneten die Forscher hoch, wie viel Mikroplastik am Boden der Weltmeere insgesamt liegen müsste.

Dramatischer Anstieg der Plastikproduktion

"Unsere Forschung hat ergeben, dass der tiefe Ozean wie ein Ausgussbecken für Mikroplastik ist", erklärte Wissenschaftlerin Denise Hardesty. "Wir waren überrascht, so hohe Mengen an Mikroplastik in so einer abgelegenen Region zu finden."

Seit der Erfindung des Materials in den Fünfzigerjahren hat die Menschheit 8,3 Milliarden Tonnen Plastik produziert, schätzen Forscher. Mehr als die Hälfte der gesamten weltweiten Menge wurde seit dem Beginn der Nullerjahre produziert.

Inzwischen hat sich der Kunststoff überall auf dem Planeten verbreitet. In Wolken, im menschlichen Stuhl, im Trinkwasser. Selbst im Marianengraben hat ein Taucher eine Plastiktüte entdeckt - in fast 11.000 Metern Tiefe. Die Größe des Müllstrudels im Pazifik wird auf die vierfache Größe Deutschlands geschätzt.

Als Mikroplastik werden Plastikpartikel bezeichnet, die fünf Millimeter und kleiner sind. Ungefähr 1,5 Millionen Tonnen Mikroplastik geraten laut Schätzungen der Weltnaturschutzunion (IUCN) jedes Jahr ins Meer. Zwei Drittel davon sind Fasern aus Kleidung.

Das Problem: Plastikabfall ist nur sehr langsam abbaubar und zersetzt sich in immer kleinere Teile. Diese schwimmen dann weiterhin für Jahrhunderte im Wasser oder setzen sich auf dem Meeresboden ab. Meerestiere könnten die winzigen Plastikteile mit Plankton verwechseln und fressen, warnen die Forscher. Der Kunststoff könnte sich dadurch in der gesamten Nahrungskette anreichern - bis zum Menschen. Britische Forscher gehen sogar davon aus, dass an manchen Stellen im Meer bereits mehr Plastikpartikel im Meer schwimmen könnten als Plankton.

Auch in Deutschland landet Müll am Strand

Der Müll lässt sich nur schwer aus den Sedimenten entfernen. Deshalb sei es laut den Forschern am besten zu verhindern, dass überhaupt Plastikmüll in die Meere gelangt. Die EU hat beschlossen, ab Sommer 2021 bestimmte Einwegprodukte aus Kunststoff zu verbieten. Dazu gehören Wattestäbchen, Plastikbesteck und -teller, Strohhalme, Rührstäbchen etwa für den Kaffee, Luftballonstäbe sowie Styroporbecher und -behälter für Essen zum Mitnehmen.

Außerdem gilt das Verbot für Produkte aus Kunststoffen, die durch eine Reaktion mit Sauerstoff in winzige Teile zerfallen. Die Produkte, die verboten werden, machten etwa ein Zehntel des Müllvolumens auf Straßen und in öffentlichen Mülleimern der Kommunen aus, in Einzelfällen sogar bis zu einem Fünftel, sagte der Vizepräsident des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU), Patrick Hasenkamp.

Das EU-Verbot zielt auf Plastikartikel, die der Kommission zufolge besonders oft an den Stränden der Mitgliedstaaten gefunden werden. Auch die deutschen Küsten sind nach Angaben des Umweltbundesamts verschmutzt. Im vergangenen Jahr hatte die Behörde angegeben, an der Nordsee würden 390 Müllteile pro hundert Meter gefunden und an der Ostsee 70 - der Großteil davon aus Plastik.

koe/AFP
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