Nordsee-Studie Jeder Wal vor Großbritannien hat Mikroplastik im Magen

Forscher haben Delfine, Robben und Wale untersucht, die tot an die Küsten Großbritanniens gespült wurden - und in allen Fällen Mikroplastik in den Körpern nachgewiesen.

Mikroplastik-Partikel (Archivbild)
DPA

Mikroplastik-Partikel (Archivbild)


In den Meeren um Großbritannien gibt es offenbar kaum einen Meeressäuger ohne Mikroplastik im Bauch. Zu diesem Schluss kommen jedenfalls Forscher, die insgesamt 50 Delfine, Robben und Wale untersucht haben. Die Tiere waren allesamt an der britischen Küste angespült worden - und in keinem Fall war ihr Magen frei von Plastikteilchen.

Die Forscher sagen aber auch: "Die Anzahl der Partikel war mit durchschnittlich 5,5 pro Tier relativ gering. Das legt nahe, dass die Teilchen letztendlich wieder ausgeschieden oder hochgewürgt werden", so Sarah Nelms von der Universität Exeter. Zusammen mit Kollegen berichtet sie im Fachmagazin "Scientific Reports" von ihren Erkenntnissen.

Forscher haben allerdings in anderen Untersuchungen auch bereits nachgewiesen, dass sich Mikroplastik in Meeresbewohnern wie Jakobsmuscheln anreichert. Auch in Speisesalz, das aus Meerwasser gewonnen wurde, fanden sich die Partikel.

Zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen Kunststoffmüll landet pro Jahr in den Meeren, rechneten Forscher 2015 in einer Studie vor. Der Grund für die Verschmutzung sei die unsachgemäße Entsorgung des Abfalls. Als Mikroplastik werden Kunststoffteilchen bezeichnet, die kleiner als fünf Millimeter sind. Sie können über das Wasser oder indirekt über belastete Beutetiere aufgenommen werden.

Hauptursache sind synthetische Fasern

Immer wieder gibt es aufsehenerregende Fallberichte von stark belasteten Meerestieren, wie etwa einem in Norwegen aufgefundenen Wal mit 30 Plastiktüten im Magen.

"Es ist schockierend, aber nicht überraschend, dass jedes Tier Mikroplastik aufgenommen hat", sagte Nelms. Um mögliche Auswirkungen der Teilchen oder der darin enthaltenen Chemikalien auf die Tiergesundheit zu verstehen, seien weitere Untersuchungen nötig.

84 Prozent der gefundenen Plastikteilchen sind den Forscher zufolge synthetischen Fasern zuzurechnen, die von Kleidung, Fischernetzen oder Zahnbürsten stammen können. Die anderen Fragmente sind wahrscheinlich Reste von Lebensmittelverpackungen und Plastikflaschen.

Die Wissenschaftler stellten fest, dass der Darm weniger Mikroplastik enthielt als der Magen der Tiere. Möglicherweise blieben dort die Teilchen erst einmal liegen.

Zudem entdeckte das Team einen möglichen Zusammenhang zwischen der Todesursache und der aufgenommenen Menge an Mikroplastik: So hatten die Tiere, die an einer Infektionskrankheit gestorben waren, etwas mehr Plastikpartikel in ihrem Verdauungstrakt.

Zerfall in kleinere Teile

"Wir können keine festen Schlüsse auf die mögliche biologische Bedeutung dieser Beobachtung ziehen", sagte Mitautor Brendan Godley. "Wir stehen noch ganz am Anfang, diesen allgegenwärtigen Schadstoff zu verstehen. Wir haben jetzt aber einen Maßstab, mit dem künftige Studien verglichen werden können."

Meeressäuger wie Wale, Delfine und Robben werden den Forschern zufolge oft als wichtige Indikatoren für die Gesundheit des Ökosystems der Meere betrachtet, insbesondere in Bezug auf Umweltverschmutzung. Das Problem: Plastik wird im Meer nur extrem langsam abgebaut und zerfällt stattdessen in immer kleinere Stücke.

chs/dpa

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