Milder Sommer Walross-Invasion in Alaska

Tausende Walrosse drängeln sich derzeit an der Nordwestküste Alaskas. Experten sind alarmiert, denn das Packeis ist der eigentliche Lebensraum der Tiere. Wegen des milden Spätsommers sind jedoch viele Gewässer hoch im Norden eisfrei. Als Ursache gilt der Klimawandel.


Anchorage - Tausende Walrosse sind in den vergangenen Wochen an der Nordwestküste Alaskas angekommen - und haben Umweltschützer alarmiert, die darin eine dramatische Konsequenz des Klimawandels sehen. Denn normalerweise leben die Walrosse, insbesondere Muttertiere mit ihren Jungen, in dem Gebiet im Sommer und Herbst auf dem arktischen Packeis. Doch in diesem Jahr hat sich das Eis rekordverdächtig weit nach Norden zurückgezogen, weit nördlich des äußeren Kontinentalschelfs.

Walross an der Küste nahe der Stadt Barrow (Alaska): Suche nach Futter und Ruheflächen treibt Tiere an Land
AP

Walross an der Küste nahe der Stadt Barrow (Alaska): Suche nach Futter und Ruheflächen treibt Tiere an Land

In dem flachen, artenreichen Gebiet in der Bering- und Tschuktschensee suchen sich die Walrosse normalerweise ihre Nahrung aus Muscheln, Schnecken und anderen Bewohnern des Meeresgrunds. Nun mussten sie sich entscheiden zwischen Eisflächen über tiefen Gewässern - tiefer als die rund 190 Meter, die sie tauchen können - und dem Lebensraum an der Küste. Tausende wählten die felsigen Strände. "Es sieht für mich so aus, als ob die Tiere ihr Verbreitungsgebiet verlegen, um Beute zu finden", sagt Tim Ragen, Direktor der U.S. Marine Mammal Commission. "Die große Frage ist, ob es ihnen gelingt, genügend Beute zu finden."

Nach Zahlen des National Snow and Ice Data Center der University of Colorado in Boulder lag das Ausmaß der Eisfläche im September um 39 Prozent unter dem langjährigen Durchschnitt von 1979 bis 2000. Der leitende Wissenschaftler Mark Serreze sagt, der Rückgang sei möglicherweise nicht mehr aufzuhalten. Bis 2030 sei das Polarmeer im Sommer möglicherweise ganz eisfrei.

Ruheplätze gesucht

Seit Juli haben mehrere Tausend Walrosse das Packeis verlassen und sind an einen knapp 500 Kilometer langen, abgelegenen Küstenstreifen zwischen Barrow und Cape Lisburne gezogen. Der U.S. Fish and Wildlife Service sieht eine unmittelbare Gefahr darin, dass Boote, tieffliegende Flugzeuge oder sich nähernde Eisbären Panik unter den Walrossen auslösen könnten. Wenn eine Herde plötzlich zum Wasser stürzt, können Jungtiere von den rund 900 Kilogramm schweren erwachsenen Tieren erdrückt werden.

Auf der russischen Seite der Tschuktschensee haben Experten ein ähnliches Phänomen unter Walrossen beobachtet. Langfristig befürchten sie Schwierigkeiten bei der Nahrungssuche, wenn die Tiere auf einen Küstenstreifen konzentriert anstatt auf Tausende Kilometer Eisfläche verteilt leben.

"Jeder einzelne muss sich anstrengen"

Walrosse brauchen entweder Eis oder Land, um sich auszuruhen. Früher, sagt Kommissionsdirektor Ragen, nutzten die Tiere den Rand des Packeises wie ein Förderband. Während der Eisrand im Frühjahr und Sommer schmilzt und sich nach Norden bewegt, haben die Kälber eine Fläche, auf der sie sich ausruhen können, während die Mütter nach Futter tauchen. Für Walrosse an Land gibt es kein Förderband. "Wenn sie über weitere Strecken schwimmen müssen, kostet das mehr Energie. Dann haben sie weniger Energie für andere Dinge."

Deborah Williams, in der Amtszeit von US-Präsident Bill Clinton Alaska-Expertin im Innenministerium, sagt, während ihrer Zeit bei der Regierung von 1995 bis 2000 sei der Rückgang der Meereisfläche und seine Auswirkungen auf die Tiere nicht einmal zur Sprache gekommen. "Deshalb ist das so atemberaubend. Es ist alles schneller passiert, als irgendjemand vorhersagen konnte", sagt Williams, heute Präsidentin der gemeinnützigen Organisation Alaska Conservation Solutions. "Deshalb muss dringend gehandelt werden."

Dan Joling, AP



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