Monsterwellen Tsunamis lauern überall

Was in Südostasien geschah, ist grundsätzlich auch in der Nordsee, im Mittelmeer oder Atlantik denkbar. Nicht nur Seebeben, auch Vulkanausbrüche oder ins Meer rutschende Gesteinsmassen können Monsterwellen auslösen. Auf den Kanaren studieren Geophysiker das Risiko.

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Urlaubsparadies La Palma: Bedroht eine kanarische Flutwelle sogar die USA?
AXEL SEIFERT

Urlaubsparadies La Palma: Bedroht eine kanarische Flutwelle sogar die USA?

Die Region des heutigen Europa hat bereits mehrfach Tsunamis erlebt. Die wohl schlimmste Flutwelle raste vor 200 Millionen Jahren über den Kontinent und löste das größte Massensterben der Geschichte aus. Drei Viertel aller Lebewesen verschwanden damals. Erst kürzlich hatten deutsche Forscher bei Tübingen Spuren der Flutwelle entdeckt, die so gigantisch war, dass wohl nur ein Meteorit als Auslöser infrage kommt.

Heute ist von der Katastrophe nur noch eine etwa 20 Zentimeter dicke, ungewöhnliche Gesteinsschicht übrig - doch sie enthält nach Meinung des Tübinger Geologen Michael Montenari den Hinweis darauf, dass ein Meteorit aus dem All die Welle auslöste.

"Die Tsunami war wahrscheinlich 1000 bis 1200 Meter hoch und drang bei Tübingen bis zu tausend Kilometer tief ins Landesinnere", sagte Montenari SPIEGEL ONLINE. Die Energie eines Vulkans oder eines Seebebens reiche dafür bei weitem nicht aus. Erst ein Beben der Stärke 20 hätte eine solche Welle auslösen können, erklärte Montari. Für solch starke Beben fehlten auf der Erde jedoch die physikalischen Voraussetzungen.

Welle bis an die US-Küste?

Nicht nur Meteoriten, auch Vulkane bilden ein Tsunami-Risiko. Die Gefahr lauert nach Meinung einiger Wissenschaftler auch auf den Kanarischen Inseln, einem beliebten Urlaubsziel vieler Westeuropäer. Der Katastrophenforscher Bill McGuire, Direktor am Benfield Hazard Research Centre in London, warnte vor einigen Wochen vor Tsunamis, die von der Insel La Palma bis an die Ostküste der USA rollen könnten.

Teneriffa-Berg Teide: "Hat schon gewaltige Flankenstürze erlebt"
Foto: GMS

Teneriffa-Berg Teide: "Hat schon gewaltige Flankenstürze erlebt"

Laut McGuire droht die Westflanke des Cumbre-Vieja-Vulkans auf La Palma wegzurutschen - im schlimmsten Fall würden 500 Kubikkilometer ins Meer stürzen. Die Folge wäre eine angeblich 900 Meter hohe Welle, die zuerst die Nachbarinseln und nach einer Stunde Nordafrika erreichen würde. Südeuropa würde nach etwa vier Stunden von einer zehn Meter hohen Welle getroffen, über die Ostküste der USA könnte nach neun bis zwölf Stunden eine 20 Meter hohe Welle hereinbrechen.

Ein weiterer potenzieller Tsunami-Auslöser thront auf Teneriffa, der Nachbarinsel von La Palma. Am 3718 Meter hohen Teide, Spaniens höchster Berg, drohen ebenfalls, große Erdmassen abzurutschen. "Der Teide hat schon gewaltige Flankenstürze erlebt und gehört deshalb zu den Tsunami-Kandidaten", sagte Birger Lühr vom Geoforschungszentrum Potsdam SPIEGEL ONLINE. Regen und Wasser würden den Berg von einer Seite "anhobeln" und so die Flanken immer steiler machen. Wenn die Hänge 38 bis 40 Grad Neigung überschritten hätten, genüge ein leichtes Beben, um alles ins Rutschen zu bringen.

Gefahrenregion Mittelmeer

Auch im Mittelmeer müsse mit Tsunamis gerechnet werden, erklärte Lühr, denn dort gebe es starke seismische Aktivitäten. Risikoreich seien die Regionen nördlich von Algerien und Marokko, nördlich von Sizilien und um Griechenland. Nicht jedes Beben löse aber eine gefährliche Welle aus. "Entscheidend sind die Mechanik des Bebens und eine ausreichend hohe Wassertiefe." Nur bei einer schnellen Auf- beziehungsweise Abwärtsbewegung des Meersbodens könne eine Tsunami erzeugt werden. Ob die Welle tatsächlich Schaden anrichtet, hänge von der Topografie der Küste ab. Bei felsiger Steilküste sei eine Welle eher ungefährlich.

Seismogramm: "Entscheidend sind die Mechanik des Bebens und eine ausreichend hohe Wassertiefe"
DPA

Seismogramm: "Entscheidend sind die Mechanik des Bebens und eine ausreichend hohe Wassertiefe"

Ein Tsunami-Warnssystem wie im Pazifik gibt es laut Lühr im Mittelmeer und um die Kanarischen Inseln nicht: "Das Risiko ist aber auch nicht vergleichbar mit der Pazifikregion."

Treffen kann es Europa gleichwohl, und zwar ähnlich hart wie Südostasien am Sonntag. In der Flutwelle von Lissabon starben im Jahr 1755 Zehntausende Menschen. Als Ursache des schweren Bebens gilt der Zusammenstoß der afrikanischen und der eurasischen Platte im Bereich von Gibraltar.

Selbst in der Nordsee wurden schon Monsterwellen beobachtet. Auf der Insel Föhr habe vor mehr als hundert Jahren eine große Welle Schäden angerichtet, sagte Lühr, vermutlich eine Tsunami. Eine mögliche Ursache könnten Masseverschiebungen auf dem Meeresboden gewesen sein, vermutet der Erdbebenexperte.

Wasserwand vor Föhr

Vor 8000 Jahren erschütterte die so genannte Storegga-Rutschung die norwegische Küste. Damals brachen unter Wasser Tausende Kubikkilometer vom Kontinentalhang ab und rutschten in die Tiefe. Die vermutliche Folge: eine Tsunami. Als Ursache für das Abrutschen der Erdmaßen gilt ausgetretenes Erdgas. Das im Meeresboden lagernde Gas war offenbar als Blase aufgestiegen und hatte die Bodenschichten destabilisiert.

Der Potsdamer Forscher Lühr hält Deutschland trotzdem für relativ Tsunami-sicher: "Solche Phänomene sind recht selten und stark von der Wassertiefe abhängig." Seismisch aktive Zonen wie im Mittelmeer gebe es an den deutschen Küsten zum Glück nicht.



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