Foto:

SPIEGEL

Guido Kleinhubbert

Raser-Studie Wenn sich Biker wie irre Autofahrer benehmen

Liebe Leserin, lieber Leser,

auf der Straße regiert das Vorurteil. Frauen könnten nicht einparken, wird häufig kolportiert. SUV-Eigentümer verhielten sich rücksichtslos. Radler ignorierten rote Ampeln. Meist fehlt es an Belegen für derlei Unterstellungen. Da ist es gut, dass die Unfallforschung der Versicherer (UDV) nun zumindest über repräsentative Daten zum Verhalten einer Gruppe verfügt, die in Teilen der Öffentlichkeit besonders umstritten ist: Motorradfahrer.

Im Rahmen von sogenannten Verkehrssicherheitsscreenings maß das Verkehrsministerium in Baden-Württemberg innerhalb von sechs Jahren das Tempo von zig Millionen Pkw, Motorrädern und anderen Fahrzeugen. Bei einer Sonderauswertung im Auftrag der UDV kam nun heraus, dass die Biker, deren Tempo erfasst wurde, in fast 30 Prozent aller Fälle gegen die Geschwindigkeitsbeschränkungen verstießen.

Besonders auffällig verhielten sie sich in den für sie gefährlichen 70er- und 80er-Abschnitten auf Bundes-, Landes- oder Kreisstraßen, wo nahezu jede zweite Vorbeifahrt über dem Limit lag; in fünf Prozent aller Fälle waren die Fahrer sogar mehr als 30 Kilometer pro Stunde zu schnell.

UDV-Leiter Siegfried Brockmann glaubt zwar, dass sich für Pkw ähnliche Zahlen ermitteln ließen und die Sonderauswertung daher nicht unbedingt geeignet sei, allein den Bikern einen Hang zur Raserei nachzuweisen. Allerdings gehört zur Wahrheit, dass Motorradfahrer viel öfter in Unfälle verwickelt werden – und ein 21-fach erhöhtes Risiko tragen, dadurch zu sterben.

Eine Zahl, die zunächst unglaublich klingt, zumal die Motorradlobby erst im August berichtete, dass das Tötungsrisiko lediglich viermal so hoch  sei. Allerdings spottet die Berechnung, die dafür angestellt wurde, jeder Beschreibung und hätte im Statistikseminar null Punkte erbracht. Die einzige sinnvolle Variante ist, die Zahl der Toten auf die Fahrleistung zu beziehen, und das hat die UDV getan.

Motorradfahrerin

Motorradfahrerin

Foto: Cavan Images / imago images

Im vergangenen Jahr starben 542 Motorradfahrer auf Deutschlands Straßen, Corona-bedingt werden es 2020 wohl etwas weniger sein. Eine der Hauptursachen: zu hohes Tempo. »Keine praktikable Schutzkleidung ist in der Lage, bei einem Aufprall mit üblicher Landstraßengeschwindigkeit eine tödliche Verletzung zu verhindern«, sagt UDV-Leiter Brockmann.

Insofern lässt sich durch die neu ermittelten Zahlen ein Vorurteil durchaus belegen: Biker neigen tatsächlich dazu, mit dem Feuer zu spielen. Ihr Verhalten entspricht manchmal dem von irren Autofahrern, die sich nicht anschnallen, bewusst den Airbag deaktivieren und dann trotzdem zu schnell drauflos brettern.

Herzlich

Ihr Guido Kleinhubbert

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Meine Leseempfehlungen in dieser Woche:

  • Meine Töchter und ich lieben es, die Amseln, Rotkehlchen, Gimpel, Schwanzmeisen und anderen gefiederten Freunde in unserem Garten zu beobachten. Deswegen sind wir kein bisschen überrascht, was Wissenschaftler nun über den Einfluss der Vogelvielfalt  auf unsere Lebenszufriedenheit herausgefunden haben.

  • Sind Mücken so nützlich wie Regenwürmer? Kann die Welt auf Ratten verzichten? Wie groß ist die Bedeutung von Bibern? Forscher haben sich mit der Frage beschäftigt, ob alle Tiere gleich wichtig  sind – und kommen zu überraschenden Ergebnissen.

  • Als zuständiger Berichterstatter für Archäologie und großer Fan des gepflegten Grusels war ich sehr begeistert, dass Forscher nun auf die Überreste der legendären Giftmörderin  Anna Marlena Prick gestoßen sind, genannt die »Rote Lena«.

  • Die Sissi-Filme mit Romy Schneider bringen Historiker zwar in Rage, aber man bekommt schon einen Eindruck davon, wie unglücklich die Kaiserin war. Kann es sein, dass das auch mit dem Aktenfresser  zu tun hatte, mit dem sie verheiratet war?

  • Wer wie ich ein Zwilling ist, wird die Geschichte über diese steinzeitliche Doppelbestattung  besonders anrührend finden. Alle anderen können mal wieder staunen, welch knifflige Rätsel die moderne Archäologie lösen kann.

  • Ich räume ein, dass ich die meisten Tatorte schlecht finde und auch ansonsten nicht viel mit deutschen Krimis anfangen kann. Die Serie »Das Geheimnis des Totenwaldes« mit Matthias Brandt und dem unfassbar intensiv spielenden Hanno Koffler als Serienkiller hat mich allerdings begeistert. Die wahre Geschichte, die dahintersteckt, war auch oft Thema im SPIEGEL und erzählt auch einiges von den Möglichkeiten und Grenzen der Kriminaltechnik.

Quiz*

1. Der in Nordamerika heimische Silberalk gibt der Wissenschaft Rätsel auf, weil sein Winterquartier...?
a. ...bis heute nicht aufgefunden wurde.
b. ...nur eine halbe Flugstunde entfernt ist.
c. ...sich klimatisch nicht von seinem Sommerquartier unterscheidet.

2. Was kann dabei helfen, eine drohende Ohnmacht abzuwenden, wenn einem schwarz vor Augen wird?
a. Pobacken und Oberschenkel anspannen.
b. Laut und mit den Fingern bis zehn zählen.
c. Nase zuhalten und mit offenem Mund ein- und ausatmen.

3. Wenn der Mars die Größe einer Blaubeere hätte, dann wäre...?
a. ...die Erde eine Kirsche.
b. ...der Uranus eine Johannisbeere.
c. ...der Jupiter eine Orange.

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Foto: Johan Nilsson / afp

Ein treuer Freund scheint der Hund gewesen zu sein, dessen Überreste vor einigen Wochen Archäologen an der Ostseeküste von Schweden entdeckten. Es war vermutlich ein steinzeitlicher Jäger, der das Tier vor etwa 8400 Jahren bestattete – und es sieht so aus, als hätte er eine enge Bindung zu dem Hund gehabt. Neben den Knochen wurden etliche bearbeitete Feuersteinstücke gefunden, bei denen es sich um Grabbeigaben handeln könnte.

Fußnote  

1 Fischart im Fluss Arno, die Schleie, kommt ursprünglich in Italien vor – alle anderen wanderten im Laufe der vergangenen 200 Jahren ein. Das ergab eine aufwendige Studie, an der ­Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstituts in Gelnhausen bei Frankfurt beteiligt waren. Um mehr Fische angeln zu können, brachten Florentiner Bürger im Laufe der vergangenen Jahrzehnte immer wieder fremde Arten in den Fluss ein – und die erwiesen sich in der Regel als deutlich robuster als die einheimischen.

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten
1) Antwort c.: Das Winterquartier des Silberalks unterscheidet sich klimatisch nicht von seinem Sommerquartier.
2) Antwort a.: Um eine Ohnmacht zu verhindern, sollte man die Pobacken und Oberschenkel anspannen.
3) Antwort a.: Wenn der Mars die Größe einer Blaubeere hätte, wäre die Erde eine Kirsche.