Streit um Forschungsarbeit Frisst diese Raupe wirklich Plastik?

Es klang zu schön, um wahr zu sein: Eine plastikfressende Raupe sollte der Menschheit helfen, ihr Müllproblem einzudämmen. Doch ein zweiter Blick auf die Forschung dämpft den Optimismus.
Eine Raupe, die Plastik fressen soll

Eine Raupe, die Plastik fressen soll

Foto: Federica Bertocchini/ Paolo Bombelli/ Chris Howe/ DPA

Wer Federica Bertocchini anruft, erlebt eine selbstbewusste Frau. "Absolut" stehe sie zu ihren Ergebnissen, zu "100, nein 200 Prozent". Und wenn die Biologin von der Universidad de Cantabria im nordspanischen Santander recht behielte, dann wäre es vielleicht ganz gut für die Welt. Denn zusammen mit Kollegen hatte Bertocchini im Frühjahr eine Entdeckung vermeldet, die Mensch und Natur eine wahrhaft globale Plage vom Hals schaffen könnte: Im Fachmagazin "Current Biology" stellten die Forscher eine Raupenart vor, die Plastik frisst.

Oder besser gesagt: fressen soll. Denn an den Erkenntnissen der Forscherin gibt es nun Zweifel - und zwar konkret daran, dass die Raupe das gern für Kunststoffverpackungen und Plastiktüten genutzte Polyethylen tatsächlich verdaut - und nicht nur klein häckselt und ausscheidet.

Dabei wäre solch eine Fähigkeit in einer Welt hochwillkommen, in der um die 400 Millionen Tonnen Plastik pro Jahr produziert werden und rund 80 Prozent davon in der Umwelt oder auf Deponien landen. Selbst wenn die Tierchen, Larven der Wachsmotte, sicher nicht das ganze Müllproblem der Menschheit auf einmal wegknabbern könnten. Egal. Ein Anfang wäre gemacht.

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Müll: 822.000 Eiffeltürme aus Plastik

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Grundlegende Zweifel

Die Forscher wollten herausgefunden haben, dass rund hundert Wachsmottenlarven in zwölf Stunden immerhin etwa 92 Milligramm einer normalen Einkaufstüte fressen können. Bereits nach 40 Minuten seien Löcher zu sehen gewesen. "Das ist ein sehr schneller Abbau, schneller als alles, was zu diesem Thema bisher wissenschaftlich veröffentlicht wurde", so Bertocchinis Fazit. Der Artikel lobte das "Potenzial für bedeutende biotechnologische Anwendungen".

Nun stellen Forscher um den Chemiker Till Opatz von der Universität Mainz diese Ergebnisse aber grundlegend in Zweifel - und zwar in ebenjenem Fachmagazin, das die Nachricht von den vermeintlichen Wundertaten der Raupen abgedruckt hatte.

In "Current Biology"  zählen die deutschen Forscher die Schwachstellen der Originalarbeit aus ihrer Sicht auf. Ihr Hauptkritikpunkt: Bertocchini und Kollegen hatten von Messungen berichtet, wonach sie die Substanz Ethylenglycol nachgewiesen hätten. Das wäre ein Hinweis, dass der Kunststoff Polyethylen durch die Raupen tatsächlich biochemisch aufgespalten, also abgebaut wird.

Doch die Mainzer Forscher zweifeln, dass da tatsächlich Ethylenglycol gemessen wurde. "Das lässt sich nach unseren Erkenntnissen nicht halten", sagt Opatz. Spezifische spektroskopische Signale für den eindeutigen Nachweis von Ethylenglycol fehlten in den veröffentlichten Daten der Spanier. Notwendige Kontrollexperimente habe Bertocchinis Team nicht unternommen.

Die Schlussfolgerung: Es gebe keinen Beweis, dass die Raupen das Polyethylen tatsächlich verdauten. Vielmehr zerkleinerten sie das Plastik einfach nur mit ihren Kauwerkzeugen - und schieden es chemisch unverändert wieder aus, sagt Opatz. Was Bertocchinis und ihre Leute gemessen hätten, seien Raupenüberreste gewesen.

"Gutachter hätten das nicht durchgehenlassen dürfen"

"Wir haben unseren Widerspruch schon sehr vorsichtig formuliert", sagt Opatz. Doch wenn man mit dem an der ersten Studie beteiligten Chemiker spricht, merkt man, dass er ziemlich wütend ist. "Zweifel sind näher am Wesen der Wissenschaft als die Gewissheit", sagt er. Und Zweifel haben er und sein Team. Ernsthafte Zweifel. "Die Gutachter hätten das nicht durchgehenlassen dürfen", so Opatz.

Bertocchinis Studie war, wie in wichtigen wissenschaftlichen Publikationen üblich, vorab von anonymen Gutachtern geprüft worden. Doch immer wieder gibt es Vorwürfe, dass es manche Fachmagazine mit solchen Prüfungen vielleicht nicht immer so richtig ernst meinen könnten - gerade wenn der Titel einer eingereichten Arbeit weltweite Berichterstattung verspricht. Und im Fall der Raupen gab es die ganz ohne Zweifel.

"Zum Teil werden Themen aufgebauscht, bis es falsch wird", hat Medizin-Nobelpreisträger Randy Schekman die großen Wissensmagazine im SPIEGEL-ONLINE-Interview angegriffen. Für Opatz sind die Raupen genau so ein Fall. "Wir dürfen aber in der Bevölkerung keine falschen Hoffnungen schüren, was Wissenschaft kann und ist."

Bertocchini ist deutlich optimistischer. Sie hat zeitgleich mit Opatz' Kritik eine Erwiderung in dem Fachmagazin veröffentlicht . Beide Papiere sind jeweils wieder von anonymen Gutachtern geprüft worden. "Ich stimme nicht mit seinen Daten überein, ich stimme nicht mit seinen Argumenten überein", sagt sie über Opatz.

Was bleibt also? Weitere Experimente - zum Beispiel unter Verwendung charakteristischer Kohlenstoff-Isotope - werden klären müssen, ob die Raupen Plastikmüll vielleicht doch verdauen. Oder ob sie ihn tatsächlich nur zerkleinern, wie die Deutschen behaupten. Damit wäre niemandem geholfen, das passiert im Meer durch Wind und Wellen einfach so, wo Plastik in immer kleinere Teile zerbricht - aber nicht verschwindet.

Ach ja: Aktuell nimmt die weltweite Produktion von Plastik jedes Jahr um durchschnittlich 8,4 Prozent zu. Und die Hälfte der Kunststoffe wird nach vier oder weniger Jahren zu Müll.

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