Mysteriöse Blitze Lichtgespenst-Video begeistert Forscher

Die riesigen Lichtgestalten, die bei Stürmen und Gewittern für Sekundenbruchteile über den Wolken zucken, stecken voller Rätsel. US-Forscher haben die Kobolde nun mit einer Hochgeschwindigkeits-Kamera gefilmt - in bislang unbekannter Schärfe.


Man nennt sie "Kobolde" oder "Elfen". Piloten, die die mysteriösen Lichterscheinungen zufällig erspäht hatten, behielten ihre Beobachtungen lieber für sich - aus Angst, dass man sie für verrückt erklären könnte. Dass es die Lichtgestalten aber tatsächlich gibt, ist mittlerweile unbestritten.

Sie entstehen bei Gewittern oder Stürmen in 50 bis 100 Kilometern Höhe. Über ihre Ursache rätseln Wissenschaftler jedoch nach wie vor. Die Erforschung gestaltet sich schwierig, weil Kobolde extrem flüchtige Zeitgenossen sind. Sie flackern für nur zehn bis hundert Millisekunden auf - kürzer als ein Wimpernschlag. Bei Aufnahmen mit herkömmlichen Videokameras sind sie meist auf nur einem einzigen Bild zu sehen.

Steven Cummer von der Duke University ist den Kobolden schon seit längerem auf der Spur. Mit einer Hochgeschwindigkeitskamera sind seinem Team jetzt spektakuläre Aufnahmen der Lichtgespenster gelungen. Sie zeigen die Erscheinungen detailliert und in bislang unbekannter Schärfe.

Als idealer Beobachtungspunkt gelten hohe Berge, die einen freien Blick auf Kobolde erlauben. Vom Boden wird die Sicht oft durch Wolken versperrt. So installierten die Forscher auf der hochgelegenen Yucca Ridge Field Station in Fort Collins (US-Bundesstaat Colorado) im vergangenen Sommer ihre Spezialkamera, die 5000 Bilder pro Sekunde aufnehmen kann.

Warten auf den Blitz

Die meiste Zeit verbrachten die Wissenschaftler mit Warten, berichtet Cummer. Man habe jedoch ständig auf der Hut sein müssen, um keinen "Sprite" zu verpassen. Der Name für die Kobolde ist kein Zufall: Weil die Irrlichter die Forscher so lange an der Nase herum geführt hatten, tauften Experten der University of Alaska sie "Sprites", nach den Kobolden in Shakespeares Stück "The Tempest".

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Himmlische Irrlichter: Kobolde in der Atmosphäre
1989 waren sie erstmals nachgewiesen worden - zufällig. Bei der Durchsicht von Aufnahmen der Raumfähre "Atlantis" entdeckten Nasa-Forscher die gespenstischen Lichterscheinungen.

Bei der Sprite-Jagd im vergangenen Sommer richteten sich die Wissenschaftler der Duke University nach dem Wetter. "Wenn Sturm war, mussten wir nicht lange warten", sagte Nicolas Jaugey, einer von Cummers Mitarbeitern. "Manchmal hatten wir Glück, und es gab alle zehn bis 15 Minuten einen Sprite."

Wenn ein typischer Blitz auftauchte, musste einer der Forscher schnell den Aufnahmeknopf drücken. Weil die Hochgeschwindigkeitskamera große Datenmengen pro Sekunde produziert, konnte sie nur angeschaltet werden, wenn das Erscheinen eines Sprites zu erwarten war.

Kleine Punkte, die länger leuchten als der Sprite

Insgesamt 76 der bizarren Lichterscheinungen registrierten die Forscher in sieben Nächten im Juli und August 2005. Die beste Aufnahme, die auch im Video oben zu sehen ist, glückte am letzten Aufnahmetag - dem 13. August.

"Wenn ein Sprite auf Film gebannt ist, ist das extrem aufregend", sagte Jaugey. Man sehe auf dem Fernseher zunächst nur einen kurzen Blitz. Aber es sei wunderschön, wenn man sich anschließend die Daten der Hochgeschwindigkeitskamera anschaue.

Auf den Bildern entdeckten die Wissenschaftler ein Detail, das auch schon andere Forscher beobachtet hatten: kleine leuchtende Punkte, die länger strahlen als der übrige Kobold. Die hohe Energiedichte mache die Punkte besonders interessant, erklärte Cummer, wenn es darum gehe, die Auswirkungen von Sprites auf chemische Prozesse in der Atmosphäre zu untersuchen.

Bei der weiteren Auswertung der Videoaufnahmen wollen die Forscher herausfinden, welcher Zusammenhang zwischen der Lichtstärke und den Strömungsgeschwindigkeiten besteht.

Holger Dambeck



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