Mysteriöses Massensterben Werden Bienen tot telefoniert?

Gentechnik, Monokultur auf den Feldern, Klimawandel - für das massenhafte Sterben von Bienenvölkern in den USA und Europa wird alles Mögliche verantwortlich gemacht. Die neueste eher bizarre These lautet: Der Mobilfunk ist Schuld.

Handys können einfach nicht gesund sein. Diese in erster Linie gefühlte Erkenntnis verleitet Mobilfunkskeptiker und auch Journalisten zuweilen dazu, wissenschaftliche Ergebnisse so lange zu interpretieren, bis die Forscher ihre eigene Studie nicht mehr wiedererkennen. Das geschah zuletzt Ende Januar, als eine deutsche Zeitung Hinweise auf ein gesteigertes Hirntumor-Risiko durch Handy-Benutzung vermeldeten, das die Forscher gar nicht gefunden hatten.

Die britische Zeitung "The Independent" wartet nun mit einer neuen These über die Gefahren von Mobiltelefonen auf: "Rotten Handys unsere Bienen aus?", lautet die Überschrift eines Artikels, der eine neue Erklärung für das mysteriöse Bienensterben in den USA und in Europa präsentieren will.

Am Gegenstand der Besorgnis zweifelt niemand. Der Insektentod ist unbestritten dramatisch: An der Ostküste der USA sind in den vergangenen Monaten bis zu 70 Prozent der Bienenvölker gestorben. Vom Colony Collapse Disorder (CCD) sprechen Imker und Forscher dort. In Deutschland beträgt der Rückgang nach Angaben des Deutschen Berufs und Erwerbs Imkerbunds (DBIB) 25 Prozent. Doch woran liegt das mysteriöse Massensterben? Mit seiner Mobilfunkthese beruft sich "The Independent" auf Erkenntnisse deutscher Forscher von der Universität Koblenz-Landau.

In Landau erforschen der Physiker Jochen Kuhn und seine Kollegen schon seit längerem den Einfluss hochfrequenter Strahlung auf Bienen. In zwei Pilotstudien - zuletzt vergangenes Jahr  - haben die Forscher untersucht, ob hochfrequente Felder Bienen überhaupt beeinflussen können. Bisheriges Ergebnis: Bienen, die starker Strahlung ausgesetzt waren, fanden schlechter zu ihrem Bienenstock zurück als jene ohne Belastung. "Bei Wabenfläche und -gewicht gab es einen Trend zu Ungunsten der bestrahlten Bienen, aber keine Signifikanz", sagte Kuhn im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Einfluss von Feldern auf das Lernverhalten

Hochfrequente Strahlung? Dazu zählen auch die elektromagnetischen Wellen, die von Mobilfunkmasten ausgehen. Doch so einfach wird daraus keine Erklärung für das Bienensterben. Denn das Team von Kuhn nutzte als Strahlungsquelle Sendestationen von DECT-Telefonen, die als tragbare Geräte zu Hause dienen. "DECT und GSM nutzen unter anderem verschiedene Frequenzen sowie unterschiedliche Modulations- und Pulsverfahren", sagte Kuhn. "Wir wissen noch nicht, ob und wenn ja welche dieser Parameter eine mögliche Wirkung auf die Bienen haben."

Andere Expositionsarten wie GSM und UMTS müssten noch untersucht werden. DECT habe für die Pilotversuche nahegelegen, weil die Sendestation preiswert und leicht zu beschaffen seien. "Unsere Intention war nicht, das Bienensterben zu erklären, das zudem erst nach Beginn unserer Untersuchungen begann", betonte Kuhn. Es ging um die grundsätzliche Frage, ob hochfrequente Felder das Lernverhalten von Bienen beeinflussen.

Auch das Design der Studie verbietet vorschnelle Interpretationen: Die DECT-Sender standen direkt im Bienenstock, die Insekten wurden so einer extrem hohen Strahlungsintensität ausgesetzt, wie sie in freier Natur kaum möglich ist. "Wir haben zunächst mit maximaler Feldstärke angefangen und geprüft, ob überhaupt ein Effekt existiert."

In der Debatte darüber, was den Bienen dies- und jenseits des Atlantiks zur Zeit den Garaus macht, werden viele Bösewichter verdächtigt.

Geheimnisvolle Krankheit, Gift, Gentechnik oder doch Handystrahlung: Vier Theorien zum mysteriösen Bienensterben - und der Faktor Überzüchtung.

  • In der US-amerikanischen CDC-Arbeitsgruppe spricht man zwar bereits vom "Aids der Bienenindustrie". Ob die fleißigen Tierchen aber einer neuen, bislang unerkannten Infektionskrankheit anheim fallen, ist völlig ungeklärt.
  • Bakteriengift, das von genetisch veränderten Nutzpflanzen produziert wird, könnte die Darmoberfläche von Bienen verändern und die Tiere dadurch schwächen - etwa gegenüber Parasiten, sagte Hans-Hinrich Kaatz von der Universität Halle kürzlich dem SPIEGEL.
  • DBID-Präsident Manfred Hederer sagte dem SPIEGEL, er gehe davon aus, es handele sich um "ein besonderes Gift, irgendein Wirkstoff, den wir nicht kennen", der die Bienen tötet.
  • Zeitgeistgerecht steht auch der Klimawandel auf der Liste der Verdächtigen. Schließlich verschiebt die globale Erwärmung vielerorts Wachtums- und Blüteperioden, was manchen Tierarten zu schaffen machen könnte.
  • Und nun gesellen sich zu dieser Liste noch die Spekulationen um Handystrahlung, oder "Emissionen von Mobilfunkmasten", wie die Zeitung "The Scotsman" aus Edinburgh am Wochenende unkte.

Vor Bienen-Stress wurde bereits früher gewarnt

Jürgen Tautz, Bienenforscher an der Universität Würzburg, hält die Mobilfunkthese trotz gewisser Skepsis "für untersuchenswert". Man wisse, dass Honigbienen "extrem empfindlich auf Schwankungen des Erdmagnetfeldes reagieren". Ob doch etwas dran sein könnte an der Hypothese von der unschönen Interaktion zwischen Funk- und Bienenwabe, will Tautz demnächst von einer eigenen Arbeitsgruppe studieren lassen.

Die Bienen seien in Gefahr, sagte Tautz zu SPIEGEL ONLINE. Das Nahrungsspektrum sei eingeengt, hinzu kämen Klimaveränderungen und möglicherweise auch der Einfluss genetisch veränderter Pflanzen. Mobilfunk könne, so der Biologe, einer der vielen Stressfaktoren sein, denen Bienen ausgesetzt seien. "Aber ich bin mir sicher: Einem gesunden, nicht gestressten Bienenvolk kann Mobilfunk nichts anhaben."

Ob aber die Bienen proper und robust genug sind, ist umstritten. Die Berufsimker warnen seit Jahren vor der wachsenden Belastung ihrer Völker:

  • Die aus Asien eingeschleppte Varroamilbe mit dem unheilvollen lateinischen Namen Varroa destructor bedroht europäische Bestände bereits seit über 20 Jahren.
  • Weil die Landwirte auf Monokulturen setzten und Wildblumen wegspritzten, entzögen sie den Bienen ihre Nahrungsgrundlage, beklagt der DBIB.
  • Und auch der vermehrte Einsatz der sogenannten grünen Gentechnik gilt unter Imkern als Problem. Tatsächlich ist die Anbaufläche für entsprechende Freilandversuche in Deutschland mit weniger als 0,1 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche bislang außerordentlich gering.

Massensterben letztlich Folge von Überzüchtung?

Mobiltelefone gehörten bislang nicht in die Litanei jener Einflüsse, die im weitesten Sinn den Stresspegel die fleißigen Nutztiere erhöhen. Eine andere - in der Landwirtschaft nicht unbekannte - Erklärung könnte viel wichtiger sein.

Tautz glaubt, dass womöglich die intensive Bienenzucht und der damit verbundene Verlust genetischer Vielfalt unter den Insekten eine der Hauptursachen des gegenwärtig beobachteten Bienensterbens ist. Mit Bienenvölkern aus der Türkei, die nicht so gezüchtet seien wie hierzulande, sei dies kaum vorstellbar.

Mobilfunk: Frequenzen, Strahlung und Wärme

Die These vom todbringenden Handy hält selbst der Landauer Physiker Kuhn für nicht belegt: "Die momentan vorliegenden Ergebnisse sind mit Vorsicht zu genießen." Sie seien ein möglicher Hinweis auf einen möglichen Einwirkungsmechanismus - mehr nicht.

"Es gibt noch einige Parameter, die wir in Folgestudien untersuchen und auch noch messtechnisch kontrollieren müssen", sagte Kuhn. Selbst dass das Ergebnis des extremen DECT-Experiments wirklich durch die Strahlungsleistung der Sendestationen verursacht worden sei, hält er für noch nicht belegt. Vielleicht hätten ja auch "die Wärmeentwicklung und chemische Ausdünstungen durch die DECT-Sender" einen Einfluss gehabt. Am gegenwärtigen Bienensterben kann dergleichen freilich keine Schuld treffen.

"Erst die Biene, dann der Mensch", warnte DBIB-Vorstand Haefeker Ende März im Interview des Bayerischen Rundfunks. Der Imkerverband sieht schwarz, und auch sein Motto klingt im Kontext des massenhaften Bienchentods wenig optimistisch. "Apes debemus imitari" wird der römische Philosoph Seneca auf der DBIB-Website zitiert: "Die Bienen müssen wir nachahmen."

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