Nach dem Aussterben der Dinosaurier Säugetiere investierten in Größe statt Grips

Es war nicht Intelligenz, die den Säugetieren die Ausbreitung auf dem Planeten erleichterte, wie Fossilienfunde nahelegen. Im Gegenteil: Die ersten Säuger waren offenbar »ziemlich dumm«.
Schädel eines fleischfressenden Säugetiers aus dem Paläozän

Schädel eines fleischfressenden Säugetiers aus dem Paläozän

Foto: Thierry Smith / REUTERS

Vor 66 Millionen Jahren besiegelte ein Asteroid das Schicksal der Dinosaurier und läutete die Ära der Säugetiere ein. Lange nahm man an, dass Intelligenz die Ausbreitung der Säuger auf dem Planeten begünstigte. Doch nun zeigt eine neue Studie: Die ersten Säuger setzten offenbar eher auf Muskelmasse als auf Hirnsubstanz.

Ein Forschungsteam aus Schottland, den USA und Belgien hat Fossilien von Säugetieren aus dem Paläozän, dem zehn Millionen Jahre langen Erdzeitalter nach dem Aussterben der Dinosaurier, untersucht und herausgefunden: Während die Körpergröße der Säugetiere in dieser Zeit deutlich zunahm, nahm ihre Gehirngröße im Verhältnis zur Körpermasse ab. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift »Science«  erschienen.

Kein Vergleich zur Gehirnleistung heutiger Säugetiere

»Entgegen unseren Erwartungen waren die Säugetiere, die den Asteroiden überlebten und die Dinosaurier überdauerten, ziemlich dumm. Sie verfügten nicht annähernd über die Gehirnleistung heutiger Säugetiere – und eine ausgeprägte Intelligenz entwickelte sich erst viele Millionen Jahre später«, sagte der Paläontologe und Mitautor der Studie Steve Brusatte von der Universität Edinburgh.

Die Paläontologin Ornella Bertrand, Hauptautorin der Veröffentlichung, fügte hinzu: »Der Prozess, der dazu führte, dass sich bei Säugetieren nach dem Aussterben der Dinosaurier große Gehirne herausbildeten, verlief viel langsamer als bisher angenommen.«

Diese Abbildung zeigt die Hirngröße des Säugetiers Arctocyon primaevus (links), das im Paläozän lebte, neben einem Schädel eines Hyrachyus modestus aus dem Eozän

Diese Abbildung zeigt die Hirngröße des Säugetiers Arctocyon primaevus (links), das im Paläozän lebte, neben einem Schädel eines Hyrachyus modestus aus dem Eozän

Foto: Sarah Shelley / University of Edinburgh / REUTERS

Die Forscherinnen und Forscher untersuchten 28 Säugetierfossilien aus dem Paläozän und 96 Fossilien aus der darauffolgenden Epoche des Eozäns mit computertomografischen Scans. Das Eozän dauerte rund zwölf Millionen Jahre, bis es vor etwa 34 Millionen Jahren durch das Oligozän abgelöst wurde. Das Team prüfte die Scans auf die Größe des Gehirns und die Entwicklung spezifischer Komponenten und Fähigkeiten. Das Wachstum des Gehirns setzte demnach erst im Eozän ein.

Anders habe es sich mit der Körpergröße verhalten: Sie erhöhte sich der Studie zufolge fast unmittelbar ab dem Massenaussterben der Dinosaurier. Zuvor seien Säugetiere in der Regel nur etwa so groß wie eine Spitzmaus geworden. Während des Paläozäns erreichten einige die Größe heutiger Bären. Die Paläontologin Bertrand erklärte die Entwicklung so: »Als die nicht-avischen Dinosaurier ausstarben«, also die Saurier, die nicht fliegen konnten, »ergab sich für die Säugetiere eine noch nie dagewesene Gelegenheit, und sie begannen, durch das Größerwerden in die ökologischen Nischen einzudringen, die frei geworden waren.«

»Ein großes Gehirn ist mit Kosten verbunden«

Die Untersuchungen zeigten auch, dass der Geruchssinn – gemessen an der Entwicklung der Riechkolben im Gehirn – für die Säugetiere des Paläozäns entscheidend war. Während des Eozäns wurden andere Fähigkeiten wie das Sehen, Hören, das Gedächtnis, aber auch motorische Kontrolle für das Überleben wichtiger. Die Ausbildung dieser Fähigkeiten ist mit der Entwicklung des Neokortex verbunden.

Wie sahen Säugetiere im Paläozön aus? Womöglich so ähnlich wie dieses auf der rechten Seite abgebildete Tier – ein fleischfressendes Arctocyon. Links zu sehen ist die Rekonstruktion eines Hyrachyus modestus aus dem Eozän, möglicherweise ein Vorfahr der Tapire oder Nashörner

Wie sahen Säugetiere im Paläozön aus? Womöglich so ähnlich wie dieses auf der rechten Seite abgebildete Tier – ein fleischfressendes Arctocyon. Links zu sehen ist die Rekonstruktion eines Hyrachyus modestus aus dem Eozän, möglicherweise ein Vorfahr der Tapire oder Nashörner

Foto: Sarah Shelley / University of Edinburgh / REUTERS

Dass Säugetiere nicht zugleich Hirn- und Körpermasse entwickelten, hat wahrscheinlich mit dem Energieverbrauch zu tun. »Ein großes Gehirn ist mit Kosten verbunden«, sagte die Wissenschaftlerin Bertrand. Die für das Gehirn aufgewendete Energie entspreche einem Anteil von 20 Prozent an der Gesamtenergie, die für einen Körper aufgewendet werde. Große Gehirne könnten sich also nur dann entwickeln, wenn ihr Nutzen die Kosten für ihren Betrieb überwiege.

Als sich im Eozän der Wettbewerb um Ressourcen verschärfte und komplexes Verhalten für das Überleben einer Art unerlässlich wurde, habe das Gehirnwachstum der Säugetiere eingesetzt – weil große Gehirne von Vorteil waren, so Bertrand. Heute haben Säugetiere im Verhältnis zur Körpergröße die größten Gehirne des Tierreichs.

vki/Reuters
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