Reaktionen auf Kabinettsbeschluss Neuer Streit über den Abschuss von Wölfen

Wölfe sollen vorbeugend geschossen werden können - das hat die Bundesregierung am Mittwoch beschlossen. Experten, Schäfer und Jäger reagieren ganz unterschiedlich auf die neue Regelung.

Ein Rudel europäischer Grauwölfe im Wald: Gibt es eine wirksame Methode, die Tiere von Nutztieren fernzuhalten - oder ist die neue Abschussverordnung gerechtfertigt?
R. Linke/ blickwinkel/ imago images

Ein Rudel europäischer Grauwölfe im Wald: Gibt es eine wirksame Methode, die Tiere von Nutztieren fernzuhalten - oder ist die neue Abschussverordnung gerechtfertigt?


Wölfe sollen künftig leichter abgeschossen werden können, sofern sie Schafe und andere Nutztiere reißen. So sieht es ein Kabinettsbeschluss vom Mittwoch vor.

Nach monatelangem Streit hatten sich die Umwelt- und Agrarministerinnen Svenja Schulze (SPD) und Julia Klöckner (CDU) auf einen Gesetzentwurf geeinigt. Der politische Druck in einzelnen Bundesländern ist gewaltig, das Thema spielt auch im Wahlkampf in Ostdeutschland eine große Rolle. Zuletzt hatte das Kanzleramt vermittelt.

Sippenhaftung für Wölfe

Der Kabinettsbeschluss soll einen Abschuss von Wölfen auch dann ermöglichen, wenn unklar ist, welches Tier für einen Riss verantwortlich ist. Es können demnach so lange Wölfe in einer Gegend geschossen werden, bis es keine Attacken mehr gibt - auch wenn dafür ein ganzes Rudel getötet wird. Die Behörden der Länder müssen aber jeden Abschuss einzeln genehmigen.

Unterschiedliche Reaktionen auf die Neuregelung

Ob der Beschluss des Bundeskabinetts eine sinnvolle Balance zwischen den Belangen des Artenschutzes und denen von Weidetierhaltern schafft, ist umstritten.

Experten sprechen sich dafür aus, die Tiere statt eines Abschusses lieber abzuschrecken. Eine Möglichkeit seien Halsbänder, die den Tieren Elektroschocks verpassen, sobald sie in die Nähe von Herden kommen, oder Gummigeschosse, sagt der Wildtierbiologe Marco Heurich von der Universität Freiburg.

"Ziel dieser Methode ist es, den Tieren anzutrainieren, sich von Menschen und Nutztieren fernzuhalten", sagt Heurich. Diese Methoden seien nicht abschließend untersucht, in den USA habe es aber bereits vielversprechende Erfahrungen gegeben.

Der Autor des Fachbuchs "Wildlebende Wölfe", Frank Faß vom Wolfcenter in Dörverden, äußert "absolutes Unverständnis" für das Vorhaben, Wölfe auf Verdacht zu schießen. Stattdessen müssten die Schafsherden mit Zäunen geschützt werden.

Schäfer fordern weitere Unterstützung: "Wir Schäfer begreifen uns nicht als Jäger des Wolfes, sondern als Hüter unserer Schafe", betonte Czerkus. Zum Schutz der Tiere gehöre nun mal auch, dass Wölfe, "die sich nicht an die Spielregeln halten", geschossen werden müssten.

Die EU habe erlaubt, dass Schäfer Schutzmaßnahmen wie etwa Elektrozäune, die wegen der Rückkehr der Wölfe notwendig würden, komplett bezahlt bekämen, sagte er. Das müsse jetzt in nationales Recht umgesetzt werden. "Wir sind mit der Gesamtentwicklung zufrieden, wir sind nur ungeduldig mit Blick auf unsere Tiere."

Der Deutsche Jagdverband begrüßte den Gesetzesentwurf als Schritt in die richtige Richtung, vermisst aber ein umfassendes Handlungskonzept.

Der Deutsche Bauernverband, in dem auch Schafhalter organisiert sind, kritisierte den Entwurf - er will, dass sich in Regionen mit ausgeprägter Weidetierhaltung Wölfe gar nicht erst ansiedeln. Sogenannte wolfsfreie Zonen lehnt man im Umweltministerium aber ab - und hält sie auch für nicht machbar, da die Tiere weite Strecken zurücklegen.

Umweltverbänden wie BUND, Nabu und WWF geht der Regierungsvorschlag zu weit. Nach Rissen "einfach auf Verdacht" das ganze Rudel abzuschießen, könne keine Lösung sein, sagt BUND-Geschäftsführer Olaf Bandt. Angriffe auf Nutztiere könnten sogar zunehmen, wenn die Rudelstruktur zerstört werde, fremde Wölfe einwanderten oder junge Wölfe ohne Elterntiere Nahrung jagen müssten.

Seit der Jahrtausendwende breiten sich Wölfe in Deutschland aus, nachdem sie lange ausgerottet waren. Laut dem Wolfsmonitoring 2017/2018 lebten in Deutschland im November 73 Wolfsrudel, 30 Wolfspaare sowie drei sesshafte Einzeltiere. Einen bestätigten Angriff eines Wolfs auf einen Menschen gibt es seit der Rückkehr der Tiere nicht.

Die meisten Wölfe leben in der Lausitz, vor allem in der Grenzregion zwischen Brandenburg und Sachsen, ihre Verbreitung konzentriert sich in einem Band vom Südosten bis in den Nordwesten Deutschlands. Insgesamt dürften laut der neuen Daten zwischen 213 und 246 ausgewachsene Wölfe in Deutschland leben.

Je weiter sich die Wölfe ausbreiteten, desto öfter kam es zu Schäden an Nutztieren. Laut der Statistik für das Jahr 2017, die in diesem Jahr veröffentlicht wurde, gab es insgesamt 472 Angriffe auf 1667 Weide- und Gehegetiere, darunter waren 1366 Schafe.

boj/dpa

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