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10. September 2014, 11:26 Uhr

Nahrungsschnorrer

Geier lassen ihr Futter von Adlern suchen

Geier sind Schnorrer. Statt selbst mühevoll nach Kadavern zu suchen, beobachten sie andere Raubvögel. Von Adlern lassen sie sich die Beute sogar anrichten, bevor sie die Konkurrenten wieder vertreiben.

Warum selbst stundenlang umherfliegen und Kadaver suchen, wenn andere es doch besser können. Spart Zeit und Energie. So ist zumindest die Taktik der Geier: Sie beobachten Adler und folgen ihnen, sobald diese einen Kadaver aufgespürt haben. Oft warten sie dann noch, bis die Adler mit ihren spitzen Schnäbeln die Häute der Kadaver aufgerissen haben, bevor sie die Raubvögel von der Beute vertreiben. Dies berichten der Biologe Adam Kane vom Trinity College Dublin und seine Kollegen in der Fachzeitschrift "Proceedings of the Royal Society B".

Die Forscher werteten für ihre Studie 46 Videos aus, die bereits für eine andere Untersuchung im kenianischen Laikipia District aufgenommen wurden. Zu sehen ist darauf, was geschieht, wenn in der afrikanischen Steppe ein Tier stirbt und die Aasfresser kommen. Kane und Kollegen konzentrierten sich in ihrer Videoauswertung auf den Weißrückengeier (Gyps africanus) und den Sperbergeier (Gyps rueppellii) sowie den Savannenadler (Aquila rapax) und den Steppenadler (Aquila nipalensis). Sie werteten die Ankunftszeiten der Vogelarten und ihr Verhalten am Kadaver aus.

Schnorrsieger nach Punkten

Das Ergebnis der Auswertung: In 38 von 46 Fällen waren die Adler zuerst am Kadaver. Die Geier folgten ihnen aber in einem so kurzem Abstand, dass es nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung der Forscher kein Zufall sein konnte. Die Geier orientieren sich also offenbar an den Adlern. In den wenigen Fällen, in denen ein Geier zuerst vor Ort war, folgte ebenso schnell ein Adler. Insgesamt traten die Geier aber viel häufiger als Schnorrer auf.

Die Forscher vermuten, dass die Geier deshalb so nassforsch sind, weil sie wissen, dass sie größer und stärker sind als die Adler. Die Geier begannen häufiger eine Auseinandersetzung als die Adler und gewannen diese dann auch meist: In den Videoauswertungen siegten die Geier in 61 Prozent der Fälle, also gewannen sie gut 280 der 461 Nahrungskämpfe.

"Man kann aber nicht sagen, dass die Adler hier die Verlierer sind", sagt Adam Kane. "Weil sie früher ankommen, bekommen sie ihren 'Finderlohn' und können zudem weiter jagen, sobald sie von den Geiern vertrieben werden."

Der Adler ist der bessere Späher

Die Wissenschaftler vermuten, dass die Adler nicht nur deshalb meist schneller am Kadaver sind als die Geier, weil sie die schärferen Augen haben. Weil Adler leichter seien, könnten sie zudem die schwächeren Aufwinde am Morgen für das Gleiten bei der Nahrungssuche nutzen, schreiben Kane und Kollegen. Die schwereren Geier hingegen seien auf die stärkere Thermik in der Tagesmitte angewiesen.

Die Rolle als Schmarotzer werde den bedrohten Geiern nun aber zum Verhängnis, schreiben die Biologen. Ihr Schicksal sei eng mit dem von Raubvögeln und anderen Arten verknüpft, deren Bestände ebenfalls gefährdet seien. Die Forscher mahnen daher: Artenschutz dürfe sich nicht auf einzelne Arten konzentrieren, sondern müsse die Ökosysteme als Ganzes im Blick haben.

khü/dpa

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