Nasses Gestein Regenfälle können Erdbeben auslösen

Bis zu 40 Mal am Tag zittert der Hochstaufen in Bayern, wenn es besonders viel geregnet hat - viel häufiger als nach trockenen Tagen. Der steigende Wasserdruck in den Gesteinsporen ist Schuld, vermuten deutsche Forscher. Sie glauben, damit eine alte Vermutung belegen zu können.


Heftige Regenfälle können Erdbeben auslösen. Diese These wurde unter Geowissenschaftlern schon länger diskutiert, endgültig bestätigt war sie bisher aber nicht. Deutsche Forscher wollen nun erstmals den Zusammenhang gezeigt haben: Nach Tagen starken Regens seien deutlich mehr seismische Bewegungen festgestellt worden als in trockeneren Wetterperioden, berichten der Physiker Sebastian Hainzl von Universität Potsdam und Geowissenschaftler der Universität München. Ihrer Ansicht nach ist der steigende Wasserdruck in den Poren des Gesteins durch das einsickernde Wasser für die Erschütterungen nach Regenfällen verantwortlich.

Regenguss: Heftige Niederschläge helfen bestimmten Gesteinen, sich in leichtem Zittern zu entspannen
DPA

Regenguss: Heftige Niederschläge helfen bestimmten Gesteinen, sich in leichtem Zittern zu entspannen

Die Forscher beobachteten die seismischen Aktivitäten unter dem Hochstaufen, einem 1775 Meter hohen Berg in den bayerischen Alpen. Hier finden jedes Jahr mehr als tausend kleine Erdbeben statt - vor allem in den Sommermonaten, in denen sich die Regenfälle häufen. Durch die Regengüsse könne sich die Anzahl der seismischen Aktivitäten von ein oder zwei pro Tag auf 40 erhöhen, berichten die Forscher in der Fachzeitschrift "Geophysical Research Letters".

Um die Beziehung zwischen Regenwasser und Beben zu bestätigen, berechneten die Wissenschaftler, wie sich der Wasserdruck in den Gesteinsporen nach Regenfällen verändert, und kalkulierten dann die Erdbebenhäufigkeit. Ihre Prognosen über Anzahl und Schwere der täglichen Beben hätten mit den tatsächlich beobachteten gut übereingestimmt. Das hat nach Angaben der Forscher ein anschließender Vergleich gezeigt.

Regenmonate am Hochstaufen: "Beben durchaus fühlbar"

"Manche Beben am Hochstaufen waren durchaus fühlbar", sagt Joachim Wassermann vom Geophysikalischen Observatorium der Universität München. Meist wurde nur ein leichtes Zittern registriert. Und mit Erdbebenstärken von 6,0 oder größer auf der Richterskala müsse man hier nicht rechnen - weil nicht so viel Spannung erzeugt und diese durch die vielen kleinen Beben stückweise abgebaut werde, sagt der Seismologe, der an der Studie mit beteiligt war.

Anders sehe es aus, wenn über Jahrzehnte kein Regen falle oder wie bei Stauseen einfach kein Wasser in den Erdboden gelange. "Dann wird in der Erdkruste so viel Spannung aufgebaut, dass diese nach einem heftigen Regenguss mit einem Mal abgebaut wird", sagt Wassermann zu SPIEGEL ONLINE. Dann bebt die Erde. So wie 1967 am riesigen Wasserreservoir des Koyna-Damms in Indien. Damals starben 200 Menschen bei einem Erdbeben der Stärke 7 auf der Richterskala. Wassermann glaubt, dass Regengüsse für dieses Beben verantwortlich sind, auch wenn der Nachweis im Nachhinein schwer zu erbringen sei.

Geologen vermuten schon länger einen Zusammenhang zwischen ansteigendem Wasserdruck in den Gesteinsporen und Erdbeben. Jedoch gingen sie bisher davon aus, dass die auslösenden Wassermassen weitaus größer sein müssten als die von Regenfällen. Anderen Theorien zufolge spielt das Gewicht des Wassers und nicht der Wasserdruck im Gestein eine Schlüsselrolle bei Erdstößen, zum Beispiel bei schmelzenden Gletschern. Wassermann und die anderen deutschen Wissenschaftler gehen jedoch davon aus, dass der Druck des einsickernden Wassers jenen Druck verringert, der zwei aufeinandergepresste Gesteinspakete zusammenhält. Dadurch könnten die Gesteinspakete aneinandervorbeigleiten - was seismisch als Erdbeben zu messen ist.

Doch in Deutschland braucht niemand in Erdbeben-Angst auszubrechen. "Auf der Karte der globalen Erdbebengefährdung ist Deutschland grün", entwarnt Wassermann. Hierzulande seien zwar der Oberrheingraben, die Schwäbische Alb und die Niederrheinische Bucht bei Köln erdbebengefährdet. Aber dort könnten Regenfälle nichts ausrichten.

fba/ddp



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