Natürliche Thermometer Klimawandel vertreibt Pflanzen und Tiere

Flora und Fauna reagieren höchst flexibel auf die steigenden Temperaturen: Während manche Pflanzen ihren Lebensrhythmus umstellen, treten andere Arten einfach die Flucht an.
Von Alexander Stirn

Die globale Änderung des Klimas wirbelt nicht nur Wind und Wetter durcheinander, sie bringt auch gravierende Einschnitte ins Leben der Tiere und Pflanzen mit sich. Das zeigen drei voneinander unabhängige Studien, die das US-Wissenschaftsmagazin "Science" in seiner neuesten Ausgabe veröffentlicht hat.

Demnach haben die untersuchten Lebewesen zwei generelle Strategien entwickelt, um mit den weltweit steigenden Temperaturen umzugehen: Während die einen in kältere Regionen fliehen, passen die anderen ihren seit vielen Jahren bestehenden Lebenszyklus an - indem sie beispielsweise früher blühen.

Bislang lagen entsprechende Daten vor allem für einzelne Pflanzenarten vor. Doch jetzt haben Richard und Alastair Fitter eine umfassende Studie über die Flora der britischen Insel vorgelegt. Dazu hat das Vater-Sohn-Team von der University of York die Blütezeit von 385 unterschiedlichen Pflanzenarten über 47 Jahre hinweg untersucht.

Das Ergebnis der Fleißarbeit: Verglichen mit den Jahrzehnten zuvor hat sich der Beginn der Blühperiode in den neunziger Jahren um durchschnittlich 4,5 Tage nach vorne verlagert. 16 Prozent der untersuchten Pflanzen blühten, so die Forscher, "signifikant früher". Bei diesen lag die Verschiebung im Schnitt bei ganzen 15 Tagen pro Jahrzehnt. Lediglich drei Prozent der Pflanzen blühten später als in den Dekaden zuvor.

"Diese Daten offenbaren den bislang besten biologischen Hinweis auf einen klimatischen Wandel", schreiben die beiden Wissenschaftler in "Science". Da der Zeitpunkt der Blüte besonders stark von der Temperatur im Vormonat abhängt, reagieren im Frühling blühende Pflanzen außerordentlich empfindlich auf steigende Temperaturen.

Allerdings, so die Forscher, existieren große Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Pflanzenarten. Die Folge: Verursacht durch die klimatischen Veränderungen könnte die Struktur der Flora gehörig durcheinander geraten. Und auch der Austausch von Genen zwischen verschiedenen Pflanzenarten wird wahrscheinlich gestört - mit noch nicht absehbaren Auswirkungen auf die Evolution.

Auch in den Ozeanen tut sich einiges: Ein britisch-französisches Forscherteam um Grégory Beaugrand von der Sir Alister Hardy Foundation for Ocean Science in Plymouth hat sich die Verteilung einer bestimmten Planktonart (Copepoda) im Atlantik genauer angesehen. Die Kleinstlebewesen gehören zur größten Proteinquelle in den Ozeanen und stellen sowohl für Fische als auch für Wale eine ausgesprochen wichtige Nahrungsquelle dar.

Seit 1946 wird im Nordatlantik jeden Monat die Verteilung des Planktons überwacht - für Beaugrand und Kollegen eine außerordentlich breite Datenbasis. Bei ihren Studien konnten die Meeresbiologen somit auf 176.778 Proben zurückgreifen, die jetzt ausgewertet wurden.

Besonders im nordwestlichen Atlantik zeigten sich dabei die Auswirkungen der Erwärmung: Seit den frühen achtziger Jahren haben sich die wärmeliebenden Arten um rund zehn Breitengrade nach Norden ausgedehnt, während die arktischen und subarktischen Arten den Rückzug antreten mussten. Diese Ergebnisse - zusammen mit ähnlichen Erkenntnisse über Landlebewesen - zeigten, so die Forscher, dass es "überzeugende Indizien" für die Folgen der klimatischen Veränderungen in der Erdatmosphäre gebe.

Seit rund zwei Jahrzehnten zeigen zudem Satellitenaufnahmen, dass sich in nördlichen Breiten die Wachstumsperiode der Wälder teils deutlich verlängert hat. Bislang konnte ein Zusammenhang mit klimatischen Veränderungen nicht eindeutig nachgewiesen werden. Doch jetzt ist es einem internationalen Forscherteam um Wolfgang Lucht vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung gelungen, genau diese Verbindung herzustellen.

Geholfen hat dabei ein Computermodell, das die Wissenschaftler mit den Klimadaten der vergangenen 20 Jahren gefüttert haben. Das Ergebnis der Berechnungen - die von Blättern bedeckte Fläche sowie der Beginn und das Ende der Wachstumsperiode - stimmte mit den Beobachtungen überein und kann, so die Forscher, hauptsächlich auf veränderte Temperaturen zurückgeführt werden.

Selbst der Ausbruch das Vulkans Pinatubo im Jahr 1991 mit seinen negativen Folgen für das Wachstum der Bäume konnte simuliert werden: Da in Folge der Eruption weniger Strahlung die Erdoberfläche erreichen konnte, sanken kurzfristig auch die Temperaturen; die Natur reagierte entsprechend.

Für Wolfgang Lucht eine bemerkenswerte Erkenntnis: "Wenn wir die Ursachen dieser Veränderungen verstehen, ist das ein wichtiger Schritt hin zur Unterscheidung zwischen natürlichen und von Menschen ausgelösten Störungen der Ökosysteme."

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