Naturkatastrophe Haiti droht weiteres Starkbeben

Die Erde unter Haiti kommt nicht zur Ruhe. Ständig erschüttern Nachbeben die Katastrophenregion - und der nächste vernichtende Schlag könnte unmittelbar bevorstehen: Forscher erwarten binnen drei Monaten das nächste Starkbeben.

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Desaster in Port-au-Prince: Der Klick aufs Bild startet die interaktive Grafik

Die Erde in Haiti rumort weiter. Seit Dienstag haben mehr als 40 Nachbeben mit mehr als Stärke 4,5 die Region erschüttert; noch stärkere Schläge werden wohl folgen. Besonders Häuser, die das Hauptbeben beschädigt hat, drohen einzustürzen. Auch die Hilfsmannschaften sind in Gefahr.

Selten wurde der Untergrund der Karibik derart heftig zerrüttet. Die Wucht des Bebens der Stärke sieben am Dienstag entsprach dem Aufschlag eines 100 Meter dicken Meteoriten. Nun wird es dauern, bis der Boden zur Ruhe kommt.

Die Erdbebengefahr in Haiti ist damit größer denn je. Während Hauptbeben Jahrhunderte auf sich warten lassen können und überraschend auftreten, kommen Nachbeben unweigerlich. Das heftigste fällt erfahrungsgemäß um eine Magnitude niedriger aus als das Hauptbeben. Seismologen rechnen deshalb jederzeit mit einem Beben der Stärke sechs.

Zudem ereignete sich das Hauptbeben in der extrem geringen Tiefe von zehn Kilometern. Bei Nachbeben ist es in der Regel nicht anders - und in diesem Fall dürfte ein Erdstoß der Stärke sechs erneut verheerende Folgen für die ohnehin angeschlagene Bausubstanz in Port-au-Prince haben.

Das gilt selbst für weitaus schwächere Beben: Ein Schlag der Stärke fünf hätte zwar nur ein Tausendstel der Energie des Hauptbebens, würde aber wohl dennoch viele Gebäude zum Einsturz bringen, sollte es sich nahe einer Siedlung ereignen. Gefährdet sind auch Stadtteile von Port-au-Prince, die vom Beben am Dienstag verschont wurden. Entsprechend verängstigt reagieren die Bewohner nun bei jedem Zittern der Erde: Viele rennen in Panik auf die Straße.

Erdstöße breiten sich auf rätselhafte Weise aus

Zudem bereiten rätselhafte Fernwirkungen den Forschern Sorgen. Wenn das Gestein an der Grenze zweier Erdplatten bricht, bebt die Erde. Nachbeben ereigneten sich dann nur entlang des betroffenen Bruchs - das zumindest haben Seismologen lange geglaubt. Das war eine komfortable Annahme, denn Risikozonen wären demnach gut einzugrenzen. Ähnlich wie bei zerknülltem Papier, das noch eine Weile knistert, baut sich dieser Theorie zufolge bei einem Beben entlang des Bruchs Spannung auf, die sich in den folgenden Wochen bei Nachbeben entlädt.

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Vorher-nachher-Bilder: Was das Beben in Haiti angerichtet hat
Doch Erdstöße können sich geradezu spukhaft fortpflanzen. Manche Nachbeben ereignen sich auf Nachbar-Brüchen, die gar nicht mit dem Bruch verbunden sind, der für das Hauptbeben verantwortlich war. Für Metropolen wie Port-au-Prince, die von vielen Gesteinsverwerfungen durchzogen sind, ist das besorgniserregend: Das Nachbeben könnte überall zuschlagen. Selbst in weiter Entfernung gibt es keine Sicherheit: 1992 schreckte ein Erdbeben nahe der Ortschaft Landers in Kalifornien die Fachwelt auf: Noch Hunderte Kilometer entfernt ruckelte es in den nachfolgenden Monaten.

Geysire brachten die Wissenschaftler schließlich auf die Lösung des Rätsels. Die Heißwasserfontänen im Yellowstone-Park in den USA sprühten wie wild nach manchen Beben, die sich Tausende Kilometer entfernt ereignet hatten. Die Spannungsverlagerung entlang von Brüchen schied als Ursache aus. Nur die Erdbebenwellen kamen als Auslöser in Frage: Sie breiten sich kreisförmig vom Bebenzentrum her aus.

Dass die Wellen in großer Entfernung nicht nur Grundwasser, sondern auch den Boden selbst in Wallung bringen können, sollten Studien der Jahre 2006 und 2008 bestätigten. Für Haiti und Umgebung ist das eine beunruhigende Erkenntnis. Nachbeben könnten demnach auch Gebiete in größerer Entfernung treffen.

Starkbeben beeinflussen ganze Erdplatten

Satellitendaten offenbarten dann die enormen Nachwirkungen von Starkbeben: Sie können ganze Erdplatten in Bewegung setzen, wie GPS-Messungen bewiesen haben. Nach schweren Beben in Japan zeigte sich, dass sich kontinentgroße Gesteinsblöcke schneller bewegten als zuvor. Anscheinend quoll nach einem Beben Wasser aus der Erdkruste: Wie Schmiermittel verringerte es die Reibung zwischen den Schollen.

Wie lange Nachbeben andauern, hängt vor allem von der Geschwindigkeit der Erdplatten ab, die entlang des betreffenden Bruchs aneinander vorbeischrammen. Hier ist Haiti im Vorteil, denn dort kommen die Gesteinsblöcke immerhin mit mehreren Zentimetern pro Jahr voran. Dennoch: Ein schweres Nachbeben kann sich auch noch in drei Monaten ereignen, wie die Daten früherer Erdstöße zeigen. Erst wenn die Erdbebentätigkeit wieder auf das Niveau aus der Zeit vor dem Starkbeben gesunken ist, gilt die Nachbebenaktivität als beendet.

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Haiti: Inselstaat in der Erdbebenzone
Der verharmlosende Ausspruch "es sind nur Nachbeben" sollte allerdings getilgt werden, meint die Seismologin Lucy Jones von der Geologiebehörde der USA. Jones verweist darauf, dass etwa in Kalifornien ein Drittel aller Starkbeben seit 1932 Nachbeben waren.

Für Wissenschaftler hat das stete Rütteln auch sein Gutes. Nachbeben dienen ihnen als wichtige Datenquelle: Sie zeichnen Brüche in der Erdkruste nach. So lassen sich potentielle Risikozonen erkennen.

insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Galaxia, 15.01.2010
1. Erdbeben Luftdruck
Zitat von sysopDie Erde unter Haiti kommt nicht zur Ruhe. Ständig erschüttern Nachbeben die Katastrophenregion - und der nächste vernichtende Schlag könnte unmittelbar bevorstehen: Forscher erwarten binnen drei Monaten das nächste Starkbeben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,672074,00.html
Was wir hier erleben ist der Vorgeschmack der Klimakatastrophe.
Deeshaidy 15.01.2010
2. das habt ihr toll gemacht
Liebe Spiegel Radaktion, ein großes Lob an eure Computerspezialisten in eurer Redaktion. Die scheinen sich mit Photoshop o.ä. sehr gut auszukennen. Ich spreche die Fotostrecke : Vorher-Nachher-Bilder an. Da ist auf dem 8. Bild eine Google Earth Satellitenaufnahme des Hafengeländes vor und auf bild Nr. 9 nach dem Beben zu sehen. Das Bild 8 habt ihr wunderbar bearbeitet, denn bei Google Earth sehen die Aufnahmen von 2009 genau gleich aus wie euer "nach dem Beben" Bild Nr.9 des Hafens. Nur leider viel zu farbintensiv und viel zu neu. Tja es ist aufgefallen und ich finde es eine Schweinerei die Leser damit hinters Licht zu führen. Die Situation ist schlimm genug und die Katastrophe groß genug, aber SpiegelOnline setzt noch einen drauf. Hauptsache jede Menge Bilder. Versucht doch bitte lieber weniger, dafür zuverlässiges Material zu liefern. Bin schwer enttäuscht.
dt1011047 15.01.2010
3. Vorher-Nachher-Bilder -- Fehler?
In der Vorher-Nachher-Galerie scheinen mir die Bilder 8 und 9 nicht zu stimmen: Das Nachher-Bild #9 scheint mir eher von einer Zeit vor Bild 8 zu stammen, denn weder sind außerhalb des Blocks in der Mitte zerstörte Häuser zu erkennen, noch sieht es im mittleren Block nach Überresten der vorher gezeigten Häuser aus. Aber ist das überhaupt relevant angesichts der Tragödie dort? (Wie hieß es im Artikel: Mehr Ärzte, weniger Journalisten!)
medienquadrat, 15.01.2010
4. ...
Einerseits werden Naturkatastrophen immer bverheerendere Ausmaße bekommen, weil es immer mehr Ansiedlungen von Menschen in prekären Gebieten gibt, andererseits, scheint sich auch die Plattentektonik weltweit verändert zu haben. Gefühlt oder objektiv, Erdbeben und Vulkanausbrücke mehren sich.
hansi99 15.01.2010
5. welche Klimakatastrophe ?
Zitat von GalaxiaWas wir hier erleben ist der Vorgeschmack der Klimakatastrophe.
Erdbeben gibt es seit Anbeginn der Erde. Wir leben auf einer sehr, sehr dünnen erkalteten Erdkruste. Und die Platten verschieben sich auch ohne uns und ohne Rücksicht auf die gerade vorliegenden ppm an CO2 in der Athmosphäre.
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