Naturschutz am Amazonas Wie Brasilien den Regenwald zum Profit-Center machen will

Testfall am Amazonas: Naturschützer in Brasilien wollen zeigen, dass Artenschutz und wirtschaftliche Expansion zusammenpassen. Der Umweltminister des Bundesstaats Pará hat dafür einen eigenen Plan - er behandelt den größten Regenwald der Welt wie einen Konzern, der endlich in die Gewinnzone muss.
Von Christian Schwägerl

In der Hightech-Kommandozentrale am Rand von Brasilia flackern alarmierende Bilder über die Leinwand: Ein Lastwagen transportiert Holz aus einem Regenwaldschutzgebiet. Rinder weiden, wo eigentlich Bäume stehen sollten. Aufgenommen wurden die Übeltaten aus 7000 Meter Höhe, mit potenten Aufklärungsflugzeugen, wie sie sonst nur die US-Luftwaffe nutzt.

In Echtzeit können die Mitarbeiter des brasilianischen Zentrums für Entwaldung verfolgen, wie der Amazonas-Regenwald zerstört wird - eine der größten und wichtigsten Schatzkammern der Natur. Satelliten und Überwachungsflugzeuge liefern gestochen scharfe Bilder von dem Öko-Desaster, dem bereits 20 Prozent des heute 3,65 Millionen Quadratkilometer großen Waldes zum Opfer gefallen sind. Im berüchtigten Feuerbogen am Südrand des Waldes stoßen Holzfäller, Viehzüchter und Sojabauern immer weiter vor.

Ob aber die Entwaldung des Amazonas-Gebiets im vergangenen halben Jahr wieder dramatisch zugenommen hat oder doch nicht, darüber macht die Regierung von Staatspräsident Luis Inácio Lula da Silva derzeit widersprüchliche Angaben.

Die zurückgetretene Umweltministerin Marina Silva behauptet, es würden wieder deutlich größere Flächen eingeschlagen als in den Vorjahren. Das nahm sie zum Anlass für harte Angriffe auf die Holz- und Sojabarone. Beim Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte Präsident Lula nun aber, diese Behauptung stimme gar nicht, die Entwaldungsrate bleibe gering.

Die Datenlage wird spätestens im August geklärt sein, wenn die genaue Auswertung der Luftaufnahmen vorliegt. Hinter dem Streit um Zahlen verbirgt sich freilich Größeres: Marina Silva wollte Brasilien auf der Uno-Artenschutzkonferenz in Bonn als Großmacht des Naturschutzes und der nachhaltigen Entwicklung darstellen. Präsident Lula legt das Gewicht dagegen eindeutig auf einen schnellen wirtschaftlichen Boom seines Landes - auch auf Kosten der Natur.

Noch hofft Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) darauf, dass Brasilien bei den Verhandlungen bis zum 30. Mai eine konstruktive Rolle einnehmen wird. Bei seiner Brasilien-Reise Anfang Mai hatte er Hoffnung geschöpft. Die allerdings ruhte auf der nun zurückgetretenen Ministerin Silva.

Brasilien spielt eine Schlüsselrolle bei der Frage, ob Industrienationen und Tropenländer sich auf einen Deal einigen können, wie sie sich künftig die Profite aus der Nutzung genetischer Ressourcen teilen werden, etwa wenn Pharma- oder Kosmetikwirkstoffe aus dem Regenwald zum Verkaufsschlager werden. Dieses "Access-and-Benefit-Sharing" (ABS) zählt zu den zentralen Streitpunkten der Konferenz. Brasilien forderte bisher weitreichende Rechte für die "Inhaber" der Artenvielfalt.

Auch die Kontroverse um die Umweltverträglichkeit von Biokraftstoffen berührt strategische Interessen des Landes. Der Tag der Biodiversität am 22. Mai gilt dem Problem, dass intensive Landwirtschaft den Artenschwund verstärkt. Dabei setzt Brasilien gerade dazu an, riesige Agrarflächen für Biokraftstoffe und Sojaanbau zu schaffen. Und schließlich geht es um neue Schutzgebiete, bei denen Brasilien zwar internationales Geld, aber keine Auflagen akzeptieren möchte.

In Ermangelung von Marina Silva dürfte in Bonn Valmir Gabriel Ortega, der Umweltminister des riesigen Bundesstaates Pará, zum wichtigsten Vertreter einer progressiven brasilianischen Umweltpolitik avancieren.

Der 40 Jahre alte Politiker ist ein ökologischer Pionier: Im Amazonaswald sieht er nicht nur zeitlose Wildnis. Sondern so etwas wie einen Großkonzern, der endlich in die Gewinnzone gelangen muss, um zu überleben. Ortega will eine "Synthese von Ökologie und Wirtschaft", während Präsident Lula da Silva immer offener der ungehemmten Entwicklung das Wort redet. Anfang Mai hat Ortega seinem deutschen Kollegen Gabriel in der Nähe von Santarem einige Schutzprojekte gezeigt, die mit deutscher Entwicklungshilfe finanziert wurden.

Pará, fast vier Mal so groß wie Deutschland, hat die höchste Abholzungsrate im ganzen Amazonasgebiet. "Allein die illegalen Holzfäller von Pará erwirtschaften mit der Zerstörung des Waldes 800 Millionen Euro im Jahr", sagte Ortega. "Unsere Bevölkerung muss eine Summe in dieser Größenordnung mit dem Schutz des Waldes verdienen, sonst ist der Anreiz zum Abholzen einfach zu groß."

"Die Holzdiebe werden reich, wir bleiben arm"

Den dampfenden, duftenden Regenwald betrachtet Ortega als eines der wichtigsten Dienstleistungsunternehmen der Welt: Der Wald funktioniert als globale Klimaanlage, weil er Kohlendioxid und Süßwasser in gigantischen Mengen speichert. Er birgt biologische Lösungen für drängende Menschheitsfragen, für neue Medikamente und Lebensmittel. Seine Bewohner speichern Naturwissen aus Jahrtausenden.

Mitten im sanften Naturidyll findet der Umweltminister nur harte Worte: Eine Chance habe der Amazonas nur, wenn seine Kunden - und das sind alle Menschen der Erde - endlich für die Dienstleistungen bezahlen, die sie bisher kostenlos in Anspruch genommen haben.

Deshalb schipperte Ortega mit Gabriel, dem Gastgeber von Bonn, den Tapajos-Fluss hinauf. Der Mann aus Deutschland sollte Maguari und Suruacá sehen, zwei ökologische Musterdörfer. Die Menschen hier versuchen, von den Früchten des Waldes zu leben, statt ihn abzuholzen. Sie verkaufen Hocker aus Fallholz, Handtaschen aus Kautschuk, Schmuck aus Nüssen in die brasilianischen Metropolen. Doch trotz erheblicher deutscher Entwicklungshilfe sind die Einnahmen bisher mager.

Die Einwohner hatten eine klare Botschaft an die beiden Umweltpolitiker: "Die Verbrecher, die den Wald abholzen lassen, werden reich, und wir bleiben arm." Gabriel und Ortega wurden sich schnell einig, dass im globalen Naturschutz ein neues Zeitalter anbrechen muss: "Erst wenn Länder wie Brasilien mit dem Schutz ihrer Regenwälder Profite einfahren, werden wir einen Durchbruch im weltweiten Naturschutz erreichen", sagte Gabriel. Der Sozialdemokrat zuckte zusammen, als Ortega ihm erzählte, wie er gerade mit harten Razzien 2500 Arbeitsplätze in der illegalen Waldrodung ausgelöscht hat. "Wenn Sie diesen Menschen nichts Neues bieten, fliegt Ihnen das doch um die Ohren", sagte Gabriel.

Lula lehnt Auflagen ab

Der gelernte Geograf Ortega hat bereits einen Businessplan ausgearbeitet: "Wir müssen die gesamte Wirtschaft umstellen", sagt er. Er bietet dem Weltmarkt an, die Öko-Funktionen des Amazonas zu erhalten und zehn Millionen Hektar neue Schutzgebiete auszuweisen. Im Gegenzug müssten die Menschen im Westen in Zukunft ein Vielfaches für Holz, Soja und Rindfleisch bezahlen, um Naturschutz sicherzustellen. Sie würden die Amazonas-Bewohner dafür entlohnen, dass sie den Wald als Kohlendioxidspeicher stehen lassen.

Doch es ist mehr als fraglich, ob sich auch Präsident Lula auf diesen sanfteren Entwicklungspfad begeben will. Alles hängt von den Plänen für die nationale Flächennutzung ab, die in Brasilia gerade erarbeitet werden und im Juli vorliegen sollen. Bei der "Zonierung" soll festgelegt werden, welche Gebiete für Zuckerrohr, Soja und Viehzucht zur Verfügung stehen und welche unter Schutz bleiben. Den Ausbau der Landwirtschaft durch Öko-Auflagen zu bremsen, etwa durch die von Kanzlerin Merkel und Umweltminister Gabriel geforderte Zertifizierung für Biokraftstoffe, hat der Präsident kühl zurückgewiesen.

Umso neugieriger sind die deutsche Bundesregierung und Umweltschutzorganisationen, ob und wie Brasilien auf der Bonner Konferenz Glaubwürdigkeit in Umweltfragen demonstrieren will.

Valmir Gabriel Ortega versucht es auf seine eigene Weise. Nach Bonn nimmt er seinen Plan mit, nicht nur ein Bäumchen zu pflanzen, sondern eine Milliarde Bäume. Die sollen auf Rodungsflächen eine nachhaltige Forstwirtschaft begründen und den Holzfällern einen "grünen Riegel" vorschieben. Sofern sich Investoren dafür finden.


"Marktplatz der Natur": Wie viel ist uns die Schöpfung wert? Lesen Sie in der Titelgeschichte des aktuellen SPIEGEL, wie bei der Konferenz in Bonn eine Revolution im Naturschutz angezettelt werden soll und wie die Erhaltung von Wäldern, Kräutern und Riffen zum neuen Milliardengeschäft werden soll.

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