Navigation Zugvögel folgen innerer Karte

Zugvögel sind Meister der Navigation. Selbst wenn man Jungtiere bei ihren Langstreckenflügen in Ost-West-Richtung versetzt, finden sie sicher ihr Ziel. Das haben Versuche von Vogelzugforschern jetzt ergeben. Wie die Tiere das schaffen, ist aber noch ein Rätsel.


Zugvögel nutzen viele Orientierungshilfen: tagsüber den Sonnenstand, nachts den Sternenhimmel. Und sie nutzen auch das Magnetfeld der Erde zur Navigation. Damit können sie ihre Nord-Süd-Position, die geografische Breite, bestimmen. Unbekannt aber war bislang, ob und wie eine Navigation in Ost-West-Richtung erfolgt.

Zugvögel: Navigation auch in Ost-West-Richtung
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Zugvögel: Navigation auch in Ost-West-Richtung

Bei ihrem Rückweg aus den Winterquartieren in Westafrika nach Nordeuropa können Zugvögel aber sowohl ihre Position in Nord-Süd- als auch in Ost-West-Richtung abschätzen und Abweichungen vom Weg in die nördlichen Brutgebiete kompensieren. Das schaffen sogar Jungvögel, die den Rückweg das allererste Mal in ihrem Leben fliegen. Das haben Zoologen um Henrik Mouritsen von der Universität Oldenburg durch Untersuchungen am Zug des Teichrohrsängers gezeigt.

Die Forscher haben 13 der Vögel während ihrer normalen Route aus ihren Winterquartieren zurück eingefangen und die Vögel in Käfigen versetzt - um 1000 Kilometer nach Osten. Normalerweise lagen die Brutgebiete für die Vögel in nordöstlicher Himmelsrichtung. Von dem neuen Ort weiter im Osten hätten die Vögel jedoch in nordwestlicher Richtung fliegen müssen, um die Brutgebiete in Nordeuropa zu erreichen. Erstaunlicherweise ließen sich die Vögel nicht irritieren und strebten sofort in die richtige Himmelsrichtung Nordwest, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Current Biology" (Bd. 18, S. 1).

Navigation mit Jetlag-Effekt?

"Die Überraschung war so groß, dass wir in den folgenden zwei Jahren den Versuch nochmals wiederholten, um ganz sicher zu gehen", sagt Mouritsen. Die Vögel befanden sich während der Tests in Käfigen. Sie hüpften darin in ihre gewünschte Flugrichtung. Dabei hinterließen sie auf druckempfindlichem Papier Spuren, anhand derer die Forscher die Richtung bestimmen konnten - eine in der Vogelzugforschung gängige Methode.

Den Vögeln gelang die Navigations-Meisterleistung schon beim ersten Winterquartier-Rückflug ihres Lebens. Das Forscherteam fand heraus, dass die jungen Zugvögel die neue Fähigkeit zur Ost-West-Orientierung erst auf dem Rückweg erlangen: "Ein junger Zugvogel, den man bei seinem allerersten Zug auf dem Hinweg in die Winterquartiere in Ost-West-Richtung versetzen würde, würde sich verirren", sagte Mouritsen SPIEGEL ONLINE. "Auf seinem ersten Hinflug navigiert er nur nach Magnetfeld."

Wie die Vögel die Orientierung in Ost-West-Richtung schaffen, ist noch nicht geklärt. Zwei Erklärungen ziehen die Forscher in Betracht. Einerseits könnten die Vögel geringe Variationen im Magnetfeld der Erde in Ost-West-Richtung zur Navigation nutzen. "Damit hätten sie eine grobe Vorstellung davon, wo sie sind", sagt Mouritsen. Oder sie nutzen eine Art Jetlag-Effekt: Anhand von zwei verschiedenen Hirnstrukturen könnten die Vögel den Unterschied zwischen der lokalen Zeit, an die sie durch das Tageslicht als Taktgeber, angepasst sind, mit der neuen Zeit an ihrem neuen Ort verrechnen.

"Eine der beiden Hirnstrukturen passt sich schneller an die neue Zeit an. Ein Vogel kann sich, ähnlich wie der Mensch, pro Tag an eine Zeitverschiebung von einer Stunde anpassen." Bei Versetzung der Vögel in Ost-West-Richtung ergäbe sich also eine Zeitverschiebung in bestimmtem Ausmaß. Aus der Differenz der einen inneren Uhr, die noch an die alte Zeit angepasst ist, und der anderen, die die veränderte Sonnenaufgangszeit registrieren würde, könnten die Vögel die Information über ihre Ost-West-Position berechnen. "Man weiß, dass Mäuse das können", sagt Mouritsen. "Ob auch Vögel dazu in der Lage sind, müssen wir erst noch herausfinden."

lub/ddp



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