Anthropologie Neandertaler im heutigen Spanien waren Vegetarier

Neandertaler gelten als Prototyp des fleischliebenden Menschen. Doch das stimmt nicht, berichten Forscher: Unsere Verwandten aßen, was sie kriegen konnten.
Cousin Neandertaler: Aß grüner als gedacht

Cousin Neandertaler: Aß grüner als gedacht

Foto: Federico Gambarini/ dpa

Eine aktuelle Studie fegt 150 Jahre alte Klischees und vermeintliche Gewissheiten beiseite: Im Fachblatt "Nature"  veröffentlicht ein internationales Forscherteam in dieser Woche eine Analyse, die der Ernährungsweise der Neandertaler auf den Grund geht. Und wie viele Studien der letzten Jahrzehnte hat auch diese das Zeug, das Bild unseres ausgestorbenen Vetters gehörig zu revidieren.

Die landläufige Vorstellung vom Neandertaler ist noch immer vom Klischee des Fleisch-verschlingenden, tumben "Vormenschen" geprägt. Wer Neandertaler hört, hat meist einen muskulös-gedrungenen, intellektuell minderbemittelten Mammutjäger vor Augen, der in Höhlen hauste. Es ist eine in den letzten Jahrzehnten bereits vielfach widerlegte Vorstellung.

Und nun entpuppt er sich auch in seiner Ernährung als verblüffend vielseitig, wie die nun veröffentlichte Studie zeigt. Je nach Region ernährte er sich überwiegend von Fleisch oder aber - und das ist die Überraschung - offenbar vegetarisch.

Künstlerisch begabt?

Rein körperlich, das weiß man inzwischen, würde ein modern gekleideter Neandertaler in keiner Fußgängerzone auffallen. Intellektuell mag er träger gewesen sein als der heutige Durchschnittsbürger, aber auch er nutzte Werkzeuge, produzierte Kleidung, Schmuck, vielleicht auch Kunst.

Er scheint rituelle Konzepte gehabt zu haben, er begrub seine Toten. Höhlen bewohnte er wahrscheinlich saisonal - und zwar dort, wo er welche vorfand. In den rauen Jahreszeiten nahm er auch den Schutz überhängender Felsen in Anspruch, er mag Zelte genutzt und vielleicht auch einfache Unterstände gebaut haben.

Wie anders war der Neandertaler wirklich?

An mehreren Orten kam es zu unterschiedlichen Zeiten zur Kreuzung der zwei Menschheits-Linien: Genetisch sind wir Europäer darum zu einem kleinen Teil auch Neandertaler. Auch dass es Hinweise auf Kannibalismus unter Neandertalern gab, unterscheidet ihn nicht von heutigen Menschen.

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Blass, blond, blauäugig: Der Neandertaler, ein Proto-Europäer

Foto: A9999 Kurt Finstermeier/ dpa

Was uns vom Neandertaler trennt, ist die unterschiedliche Lebensweise und eine in Teilen andere Physis. Neandertaler waren zäher und kräftiger als wir. Ihre Arme und Schultern waren enorm muskulös. Wir wissen, dass sie mit Stoßwaffen tonnenschwere Beutetiere attackierten.

Sie überlebten unter widrigsten Klimabedingungen. Manche Forscher glauben, dass das alles nur möglich war, weil ihre Ernährung auf einem enormen Fleischanteil beruhte - auf der denkbar energiereichsten Kost also. Die Neandertaler hätten diesen hohen Prozentsatz fleischlicher Nahrung physisch gebraucht. Es gibt die These, ihr Aussterben hänge auch mit dem Verschwinden der eiszeitlichen Megafauna zusammen - ihnen sei damit schlicht die Nahrungsgrundlage entzogen worden.

Verräterischer Belag

Das aber deckt sich nicht mit den Erkenntnissen, welche die aktuelle Studie aus detaillierten Gen-Analysen zieht. Untersucht wurde dabei nicht das Erbgut der Neandertaler, sondern das der Bakterien, die man im Zahnbelag gefunden hat.

Ihre Zusammensetzung ist ernährungsspezifisch. Wer sich täglich ein Schnitzel grillt, hat eine andere Mundflora als jemand, der sich von Möhren und Salat ernährt. Auch andere Stoffe, die man den gegessenen Speisen direkt zuordnen kann, lagern sich im Plaque ab.

So gibt das, was man zwischen ihren fossilen Zähnen findet, bis heute Auskunft über den Speiseplan der Neandertaler. Und was genau der aß, hing davon ab, wo er lebte.

Paleo-Küche: Deftiger Norden, leichterer Süden

Krasse Unterschiede stellten die Forscher fest zwischen den Ernährungsweisen nördlicher, vor rund 48.000 Jahren im heutigen Belgien lebender Neandertaler und solcher, die zeitgleich im heutigen Nordspanien lebten. Auf eine kurze Formel gebracht lässt sich der Neandertaler-Speiseplan so herunterbrechen: Gegessen wurde, was auf den Tisch kam.

Im Norden standen gern Wollnashorn und Mufflon-Schaf auf dem Speiseplan, garniert mit Pilzen, sonst aber war die Ernährung weitgehend gemüsefrei. Im Süden ernährten sich Neandertaler von Nüssen, Pilzen und Wildpflanzen.

Testen Sie Ihr Wissen!

Hinweise auf tierische Nahrungsbestandteile fanden die Forscher bei den untersuchten Vertretern der nordspanischen Population hingegen nicht. Zumindest sie scheinen also vor allem vegetarisch, als Nahrungssammler im Wald gelebt zu haben. Was pragmatische Gründe gehabt haben dürfte: Von Neandertaler-Populationen in Südspanien weiß man, dass sie als Fischer und Meeresfrüchte-Sammler lebten. Otto Normalneandertaler aß halt, was er in seinem Biotop finden konnte.

Nordspaniens Nahrungssammler unterschieden sich von ihren Stoß-Speer-schwingenden Cousins im Norden auch in anderer Hinsicht: Sie wussten besser, was man gegen Verletzungen und Erkrankungen unternehmen konnte. In ihrem Zahnbelag fanden die Forscher Spuren schmerzstillender Substanzen sowie von Penicillin produzierenden Pilzen. Auch hier konnten sie aber wohl auf ein anderes, in dieser Hinsicht besseres Angebot zurückgreifen. Medizinische Nutzung von Heilpflanzen hatte man auch schon bei Neandertalern aus der Levante nachgewiesen.