Insektizide Pflanzenschutzmittel lässt weniger Hummeln Eier legen

Insektizide sollen Pflanzen vor unliebsamen Krabbeltieren schützen. Allerdings schaden die Substanzen auch nützlichen Insekten. Hummeln könnten sogar aussterben, warnen Forscher.
Hummel sammelt Nektar und Pollen

Hummel sammelt Nektar und Pollen

Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

Bestimmte Pflanzenschutzmittel sind für Hummeln zwar nicht unmittelbar tödlich - jedoch führen sie offenbar zu weniger Nachwuchs. In einem Laborexperiment ließ ein Wirkstoff aus der Gruppe der weit verbreiteten Neonicotinoide die Zahl eierlegender Hummelköniginnen um 26 Prozent schrumpfen. Neonicotinoide sind hochwirksame Insektizide, die auf die Nervenzellen von Insekten einwirken. Sie sind in mehr als 120 Ländern zugelassen.

Für das Überleben einer Population habe das dramatische Folgen, berichten britische Forscher im Fachjournal "Nature Ecology & Evolution". Kommt die Substanz verbreitet zum Einsatz, stehen die Chancen für die Hummeln auszusterben bei etwa 28 Prozent - und das sei noch vorsichtig geschätzt, so die Forscher. Das gehe aus einer Modellrechnung der Studienergebnisse hervor.

Die Wissenschaftler hatten eine sehr sensible Phase im Lebenszyklus der Dunklen Erdhummel (Bombus terrestris) betrachtet: Nach dem Winterschlaf sind die Königinnen auf sich allein gestellt, wenn sie ein Nest bauen. Fressfeinde, Parasiten und Krankheiten oder eben Umweltgifte können ihnen dann schwer zusetzen.

Das Team ließ 319 befruchtete Hummelköniginnen überwintern und variierte dabei drei Faktoren: die Länge des Winterschlafs, den Befall mit einem Parasiten und das Vorhandensein des Pflanzenschutzmittels Thiamethoxam, das vor allem als Holzschutzmittel verwendet wird und zu den Neonicotinoiden gehört. Die Forscher setzten die Tiere einer Dosis aus, wie sie auch durch landwirtschaftlichen Pestizideinsatz in der Natur vorkommt.

Das Ergebnis: Ein kurzer Winterschlaf wie auch der Befall mit Parasiten verringerten die Wahrscheinlichkeit, dass eine Hummelkönigin Eier legte. In einem weiteren Schritt wurde etwa die Hälfte der Hummelköniginnen zwei Wochen lang mit einem Sirup gefüttert, der mit Thiamethoxam belastet war. Anschließend beobachteten die Forscher die Hummeln für weitere zehn Wochen.

"Wenn Königinnen keine Eier legen, können Hummeln aussterben"

Es zeigt sich, dass die mit dem Pflanzenschutzmittel belasteten Königinnen früher und seltener Eier legten. Demnach pflanzten sich in der unbelasteten Kontrollgruppe 26 Prozent mehr Königinnen fort. Den Zeit-Effekt erklären die Forscher mit einem Phänomen, das auch von anderen biologischen Arten bekannt ist: Gibt es in einem Jahr besonders viele Feinde oder anderen Umweltstress, beginnen manche Tiere früher als üblich sich fortzupflanzen.

Insgesamt könnten Pflanzenschutzmittel für Hummeln zu einem erheblichen Problem werden. "Wenn Königinnen keine Eier produzieren und neue Völker hervorbringen, ist es möglich, dass Hummeln ganz aussterben", sagte Gemma Baron, die an der Studie mitgearbeitet hat.

Bienensterben korreliert offenbar mit Einsatz von Neonicotinoiden

Für Dirk Süßenbach vom Umweltbundesamt (UBA) fügt sich die aktuelle Studie in das Bild zahlreicher Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre ein: Immer wieder seien die Gefahren, die von Neonicotinoiden für Hummeln, Bienen und andere bestäubende Insekten ausgehen, aufgezeigt worden. "Es ist schon auffällig, dass der Rückgang von Bienenpopulationen und anderen Insekten in verschiedenen Regionen in etwa mit dem Beginn des Einsatzes von Neonicotinoiden zusammenfällt."

Die Bedenken gegen den Einsatz von Neonicotinoiden betreffen vor allem drei Eigenschaften: Die mobilen Moleküle werden in alle Pflanzenteile, auch die Blüten und Pollen, aufgenommen und verbreiten sich zudem in der Umwelt. Die Wirkstoffe bleiben sehr lange in der Natur. Und sie sind schon in geringen Mengen wirksam.

Thiamethoxam, Imidacloprid und Clothianidin

Deshalb befürworte das UBA ein weitgehendes Verbot von Neonicotinoiden, wie es die EU-Kommission vorgeschlagen hat. Die Wirkstoffe Thiamethoxam, Imidacloprid und Clothianidin sind bereits für das Beizen von Saatgut mit Ausnahme der Futter- und Zuckerrübe und als Spritzmittel in blühenden Kulturen verboten, andere Anwendungen sind jedoch noch erlaubt. So darf beispielsweise das Saatgut von Weizen und Gerste weiterhin mit Neonicotinoiden behandelt werden, wenn die Aussaat zwischen Juli und Dezember erfolgt. Eine Behandlung der Blätter ist dagegen verboten.

Erst kürzlich hatte ein Team um Ben Woodcock vom britischen Natural Environment Research Council gezeigt, dass Neonicotinoide die Überwinterungsfähigkeit und den Fortpflanzungserfolg von Bienen und Hummeln beeinträchtigen können. Eine weitere Studie zeigte, dass Pestizide die Lebensspanne und Fruchtbarkeit männlicher Honigbienen deutlich senken. Frühere Studien legten zudem nahe, dass die Wirkstoffe das Gedächtnis und den Orientierungssinn von Bienen beeinträchtigen . Im vergangenen Jahr zeigten Wissenschaftler außerdem, dass vermutlich auch Wildbienen und Schmetterlinge unter Neonicotinoiden leiden.

koe/dpa