Pflanzenschutzmittel Pestizide gefährden Zugvögel

Neonikotinoide gelten als Gefahr für Insekten. Doch das Pflanzenschutzmittel schadet auch Zugvögeln, bestätigt eine Studie aus Kanada. Die Vergiftung stört den Reiserhythmus der Tiere.

In der Natur ist das richtige Timing oft ganz entscheidend. Das gilt beispielsweise für den Zyklus der Pflanzen, deren Wachstum den Jahreszeiten unterliegt. Das gilt aber auch für das Wanderverhalten von Tieren.

Einer neuen Studie zufolge können Umweltgifte einen negativen Einfluss auf solche Rhythmen haben. Das haben Forscher am Beispiel von Zugvögeln gezeigt. Die Schadsubstanzen sind demnach indirekt am Rückgang der Bestände beteiligt.

Das Mittel Imidacloprid aus der Klasse der Neonikotinoide führte zu Gewichtsverlust und längerer Rastdauer bei Dachsammern (Zonotrichia leucophrys), berichten Forscher um Margaret Eng von der University of Saskatchewan in Saskatoon (Kanada) in der Fachzeitschrift "Science". 

Viele synthetische Pestizide vernichten auf dem Acker nicht nur unerwünschte Insektenoder Krankheitserreger, sondern auch nützliche oder zumindest unschädliche Organismen dazu. Zu den wohl bekanntesten - und umstrittensten - Mitteln zählen der Unkrautvernichter Glyphosat und die sogenannten Bienengifteaus der Gruppe der Neonikotinoide.

Für die Studie fingen die Biologen Singvögel im Süden der kanadischen Provinz Ontario ein. Dort rasten im Frühjahr zahlreiche Zugvögel und nehmen viel Futter zu sich, bevor sie zu den Brutgebieten im Norden weiterfliegen. Die Forscher verabreichten den Versuchstieren eine Dosis des Mittels Imidacloprid, die etwa zehn Prozent der tödlichen Dosis entspricht. Diese Menge können Vögel auch in freier Natur in kurzer Zeit aufnehmen.

Die Dachsammern fraßen anschließend 70 Prozent weniger als die Tiere in der Kontrollgruppe und verloren innerhalb von sechs Stunden sechs Prozent an Körpermasse, hauptsächlich Fettreserven.

Außerdem flogen die Versuchstiere im Vergleich zu den Vögeln der Kontrollgruppe später los - durchschnittlich erst nach vier Tagen statt nach einem halben. Die Forscher gehen davon aus, dass die Vögel ihren Zwischenaufenthalt verlängern, um sich von der Vergiftung zu erholen.

"Der Vogelzug ist ein kritischer Zeitraum für Vögel, und das Timing ist dabei von Bedeutung, denn Verzögerungen können ihren Erfolg bei der Suche nach Partnern und beim Nisten erheblich beeinträchtigen", sagt Christy Morrissey, die Seniorautorin der Studie. Letztlich habe das Mittel deshalb Folgen für das Brutverhalten. Dies erkläre zum Teil, warum Zugvogelarten und Ackerlandvogelarten weltweit so dramatisch zurückgehen.

Vogelschutzexperte Lars Lachmann vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) hält die Untersuchung für sehr wichtig, obwohl Imidacloprid in der EU in der Freilandanwendung seit April 2018 verboten ist. "Die Studie gibt Hinweise auf mögliche Ursachen für den starken Rückgang von Vögeln, die sich auf und in der Nähe von Agrarflächen aufhalten", erklärt er.

Während in Deutschland der Gesamtbestand an Vögeln seit 1980 im Wesentlichen stabil geblieben sei, habe der Bestand an Ackerlandvögeln um 35 Prozent abgenommen. Lachmann regt Untersuchungen zum Pflanzenschutzmittel Thiacloprid an, das chemisch eng mit Imidacloprid verwandt und noch ohne Auflagen zulässig ist.

Ende April 2018 hatten die EU-Staaten mit einer knappen Mehrheit für ein weitergehendes Freilandverbot bestimmter Neonikotinoide - Clothianidin, Thiamethoxam und Imidacloprid - gestimmt. Sie können Experten zufolge Insekten bereits bei einer niedrigen Dosierung lähmen, töten oder das Lernvermögen und die Orientierungsfähigkeit beeinträchtigen.

joe/dpa
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